Auf der Flucht
Die spektakulärsten Ausbrüche im Nordosten

Mit einem Großaufgebot suchte die Polizei im März 2015 unter anderem in einer Kleingartenanlage in Rostock nach einem entflohenen Straftäter. Der als gewalttätig eingeschätzte 49-Jährige entkam während eines Arztbesuchs.
Mit einem Großaufgebot suchte die Polizei im März 2015 unter anderem in einer Kleingartenanlage in Rostock nach einem entflohenen Straftäter. Der als gewalttätig eingeschätzte 49-Jährige entkam während eines Arztbesuchs.
Bernd Wüstneck

Nach dem Tod der sechsjährigen Leonie in Torgelow floh David H. aus dem Polizeirevier in Pasewalk. Dass Kriminelle abhauen, ist aber kein Einzelfall.

Im Nordosten werden nach Angaben der Landeskriminalämter in Rampe und Potsdam derzeit mehrere Tausend Personen polizeilich gesucht. In den meisten Fällen handelt es sich dabei nicht um Schwerverbrecher, sondern um Personen, die zum Beispiel eine Geldstrafe nicht bezahlt haben.

Doch es wird auch nach rund 400 Personen gesucht, die schwere Straftaten begangen haben oder begangen haben sollen, darunter Mordversuche, Totschläge, Raubüberfälle und gefährliche Körperverletzungen. In Brandenburg werden 256 Personen gesucht, in Mecklenburg-Vorpommern sind es etwa 170 Personen – darunter auch der 27-jährige David H. aus Torgelow, der im Verdacht steht, seine sechsjährige Stieftochter Leonie in Torgelow getötet zu haben.

Sollte ein Ausreißer keine weiteren Straftaten begangen haben, dann ist Flucht an sich nicht strafbar, auch nicht aus Polizeigewahrsam oder einem Strafvollzug. Dies bestätigte das Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern dem Nordkurier am Dienstag. „Flucht ist unter bestimmten Umständen ein natürlicher Instinkt des Menschen“, heißt es aus Schwerin. Und: „Es gibt keinen Straftatbestand der Flucht,“ so ein Ministeriumssprecher.

Der Fall „Rostock”

Ein 49-Jähriger saß im Maßregelvollzug in Rostock wegen Raubes und Körperverletzung. Während der Behandlung in einer Rostocker HNO-Klinik bedrohte der Mann zwei Pfleger mit einer Schere, wodurch ihm die Flucht gelang. Erst elf Tage später gelang es der Polizei, den 49-Jährigen im Berliner Obdachlosenmilieu festzunehmen. Die Polizei hatte mit einem Großaufgebot von rund 360 Beamten nach dem Straftäter gesucht. Insgesamt gingen im Zeitraum der Flucht mehr als 150 Hinweise aus der Bevölkerung ein. Das Justizministerium leitete im Anschluss eine Untersuchung ein. Einer der festgestellten Fehler war, dass dem Häftling schon Tage zuvor der Arzttermin bekanntgegeben worden war, so dass er Zeit zur Vorbereitung der Flucht hatte.

Der Fall „Pasewalk 1”

Der Stiefvater des toten Mädchens in Torgelow ist nicht die erste Person, die in Pasewalk aus Polizeigewahrsam floh. Im September 2017 gelang einem 27-jährigen polnischen Einbrecher die Flucht aus einer Arrestzelle. Der Mann war in ein Wohnhaus in Pasewalk eingestiegen, die Polizei stellte im Fluchtauto nicht nur die Beute, sondern auch drei scharfe Pistolen und dazugehörige Munition sicher. Der 27-Jährige konnte eine halbe Stunde nach seiner Flucht aufgegriffen werden. Dennoch teilte die Polizei mit, dass die Sicherheitsstandards der in den Zellen eingebauten Fenster erhöht werden müssten. Trotz in der Stadt kursierender Gerüchte über den genauen Hergang der Flucht schwieg sich die Pasewalker Polizei zu Einzelheiten eisern aus. Bis heute weiß man nicht, wie genau der Mann entkam und welche Vorkehrungen getroffen wurden, um eine erneute Flucht eines Straftäters zu verhindern.

Der Fall „Bützow”

Am 4. März 2014 floh ein 48-jähriger Insasse der Justizvollzugsanstalt Bützow. Der wegen mehrfachen Betruges zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilte Mann war zur Behandlung im Rostocker Universitätsklinikum, wo er rund um die Uhr von einem Justizvollzugsbeamten überwacht werden sollte. Der 48-Jährige durfte ungefesselt zur Toilette gehen, der ihn begleitende Beamte kehrte aus heute immer noch ungeklärten Gründen von dort frühzeitig zum Krankenzimmer zurück. Daraufhin suchte der Häftling das Weite. In den zwei Wochen seiner Flucht beging der Mann rund ein Dutzend Betrügereien. Gefasst wurde er im Zillertal in Österreich, wo er sich als potenzieller Käufer eines Hotels vorstellte.

Der Fall „Neustrelitz”

Im Oktober 2017 nutzte ein 24-jähriger Insasse der JVA Neustrelitz einen Familienbesuch zur Flucht. Der junge Mann war wegen Betrugs und Diebstahls bereits seit Januar 2016 in Haft und hatte aufgrund seiner guten Führung einen begleiteten Besuch seiner kranken Eltern in Westmecklenburg genehmigt bekommen. Er habe einen unbeobachteten Moment zur Flucht genutzt, erklärte das Justizministerium später. Eigentlich sollte mit diesen beaufsichtigten Ausgängen die Entlassung des Mannes vorbereitet werden, die im Juli 2018 hätte anstehen sollen. Der Mann konnte noch in der Nacht in Schwerin gestellt werden.

Der Fall „Plötzensee”

Ende 2017 und Anfang 2018 flohen innerhalb von nur fünf Tagen sieben Häftlinge aus dem Gefängnis in Berlin-Plötzensee. Die ersten vier brachen mit einem Trennschleifer und einem schweren Hammer die Gefängnismauer zwischen zwei Lüftungsspalten auf. Durch das Loch gelangten sie auf das Außengelände und überwanden dort noch einen Stacheldrahtzaun. Die Häftlinge arbeiteten in einer Werkstatt in der JVA und hatten dort am Morgen ihren Dienst angetreten. Offensichtlich entfernten sie sich von ihrem Arbeitsplatz und brachen dann das Loch in die Mauer. An den Folgetagen kehrte ein Häftling nicht aus dem offenen Vollzug zurück, zwei weitere flohen abends durch das Fenster einer Nachbarzelle aus dem offenen Vollzug. Beim offenen Vollzug verbringen Insassen den Tag über außerhalb der Gefängnismauern und die Nacht in der Zelle.

Der Fall „Frank Schmökel”

Bundesweite Aufmerksamkeit erreichte der Fall des aus dem brandenburgischen Strausberg stammenden Mörders und Vergewaltigers Frank Schmökel, der wiederholt aus dem Maßregelvollzug floh und immer wieder neue Straftaten verübte. Schon in seiner Kindheit fiel der Polizistensohn durch sexuelle Straftaten auf, 1988 wurde er im Alter von 26 Jahren erstmals wegen Vergewaltigung verurteilt. Nach seiner Entlassung folgten weitere Straftaten und Verurteilungen. 1994 gelang Schmökel während eines Freigangs die Flucht, auf der er in Kletzin in der Mecklenburgischen Seenplatte ein elfjähriges Mädchen vergewaltigte und versuchte, sie umzubringen. Er wurde zu 14 Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs und versuchten Mordes verurteilt. Als er auf einer weiteren Flucht einen Mann tötete, wurde er zu einer lebenslanger Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Gutachter hatten Schmökel bestätigt, nicht therapierbar zu sein. Er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Luckau-Duben.