Konstrukteur Uwe Dahlke kennt die Werft in Stralsund von Kindesbeinen an. Nach der Insolvenz der MW Werften sieht er gleich me
Konstrukteur Uwe Dahlke kennt die Werft in Stralsund von Kindesbeinen an. Nach der Insolvenz der MW Werften sieht er gleich mehrere Chancen für das Traditionsunternehmen. Ralph Sommer
Die inzwischen ausgelieferte „Chrystal Endeavor“ könnte als Aushängeschild für den Schiffbau der MV
Die inzwischen ausgelieferte „Chrystal Endeavor“ könnte als Aushängeschild für den Schiffbau der MV Werft Stralsund gelten. Stefan Sauer
Ein Schiffbauer hofft

„Die Volkswerft ist meine Heimat, hier bin ich groß geworden”

Nach der Werften-Pleite gibt es ausgerechnet für das Sorgenkind in Stralsund die vielleicht größten Chancen, findet Konstrukteur Uwe Dahlke, der seit 21 Jahren hier arbeitet.
Stralsund

Es gibt nicht mehr viele Schiffbauer, die seit der Pleite der MV Werften vor knapp vier Wochen noch arbeiten. Die Montage an dem zu 75 Prozent fertiggestellten Mega-Passagierschiff „Global 1“ in Wismar ruht. Denn noch ist nicht klar, ob es je einen Interessenten für den Ozeanriesen mit Platz für bis zu 9500 Passagiere geben wird.

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Einer, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, ist Uwe Dahlke, Konstrukteur in der MV Werft in Stralsund. Zusammen mit wenigen Dutzend Kollegen und Kolleginnen arbeitet der 42-Jährige derzeit noch am Projekt Global 1. „Wir erledigen Restarbeiten für das Schiff in Wismar“, sagt der krisenerprobte Wirtschaftsingenieur, der in seinem Berufsleben schon drei Insolvenzen er- und überlebt hat. Es handle sich um baubegleitende Konstruktionsaufträge, um Planungen für den noch ausstehenden Rohrleitungsbau, Maschinenbau und für die Elektrikausstattung.

Nach „Chrystal Endeavor“ keine neuen Schiffe mehr

Schiffe werden in der MV Werft am Strelasund dagegen schon lange nicht mehr gebaut. Seit die Luxus-Expeditionsyacht „Chrystal Endeavor“ am 10. Juli vergangenen Jahres die Werft verlassen hat, gibt es keine neuen Aufträge mehr. Wie sich jetzt herausstellte, hatte die Hongkonger Gentin-Gruppe ohnehin vor, die Werft „geordnet zu schließen“. Doch ausgerechnet die Insolvenz könnte nun doch noch einiges ändern.

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Plötzlich scheinen die Aussichten für die immer wieder in Krisen rutschende ehemalige Volkswerft gar nicht mal so schlecht zu stehen, findet Dahlke. Zwar dominiere derzeit Verunsicherung die Stimmung in der Stralsunder Belegschaft. Und manch einer, der vielleicht seinen Hauskredit abzustottern habe, müsse sich sofort umorientieren und schaue sich nach einem neuen Job um. Andere wollten vorzeitig in Rente gehen. „Für viele Kollegen aber ist jetzt erst einmal die Transfergesellschaft wichtig, um auf einen Neuanfang zu hoffen.“

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Hoffnungen in der noch 240 Mitarbeiter zählenden Belegschaft nährt im Moment vor allem die Hansestadt Stralsund, die zum 1. März für zehn Millionen Euro Grundstücke der Werft kaufen und darauf einen Gewerbepark etablieren will. Es gehe nicht um den Kauf einer Werft, sagt Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU), der im Mai wiedergewählt werden will. Ziel sei es, hier neue Unternehmen anzusiedeln und sich künftig mit mehreren innovativen Ideen breiter aufzustellen. Denkbar seien Schiffsreparaturen, aber auch Projekte für Erneuerbaren Energien oder neue Antriebe.

Steigt Ex-Eigentümer Nordic Yards wieder ein?

Man sei dafür bereits mit mehreren Interessenten im Gespräch, sagt Thomas Kühn, Fachanwalt für Insolvenzrecht, der zum Team des Insolvenzverwalters Christoph Morgen gehört. Er hat in der Vergangenheit auch schon die 2009 insolventen Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde begleitet und an den russischen Investor Igor Jussufow vermittelt. Namen neuer Investoren nennt er bislang nur einen: den ehemaligen Eigner der Werft, Nordic Yards. Dem Vernehmen nach will sich Nordic Yards in Stralsund auf Schiffsreparaturen konzentrieren.

Konstrukteur Dahlke sieht zum Beispiel einen riesigen Bedarf bei der Umrüstung ganzer Flotten auf umweltgerechte Antriebe. „Da bleibt auch viel Arbeit für uns Konstrukteure. Wir könnten in Stralsund aber auch komplette Segmente für Offshore-Plattformen bauen oder sogar kleine Umspannplattformen in der Größenklasse von Baltic 1 vor dem Fischland.“

Ausbildung auf der Volkswerft

Dahlke hatte auch schon bei der Firma GICON an der Entwicklung einer schwimmenden Windkraftanlage mitgewirkt. Der Standort Stralsund habe für ihn oberste Priorität und viel Potenzial, sagt der zweifache Familienvater. „Die Volkswerft ist meine Heimat. Hier bin ich groß geworden. Hierhin habe ich schon als kleiner Junge meinen Vater begleitet, der auf der Werft als Schweißer gearbeitet hatte, ehe er in Rente ging.“

Vor 21 Jahren hatte Dahlke auf der Volkswerft eine Ausbildung angetreten und später ein duales Studium absolviert. Zwischenzeitlich war er auch mal in anderen Unternehmen tätig, die Werft aber holte ihn vor vier Jahren wieder zurück. „Ich habe unheimlich große Lust, an diesem Standort mit möglichst vielen alten und neuen Kollegen etwas Neues anzufangen.“

Er habe die Hoffnung längst nicht aufgegeben. Vielleicht würden ja eines Tages in Stralsund wieder Schiffe gebaut. „Wir können hier gute Schiffe bauen. Das haben wir zuletzt mit dem Traumschiff ´Crystal Endeavor´ bewiesen.“ Die Superyacht, die bis einen Meter starkes Eis brechen kann, und seit Monaten vor der antarktischen Küste kreuzt, sei das beste Aushängeschild, das man sich vorstellen könne.

Teile für „Endeavor 2“ liegen sogar noch bereit

Die Luxusreisen der Reederei Crystal Yachts Expeditions Cruises für jeweils bis zu 200 gut betuchte Passagiere seien über Jahre hinaus ausgebucht. Und im Netz kursierten Fotos und begeisterte Reaktionen von Teilnehmern, die von Rundflügen mit dem Bordhubschrauber, Tauchgängen im schiffseigenen U-Boot oder einfach nur von einzigartigen Kajakausflügen schwärmten, sagt Dahlke.

„Ganz offensichtlich besteht ein weltweiter Bedarf an derartigen Reisen. Und wir können solche Schiffe bauen. Ist doch gut möglich, dass in Stralsund doch noch die Endeavor 2 gebaut wird.“ In der Montagehalle würden sogar noch Teile für das ursprünglich geplante Schwesterschiff liegen.

Damit derartige Aussichten Realität werden könnten, sei es jetzt einmal ganz wichtig, dass die Fachleute nicht abwanderten, betont Guido Fröschke von der IG Metall. Er unterstützt den Vertreter des Insolvenzverwalters, Thomas Kühn, um so schnell wie möglich die Finanzierung für eine Transfergesellschaft zu sichern. „Um die Fachleute hier zu halten, brauchen wir jetzt dringend die Hilfe des Landes.“

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