ZUKUNFTSEXPERTE THOMSEN

Die Welt nach Corona ist für MV Chance und Risiko

Wie geht es nach der Corona-Krise für und in MV weiter? Wie sieht es mit dem Tourismus aus, wie entwickelt sich Arbeitsmarkt und wie die Menschen? Zukunftsexperte Bernd Thomsen gibt Antworten.
Professor Bernd Thomsen aus Hamburg.
Professor Bernd Thomsen aus Hamburg. Yvonne Steidl
Hamburg.

Die Corona-Pandemie hat schon jetzt unsere Welt verändert. Wie wird sie nach der Krise aussehen? Ralph Sommer sprach mit dem international renommierten Strategen und Zukunftsforscher Professor Bernd Thomsen aus Hamburg darüber, welche Folgen Corona langfristig für uns haben wird.

Herr Professor Thomsen, wird sich das Konsumverhalten der Menschen nachhaltig ändern? Könnte es einen Trend vom Luxus hin zu den einfachen, wirklich wichtigen Dingen des Lebens geben?

Das Verhalten von Menschen basiert zu einem wichtigen Teil auf deren Einstellungen, Wahrnehmungen und Motiven. Wenn sich diese wandeln und mindestens 50 Jahre relevant bleiben, spricht man von sogenannten Future Assets (künftige Werte, d. Redaktion).

Die Corona-Krise wird uns zunächst volatile, flüchtige Trends bescheren. Es wird zum Beispiel übertriebene Kompensationskäufe nach dem Motto „Endlich mal wieder shoppen!“ geben. Oder: Sobald die Bundesliga-Stadien wieder öffnen, werden wir Fußballfans sehen, die vor Corona kaum in Stadien gingen. Doch diese Effekte haben eine kurze Halbwertzeit.

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Aber was wird sich langfristig etablieren?

Was sich langfristig ändert, war vorher schon da, nur weniger aufmerksamkeitsstark oder nur in kleineren gesellschaftlichen Gruppen. Manche Future Assets bekommen durch die Corona-Krise einen Schub und werden unsere Welt nachhaltig ändern. „Mindfulness“ (Achtsamkeit) ist so ein Beispiel, das oft belächelt wurde. Menschen, die sich Mindfulness zuwenden, wollen sich selbst unter anderem die Frage nach den eigenen Lebensprioritäten beantworten.

Genau damit befassen sich während der aktuellen Isolation nun auch Menschen, die wenig mit Esoterik am Hut haben. So sorgen glänzende Kinderaugen dafür, dass Mama und Papa entfallende Reisezeiten – und sei es nur ins Büro – in ein Familienfrühstück investieren. Sie öffnen den Blick der Eltern für die wirklich wichtigen Dinge. Hat die jetzt verordnete Entschleunigung nicht auch dann noch etwas Gutes, wenn sie freiwillig erfolgt? Ist das nicht der wahre Luxus?

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Also mehr Zuwendung zueinander statt Luxus?

Hüten wir uns vor Pauschalisierungen! Nur weil jemand Zeit nun noch stärker als Luxus erkennt, lässt er nicht gleich die Finger von Luxusprodukten. Zudem fragmentiert sich unsere Gesellschaft immer mehr in Wertegruppen. Future Assets, deren Bedeutung zunehmen, tun es nicht zwingend in jeder gesellschaftlichen Gruppe. In fast allen Wertegruppen dagegen wird mehr Geld und Zeit in Gesundheit investiert werden.

Die Menschen zählen etwa Sport und Ernährung zum Gesundheitsbegriff, der ihnen ganz persönlich wichtig ist. In diesen Branchen wird künftig mehr konsumiert – ein zusätzlicher Schub, der nicht mehr abebben wird. Die aktuelle Corona-Zeit lehrt uns, dass Gesundheit uns nicht vor Infektion schützt, aber oft davor, daran schwer zu erkranken.

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Wie wird sich die derzeit von Home-Office geprägte Berufswelt dauerhaft verändern?

Der staatlich auferlegte Rückzug zeigt uns, dass manches anders gehen kann als früher. Eingefahrene Gewohnheiten verlieren, die Fähigkeit zur Reflexion dagegen gewinnt an Bedeutung. Unsere Gruppe unterstützt in diesen Tagen viele Unternehmen dabei, deren Nach-Corona Zeit vorzubereiten, aber auch die aktuelle Krise zu meistern. Home-Office wird sich nach Corona fest etablieren. Es wird ein Umdenken in Sachen Arbeitskultur geben.

In der Folge werden auch technologische Anwendungen auf mehr Akzeptanz treffen – eine Entwicklung, die wir mit dem Future Asset „Teccaptence“ (in etwa: Technik-Akzeptanz, d. Red.) umschreiben. Unternehmen werden die viel diskutierte Digitalisierung jetzt mit Nachdruck anpacken. Anbieter von Online-Videokonferenzen werden davon profitieren, weil der Shutdown gerade zeigt, wie effizient sie sind. Die bisherige Meeting-Flut auf der Welt wird sich reduzieren. Das macht viele Geschäftsreisen überflüssig.

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Und was wird aus Urlaubsreisen? Wird sich das Reiseverhalten der Deutschen dauerhaft verändern? Könnten Tourismusgebiete wie die Ostseeküste oder die Mecklenburgische Seenplatte mittelfristig sogar profitieren, weil künftig deutlich mehr Deutsche auf Auslandsreisen verzichten? Sollte sich die Branche auf deutlich mehr Gäste auch im Herbst und Winter einstellen?

Die Fähigkeit zur Reflexion spielt auch im Tourismus eine zunehmende Rolle. Die Nach-Corona Zeit wird: kontraktil, glokal und reflektiert. Kontraktil bedeutet, dass Unternehmen – und das trifft besonders auch den Reisesektor – trotz staatlicher Rettungsbemühungen, untergehen werden. Die Wirtschaft funktioniert wie ein riesiger Muskel, der kontrahiert und dabei besonders kleine und mittlere Anbieter zerdrückt, sich dann aber wieder entspannen wird. Ob Pandemie, Klima- oder andere Krisen, immer wieder werden wir solche Kontraktionen erleben.

Da zeichnen Sie aber eine düstere Zukunft für den Nordosten...

Zugegeben, das mag pessimistisch klingen, ist aber nur realistisch, auch wenn es Unternehmern, die gerade um ihr Lebenswerk fürchten, verständlicherweise zynisch erscheint. Je schneller sie diese kontraktile Zukunft akzeptieren, desto kreativer und flexibler bleiben sie, um sich gemeinsam mit ihren Mitarbeitern immer wieder neu zu erfinden. Davon können auch die lokalen Tourismusgebiete profitieren.

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Die aktuelle Krise liefert aber nicht das Ende der Globalisierung. Eine reduzierende Verschiebung bedeutet sie allerdings schon, hin zu: global und lokal, eben glokal. Regionale Erzeugnisse werden eine Renaissance erleben. Und regionale Touristik profitiert auch. Das heißt aber nicht, dass Deutsche auf Auslandsreisen und Kreuzfahrten verzichten und jetzt ganzjährig an die deutsche Ostseeküste stürmen.

Wir werden nach Corona sogar – anders als bei Geschäftsreisen – eine Zunahme der Ferienflüge erleben. Aber die Zeit wird ja nicht nur kontraktil und glokal, sondern auch „reflektiert“ sein. Und reflektierende Urlauber sehen, dass ein Besuch des Ozeaneums in Stralsund, eine Wanderung durch ein Biosphärenreservat und ein Aufenthalt in einem Wellness-Hotel eine gesunde Alternative sind.

Heißt das, der Tourismus im Nordosten könnte mittelfristig sogar profitieren?

Ja. Die Corona Krise lenkt schon jetzt die Aufmerksamkeit Deutschlands in den Nordosten, etwa als das Oberverwaltungsgericht in Greifswald die Oster-Reisebeschränkungen kippte oder wenn das Robert Koch-Institut die neuesten Zahlen veröffentlichte. In keinem anderen deutschen Bundesland gibt es so wenige am Virus Sars-CoV-2 Infizierte und Verstorbene.

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Während in Bayern Montag um Mitternacht 33.015 Personen offiziell infiziert waren, zählte Mecklenburg-Vorpommern nur 618 Menschen. Elf Personen verstarben. In Bayern dagegen 820 Menschen. Bei den Infektionen je 100.000 Einwohnern zeigt sich ein gleiches Bild. Arg vereinfacht ist MV also das „gesündeste Bundesland“. Gemeinsam mit Thüringen und Sachsen-Anhalt folgt Brandenburg mit der geringsten Zahl gemeldeter Fälle im Bundesländer-Vergleich.

Inwiefern werden sich bisherige Lieferketten rund um den Globus verändern? Geht der Trend wieder mehr in Richtung Vorratslagerung?

Ja, das ist eine weitere Veränderung, in eben genannter glokaler Zukunft. Firmen wird die Gewissheit, sicher handeln zu können, wichtiger. Daher werden sie ihre regionale Produktion ausbauen und Lagerbestände erhöhen. Vor allem werden sie ihre – bisher komplexen – Lieferketten neu definieren. Seefracht zwischen China und Europa ist rund einen Monat unterwegs, und die Lohndifferenzen, etwa zwischen dem Reich der Mitte und Osteuropa sind nicht mehr so bedeutend. Da kann es sinnvoll sein, auf dem Kontinent zu bleiben. All das wird die globale Vernetzung jedoch nicht zerschneiden!

Wie wird sich denn weltweit die pharmazeutische Industrie entwickeln?

Die Corona-Krise macht deutlich, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens – und damit der Pharmaindustrie – von enormer, weltweiter Bedeutung ist. Eine App zum Beispiel wird Teil einer Exit-Strategie aus dem aktuellen Lockdown. Die Branche steht vor einem Boom, wenn sie ihre Expertise mit digitalen Anwendungen verbindet. Jene Player, die es nicht tun, werden untergehen. Die Gesundheit wird künftig viel mehr von aktiven und informierten Verbrauchern als von Ärzten mit passiven Therapie-Empfängern bestimmt werden. Die Digitalisierung wird der Turbo in der Pharmaindustrie, die zunehmend in den Wettbewerb mit Startups treten wird.

Eine zweite wichtige weltweite Entwicklung ist die Individualisierung. Die sogenannte Pharmakogenomik wird die 0,03-prozentigen-DNA-Unterschiede in jedem von uns aufzeigen: Warum funktioniert eine Medikamentation für eine Person besser? Warum reagiert eine andere empfindlich? Und warum ist manches großartige Medikament doch nur bei 60 Prozent der Patienten wirksam? Wissen über mehr als 50 Millionen DNA-Variationen hätte ärztliche Therapie auch während Corona effizienter und effektiver gemacht. Auch hier wird MV eine wichtige Rolle zuteil.

Inwiefern?

Erfolgreiche Schritte in eine gesunde Zukunft stammen oft aus MV. Während in ganz Deutschland der Anteil der Gesundheitswirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 12 Prozent beträgt, trägt sie laut Wirtschaftsfördergesellschaft in MV mehr als 25 Prozent zum landesweiten BIP bei. 20 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten hier. Die Gesundheitswirtschaft ist somit die deutsche Nummer 1 für den regionalen Arbeitsmarkt. Wieder vereinfacht, aber wieder zutreffend: MV ist das „gesündeste Bundesland“.

Wie lange wird es dauern, bis sich die Wirtschaft erholen wird, und auf welche finanziellen Einschnitte müssen sich die Deutschen einstellen?

Das ist abhängig davon, wie schnell Deutschland den Weg zur Normalisierung beschreiten kann. Der Abschwung aber ist unvermeidbar. Die Arbeitslosigkeit wird steigen, abhängig von der Dauer des aktuellen Lockdowns. Die Schere der finanziellen Einschnitte öffnet sich durch Corona nicht zwischen arm und reich, sondern zwischen angestellt und selbstständig. Untersuchungen zufolge hat sich nur bei 17 Prozent der Haushalte das Einkommen verringert. Unter den Selbstständigen allerdings bei 41 Prozent. Letztere habe ich aber immer als unvoreingenommen für neue Möglichkeiten kennengelernt.

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