In der Gutsanlage Woldzegarten sollen künftig junge kreative Berliner und Hamburger Spaß beim Arbeiten haben.
In der Gutsanlage Woldzegarten sollen künftig junge kreative Berliner und Hamburger Spaß beim Arbeiten haben. dpa Archiv
Ansgar Oberholz will Woldzegarten zum „Wohnzimmer der Metropolen“ machen.
Ansgar Oberholz will Woldzegarten zum „Wohnzimmer der Metropolen“ machen. Stephanie Pilick
Der Zahn der Zeit nagte an der gewaltigen Schlossanlage Broock, doch jetzt entsteht hier ein gewaltiges Kulturprojekt. Ein Bew
Der Zahn der Zeit nagte an der gewaltigen Schlossanlage Broock, doch jetzt entsteht hier ein gewaltiges Kulturprojekt. Ein Beweis für Projektleiter Christian Schmidt, dass auch Ruinen rettbar sind. Und noch gibt es aus seiner Sicht zu viel davon in MV. Voß
Der Architekt Christian Schmidt
Der Architekt Christian Schmidt Voß
Anfang September 2021 präsentierte sich die Schlossruine Broock ungewöhnlich dekoriert. Grund war ein DJ-Festival &b
Anfang September 2021 präsentierte sich die Schlossruine Broock ungewöhnlich dekoriert. Grund war ein DJ-Festival „Bau mich auf” in der weitläufigen Anlage. Stefan Hoeft/Jan Fischer
Hipster auf dem Land

Digitale Szene erobert Gutsanlagen von MV

Viel Platz für kreative Ideen: Von Vorpommern bis an die Seenplatte werden Schlösser, Scheunen und Speicher zum „Spielplatz“ der sogenannten digitalen Boheme.
Seenplatte Vorpommern

Als „Garten der Metropolen“ gilt das MV-Grün zwischen Berlin und Hamburg bereits. Als „Wohnzimmer“ der digitalen Boheme beginnt sich das Land gerade zu etablieren. Nicht von ungefähr ziehen immer mehr Hipster mitten aus Berlin-Mitte aufs Land.

Mehr zum Thema: Coworking-Pionier St. Oberholz will Gutshof Woldzegarten ausbauen

Da, wo der Schöpfer von „Berlin-Alexanderplatz“, Alfred Döblin, in den wilden 1920ern in Berlin sein Bier trank, leuchtet heute das Apple-Logo an aufgeklappten weißen Laptops – im Cafe St. Oberholz. Hier tüfteln die freiberuflichen Kreativen aus der Galerieszene, Musiker, Film- und Medienschaffende beim Latte Macchiato an ihren Projekten. Doch den Bohemiens von heute wird der Platz zu knapp und teuer. Weshalb St. Oberholz Consulting jetzt die Gutsanlage Woldzegarten gekauft hat. Der idyllisch bei Malchow gelegene Gutshof mit seinem riesigen Kultur-Speicher offeriert einen optimalen Raum für vielfach vernetzte, kreative Arbeit. Mit Szene-Worten: ein Coworking Space.

Angetrieben durch das „Gefängnis“ Corona

Als einen solchen Coworking Space sehen offenbar immer mehr Großstädter, angetrieben durch das „Gefängnis“ Corona, den gesamten noch „leeren“ Nordosten, und ganze Gutsanlagen mit ihren ungenutzten Festsälen, Speichern, Ställen und Parks als Ideen-Raum. Ein gigantisches Beispiel bildet Schloss Broock, das raketenartig seine zinnengefassten Türmchen in den Tollensetaler Himmel reckt. Von der traurigen, fensterlosen Ruine, die zu betreten vor Jahren tödlich hätte enden können, ist das neogotische Kastell inzwischen zum Kulturdenkmal nationaler Bedeutung erwachsen. Atemberaubende 60 Millionen Euro fließen da hinein, mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Bundes.

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Denn Broock war einmal sehr bedeutend. Immerhin: In das damalige Gestüt, auf Leinwand vom Berliner Maler Ernst Litfass als „Die Broocker Parforce-Jagd“ gebannt, investierte selbst der deutsche Kaiser seine Taler. Der „Architekt des Königs von Preußen“ Friedrich August Stüler, der das Neue Museum Berlin entwarf und am Rügener Jagdschloss Granitz wirkte, gab dem einstigen Barockbau Broock sein heutiges Gepräge. Selbst der Architekt Ludwig Persius, der Schinkel in Sanssouci assistierte, soll für Gut Broock mitgedacht haben.

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So mutmaßt Projektleiter Christian Schmidt, der sich als einer der Pioniere maßgeblich für den Erhalt des eigentlich todgeweihten Ensembles eingesetzt hat. Bis der Berliner Architekt Stefan Klinkenberg, eigentlich „nur“ Urlauber im benachbarten Schloss Schmarsow, bei einer Radtour das Potenzial der Anlage erkannte und den Zuschlag per Telefon nach Neuseeland erhielt, wie Schmidt das „Wunder von Broock“ nacherzählt. Bis 2025 nun wird an einer spannenden Mixtur aus Vorhandenem und zu Rekonstruierendem aller beteiligten Zeitalter gebaut – vom Barock über das 19. Jahrhundert bis in die DDR-Zeit. Was für eine Pracht hier geherrscht haben mag, tritt allein an einer Kuppel im Seitentrakt zutage: Bronzierte Weinblätter ranken in hellblauen Himmel.

Mietbarer Wohnraum wird knapp

Ein Schatz, denn aus dem 18. Jahrhundert ist fast alles getilgt: Das lange leere Haus wurde zum Baustofflager. Parkettholz wanderte in Öfen, barocke Flügeltüren dienten als Schweinekoben, Gemälde als Hühnerställe. Ab 2025 soll das schon zu seiner Blüte als ungewöhnlich groß geltende „Schloss Broock“ mit seinen innen rund 3000 Quadratmetern sowie dazu mit den erhaltenen Stutenställen und der Reithalle Platz für 300 Betten bieten. Allein der Wirtschaftskomplex hat Kapazität für Veranstaltungen bis zu 2000 Gäste und für parallel erklingende Konzerte. Broock könnte Bühne fürs Theater Vorpommern, die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und von Elektropop-Festivals werden. Wohnprojekte für Zuzügler in die umliegenden Dörfer entstehen mit 60 festen Arbeitsplätzen. Denn schon jetzt ist mietbarer Wohnraum im Tollensetal knapp.

Überall zieht junges Leben ein. Auch im benachbarten Tentzerow, das einst zu Gut Broock zählte. Der neue Gutshausbesitzer, der Koch und Schauspieler an der Berliner Volksbühne noch unter Regisseur Frank Castorf, Jorres Risse, spricht von seinen Plänen: Unter anderem auch von einem „Coworking Space“...

Bei Stavenhagen soll es „Glamping“ geben

Mecklenburg-Vorpommersche Landluft scheint also tatsächlich einen „janz besondren Duft“ auszuströmen wie einst die Berliner Luft. Auch in der Mecklenburgischen Schweiz hat das neue Land-Leben die international agierende junge Designerin Nina Hollenstein zu einem ganz besonderen Einfall angeregt: In ihrem denkmalgeschützten Gutspark Scharpzow nahe Stavenhagen ist jetzt „Glamping“ angesagt. Das heißt, hier kann man in Mietzelten sinnieren, denken, arbeiten und sich erholen.

Schnödes Campen ist hier nicht „in“. Wahre Leinwandvillen inmitten von altem Baumbestand, Lichtungen und großer Vogelschar werden angeboten: Zeltsuiten aus grober Baumwolle und mit hohem Spitzgiebel. So kann man vom Boxspringbett in antiker Leinenbettwäsche den direkten Blick in die Natur genießen, am Schreibtisch daneben die Poesie notieren, die dem „Glamper“ garantiert einfällt. Das hätten Fritz Reuter und Hoffmann von Fallersleben, die sich hier einst trafen, bestimmt auch so gemacht.

 

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