BETRACHTUNG

Echter Ossi oder nicht? Eine sinnlose Suche nach Identität

Ostdeutsche verdienen weniger Geld und haben seltener Erfolg. Wer sind diese Menschen, wie kann man ihnen helfen? Das sollte eine absurde Debatte im Landtag klären. Carina Göls über die mentale Mauer.
Carina Göls Carina Göls
Jungpioniere legten 1983 am Karl-Marx-Denkmal in Neubranden-burg einen Kranz nieder. Ein Debatte im Landtag zufolge wären sie zu jung, um „echte“ Ossis zu sein.
Jungpioniere legten 1983 am Karl-Marx-Denkmal in Neubranden-burg einen Kranz nieder. Ein Debatte im Landtag zufolge wären sie zu jung, um „echte“ Ossis zu sein. Karl-Marx-Platz
Neubrandenburg.

Im 30. Jahr nach dem Mauerfall, den jeder Mensch aus Ost und West auf ganz eigene Weise erlebte, scheinen wir mehr denn je wieder eine Mauer aufzubauen, eine mentale, eine zwischenmenschliche. In der Hoffnung der Ostdeutschen, nicht nur ihre alte Welt, sondern auch ihre Würde zu retten.

Denn natürlich sind „Ossis“ in vielen Bereichen noch hinter ihren westdeutschen Kollegen. In den Jobs haben sie noch immer nicht viel zu sagen, denn sie sind viel seltener in Führungspositionen, sie verdienen weniger als „die im Westen“.

Wann ist man ein Ossi?

Um dieses in alle Lebenslagen reichende Problem ad absurdum zu führen, statt etwas für Gemeinsamkeit von Ost und West zu erkämpfen, beschäftigt sich die Landespolitik mit der Frage, wann man ein Ossi ist. Anlass ist eine Kleine Anfrage der Linken-Landtagsfraktion zum Anteil Ostdeutscher an wichtigen Posten der Landesverwaltung, wie Minister, Staatssekretäre, Hochschulrektoren oder Geschäftsführer von Unternehmen mit Landesbeteiligung.

Als Ostdeutscher soll dabei nach Ansicht der Linken nur gelten, wer bis zum 31.  Dezember 1975 in der DDR geboren wurde und dort bis 1989 oder kurz davor gelebt hat. Da kann man schon in eine Identitätskrise geraten: So sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern, Claudia Müller: „Ich bin demnach keine Ostdeutsche.“ Sie ist Jahrgang 1981.

Kein Zug, kein Weg führt zur DDR

Es ist eine schwierige Situation: Wenn Großeltern dem Lebensende hin beispielsweise nach Schlesien oder in andere Gebiete ihrer Kindheit wollten, wenn es sie an jene Orte zog, in denen sie wichtige Jahres ihres Leben verbrachten, dann ermöglichten ihnen ihre Familien oft diese vielleicht letzte Reise. Mit der DDR ist das anders: Man kann dorthin nicht zurück. Es gibt zwar den Boden, das Land, manche Gebäude, Bäume und viele Erinnerungen, aber es ist nicht mehr zu bereisen wie in eine längst vergangene Zeit. Kein Zug, kein Weg führt dahin zurück.

Und das ist auch gut so. Mit meiner Meinung stehe ich – zur Wende 19 Lenze und frisch immatrikuliert – vor allem bei Eltern und Großeltern oft allein da. Das verstehe ich. Denn dieses Stück „Reise nach Schlesien“ steckt in Menschen wie meinen Eltern, die mehr als die Hälfte ihres Daseins in der „Zone“ verbrachten. Klaglos. An alles gewöhnt und tatsächlich auf ihre Weise zufrieden.

„Was nützt es, wenn ich reisen kann, wohin ich will, wenn ich kein Geld dafür habe?“ – das ist nur eine Frage, bei der ich mich ärgere, wenn die Vergangenheit wie ewig drehende Platte gelobt wird. Natürlich wird einem nichts geschenkt. Natürlich gibt es große soziale Probleme. Und sie werden nicht kleiner durchs Klagen.

Freiheit ist nicht genormt

„Aber“, entgegne ich dann, „aber ihr könntet heute euer Bündel schnüren und in die Welt ziehen. Ihr könntet. Wenn ihr wolltet. Niemand wird euch dafür hinterrücks an der Grenze eine Kugel in den Körper jagen.“ Freiheit nennt man das. Und die ist nicht genormt. Die kann teuer oder kostenlos sein, je nach Gusto.

Die nötige Selbstständigkeit im neuen und von Millionen so gewolltem Land überfordert heute viele. Manche Menschen sehnen sich nach jemandem, der klar sagt, was sie eigentlich tun sollen. Und irgendwann kommt die Frage: Hatte das Ganze früher nicht doch seine guten Seiten?

Die Gruppe war wichtiger als jeder Einzelne

Zweifellos, aber die guten Seiten lagen sicher nicht am System, sondern in den einzelnen Biografien der Menschen im Osten. Denn was im Westen der gern zitierte Einzelkämpfer war auf dem Weg zum Erfolg, das hatte der Ostdeutsche in seiner Planwirtschaft nicht nötig. Die Gruppe war wichtiger als der Einzelne. Da muss man auch nicht immer bei allem der Beste sein, um zu glänzen. Nicht die schlechteste Philosophie, aber heute obsolet.

Das meint nicht, dass man sich anpassen und seine Herkunft leugnen muss. Aber man darf auch nicht von jedem von der „anderen Seite“ ad hoc Verständnis erwarten. Die politische Bildung in beiden Teilen der Republik hat Bilder gezeichnet, die sich verändern können, wenn alle genau hinsehen.

Wie bringen solche Erkenntnisse und Definitionen, wer nun ein „echter“ Ossi ist, unsere Gesellschaft weiter? Vielleicht ist es Zeit fürs Zuhören statt auf der Suche nach bestätigten Klischees zu sein. Für viel mehr Toleranz, so wie es junge Leute uns oft vorleben. Zeit fürs Zuhören, so wie viele es bei den Großeltern versäumt haben. Um zu verstehen, warum ein empfindlicher Bruch in der Biografie zwei Teile bringt, die sich aber bestenfalls gut zusammenfügen. Mit einem Wundmal. Vielleicht.

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Kommentare (4)

Herzlichen Dank für Ihre Sichtweise. Sie "prügeln" jedoch auf
mindestens einen Strohmann ein und scheinen die Hintergründe der
Kleinen Anfrage nicht zu sehen. Die ostdeutsche Erfahrung ist natürlich
von den Jahren in der DDR, aber v.a. von den fast 30 Nachwendejahren
geprägt. In dieser Nachwendezeit wurde von den Ostdeutschen eine
beispielslose Transformationsleistung erbracht. Der Wandel von
Industrie- zur (Post-)Dienstleistungsgesellschaft, der im Westen
Jahrzehnte dauerte, wurde im Osten innerhalb weniger Jahre durchgezogen.
Etwa 80% der Berufstätigen erlebten einen Bruch in ihrer Beschäftigung.
Der Geburtenknick ab 1990 war beispiellos für ein westliches
Industrieland. Der Weggang von mehrheitlich Frauen, Jungen und gut
Gebildeten hat bis heute drastische Lücken hinterlassen. Gleichzeitig
verwandelte sich in Gesamtdeutschland der "rheinische Kapitalismus" (aka
soziale Marktwirtschaft) sehr schnell zum globalisierten neoliberalen
"all you can get" System, die Schere zwischen Arm und Reich wurde in
atemberaubender Geschwindigkeit größer. All diese Leistungen wurden
nie gewürdigt, stattdessen verwenden auch Sie das Bild der Jammerossis.
Erst in den letzten Jahren kommt es verstärkt zu einem Innehalten und
Bewußtmachen der eigenen Errungenschaften. Und das ist auch gut so! :-)
Zur Identifizierung mit einer Gruppe oder einem Staat gehören auch
ausreichende Anknüpfungspunkte an Vertreter dieses Staates. Nach wie vor
ist das Gefühl groß, nicht von den Eliten in Wirtschaft, Medien und
Politik verstanden zu werden. Und deshalb geht es nicht um Spaltung,
sondern um Anerkennung und West-Ost-Nord-Süd-Austausch auf Augenhöhe.
Ihr oben erwähnter Strohmann ist nun die Definition einer ostdeutschen
Person in der Kleinen Anfrage der Linkspartei. Ich gebe Ihnen recht,
dass diese Definition zu kurz greift, weil natürlich auch Jüngere genug
direkt und indirekt durch ihre Familie und durch die Nachwendejahre
geprägt worden sind. Allerdings "prügeln" sie damit zugleich auf den
Versuch einer Feststellung ein, wie stark sich die Menschen in MV von
der dortigen Elite verstanden und vertreten fühlen. Der Anfang dieser
Feststellung ist nun mal Statistik und dafür muss man seine Faktoren
operationalisieren (hier: wer ist ostdeutsch). Daher: bitte den
Strohmann in die Ecke stellen.

Die Ostdeutschen sind jene Leute die den Herrschenden ein Dorn im Auge sind. Wir sind keine Schindler Juden aber auch keine Neonazis. Wir sind keine Weichspühlwessis die sich spielend einfach in 68er US-Kultur und Migration zersetzen lassen. Wir sind der Fels in der Brandung. Unser Land hat man bereits verkauft, unsere Betriebe abgewickelt, unsere Waffen in Kriege weltweit verkauft. Unsere Kinder hat man nach Afghanistan nach Afrika und sonst wo hin geschickt, damit das verlogene Demokratie Bild aus industriellen-militärischen Komplex erhalten bleibt. Auch unser Bildungssystem das laut Pisa auf Platz 1. steht hat man durch ein Gender-Verdummungssystem ersetzt. Wir brauchen weder die SED Kommunisten noch die EU-Lobbyisten in unseren Landen. Wir sind eben anders und das passt vielen nicht in den Kram.

Sie haben mir aus der Seele gesprochen, vielen Dank. Alles auf den Punkt gebracht.

Man fragt sich: Warum heißt es wohl Mitteldeutscher Rundfunk und nicht Ostdeutsche Rundfunk? Ganz einfach: Weil die ostdeutschen Gebiete nach wir vor unter polnischer/ russischer Verwaltung stehen. (Potsdamer Protokolle lesen) Wer im Jahr 30 nach der sog. "Einheit" immernoch die Suggestion bedient, dient allein dem Teile-und-Herrsche-Spiel jener, die das entrechtete deutsche Volk verwalten (siehe Art 53, 73 und 107 der UN-Charta "Feindstaatenklausel"): "Das älteste Ziel unserer psychologischen Kriegführung: Deutsche gegen Deutsche aufzuhetzen." schrieb Sefton Delmer, britischer Chefpropagandist und Vater der Umerziehung in seinem Buch "Die Deutschen und ich". Daran halten sie fest, denn nichts ist mehr gefürchtet als die Einheit der Deutschen. "Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand." heißt in der Verwaltungszonenhymne. Es mangelt all allen dreien.