Gleich 14 ehemalige Regierungsfahrzeuge aus DDR-Zeiten rollten am Samstagmittag über die Hafenmole des Sassnitzer Stadtha
Gleich 14 ehemalige Regierungsfahrzeuge aus DDR-Zeiten rollten am Samstagmittag über die Hafenmole des Sassnitzer Stadthafens. Ralph Sommer
DDR-Oldtimer

▶ Ehemalige DDR-Staatskarossen rollen über Rügen

Riesen-Auflauf im Stadthafen von Sassnitz auf Rügen. Mit Blaulicht und Sirenen rollte plötzlich ein Autokorso auf die Mole: 13 blitzblank geputzte Staatskarossen aus DDR-Zeiten.
Sassnitz

Nur die Älteren können sich noch an solche Spektakel erinnern, als einst Honecker und Genossen in ihren noblen Staatskarossen durch die abgesperrten Straßen rollten. Im Stadthafen von Sassnitz herrscht am Samstagmittag voller Betrieb. Am Kai drängen sich Hunderte Gäste, um zum Leuchtturm zu spazieren oder bei dem warmen Herbstwetter noch einmal einen Schiffsausflug zum Königsstuhl anzutreten.

Plötzlich rollt ein Autokorso mit Blaulicht, Sirenen und wehenden Hoheitsstandarten auf die Hafenmole: Zwölf dunkelblaue Volvos, ein schwarzer Tatra und der obligatorische weiße Volvo-Krankenwagen, der damals stets zum Schlepp der hohen Parteikader gehört hatte.

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Doch in den blitzblank polierten Oldtimern sitzen keine Funktionäre, sondern ganz normale Familien. Es sind Fans, die nach der Wende ehemalige Regierungsfahrzeuge aus dem Staatsbesitz gekauft, repariert und wieder in Fahrt gebracht hatten. Sie alle sind Mitglieder des ostdeutschen Vereins Fuhrpark Ost-West, der sich im Jahr 2014 gegründet hatte. Einmal im Jahr treffen sich die Liebhaber der edlen Staatskarossen zu einem dreitägigen Ausflug – zuletzt in Lutherstadt Wittenberg und in diesem Sommer eben auf der Insel Rügen.

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Zum Wochenendprogramm gehörten unter anderem ein gemeinsamer Ausflug zum Kap Arkona und die spektakuläre Fahrt durch Sassnitz, für die sogar eine Ausnahmegenehmigung zum Befahren der normalerweise für Fahrzeuge gesperrten Hafenmole erteilt worden war.

DDR-Oldtimer kommen regelmäßig bei Dreharbeiten zum Einsatz

Während eines Fototermins am Leuchtturm und bei einem ausgiebigen Halt mit Fischbrötchenessen am Kutter kamen die Erben der Honecker-Fahrzeuge ins Gespräch mit den staunenden Urlaubern, die wissen wollten, was denn derartige Oldtimer heute noch wert sind, wie luxuriös sie ausgestattet sind und wie teuer der Unterhalt der Spritfresser heutzutage ist.

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Im Pulk mit dabei ist auch Zahnarzt Dr. Rolf Mahlke, der im sächsischen Zettlitz das von Insidern geschätzte Hochglanz-Magazin „79 Oktan“ herausgibt und darin vor allem osteuropäische Oldtimer-Geschichten veröffentlicht. Auch er hatte vor Jahren einen Volvo aus DDR-Staatsbesitz ergattert, einen Volvo 264 TE.

„Ich hatte Glück“, sagt er, „denn ich hatte sogar ein damals relativ gut erhaltenes Fahrzeug bekommen, das einst als als Reservewagen gedient hatte und nur selten im Regierungs-Einsatz war. Als ich den gewissermaßen nigelnagelneuen Wagen bekam, hatte er gerade mal 20.000 Kilometer auf der Uhr.“ Da habe quasi nur die Bremsanlage erneuert werden müssen. Derartige Oldtimer, die übrigens regelmäßig auch bei Film-Dreharbeiten zum Einsatz kämen, würden heutzutage übrigens mit 20.000 bis 30.000 Euro gehandelt.

Übernachtung im früheren Erholungsheim für DDR-Parteifunktionäre

Nach der Spritztour durch den Hafen und einem weiteren Fototermin vor dem Rügen-Hotel rollte die Truppe über die B 96 zum Kaffeetrinken bei Gesine Lippert, der Ehefrau von Entertainer und Störtebeker-Barde Wolfgang Lippert, die seit 15 Jahren in Ralswiek ihr Restaurant „Riff“ betreibt. Übernachtet haben die Normalo-Staatsgäste übrigens – wo sonst – im einstigen Cliff-Hotel, das 1978 als Erholungsheim für DDR-Parteifunktionäre und ihre ausländischen Freunde eröffnet worden war.

Auch im Sommer 2022, so haben sie sich versprochen, werden sie sich wiedertreffen. „Dann geht es in den Thüringer Wald“, verrät Mahlke. Quartier soll dann im AHORN Panorama-Hotel Oberhof gebucht werden, dem früheren luxuriösen Interhotel, das einst DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht in dem Wintersportort bauen ließ.

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