VERKOHLTE STÄMME, BREITE WEGE

Ein Jahr nach dem verheerenden Waldbrand von Lübtheen

Fast eine Woche lang stand der Wald bei Lübtheen vor einem Jahr in Flammen. 3200 Einsatzkräfte halfen beim Löschen des größten Waldbrandes in der Geschichte MVs. Was hat sich seitdem getan?
dpa
Wegen des Feuers auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern mussten Hunderte Mensc
Wegen des Feuers auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern mussten Hunderte Menschen ihre Wohnungen verlassen (Archivbild). Jens Büttner
Feuerwehrleute löschen in der Nähe der evakuierten Ortschaft Alt Jabel (Archivbild).
Feuerwehrleute löschen in der Nähe der evakuierten Ortschaft Alt Jabel (Archivbild). Jens Büttner
Immer wieder waren auf dem Gelände Detonationen von Munition im Wald zu hören (Archivbild).
Immer wieder waren auf dem Gelände Detonationen von Munition im Wald zu hören (Archivbild). Bundeswehr
Löschwasser-Abwurf in der Nähe von Alt Jabel (Archivbild).
Löschwasser-Abwurf in der Nähe von Alt Jabel (Archivbild). Jens Büttner
Auch Wasserwerfer der Polizei waren im Einsatz.(Archivbild).
Auch Wasserwerfer der Polizei waren im Einsatz.(Archivbild). Jens Büttner
Lübtheen ·

Wolfgang Niebelschütz hat gerade die neu gepflanzten Lorbeersträucher gewässert. „Bei dem trockenen Boden hier muss man das fast täglich tun, sonst verdorren sie”, sagt der 80-Jährige, dessen Grundstück direkt an den einstigen Truppenübungsplatz bei Lübtheen grenzt. Auf dem Manövergelände im Südwesten Mecklenburgs hatte es vor einem Jahr einen gewaltigen Waldbrand gegeben, der für viele zum Fanal wurde für ein sich veränderndes Klima mit Witterungsextremen wie wochenlanger Dürre.

Nur wenige Hundert Meter vom Haus des vitalen Rentners entfernt stemmten sich Hundertschaften von Feuerwehrleuten tagelang mit aller Macht gegen die Feuerwalze, die auch das Heimatdorf von Wolfgang Niebelschütz, Alt Jabel, akut bedrohte. Der Wind trug den Brandgeruch bis nach Berlin und Sachsen. Munition im Waldboden, vor allem Hinterlassenschaften eines früheren Munitionslagers der Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg, hinderten die Löschtrupps daran, zu den Brandherden vorzudringen und sie direkt zu bekämpfen.

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Größte Waldbrand in der Geschichte Mecklenburgs-Vorpommerns

Das Feuer war am 30. Juni im Südwesten des von der Bundeswehr 2013 aufgegebenen Übungsplatzes ausgebrochen und gilt als der bislang größte Waldbrand in der Geschichte Mecklenburgs-Vorpommerns. Ein über Wochen ausgetrockneter Boden und dürres Buschwerk boten den Flammen reichlich Nahrung und ein frischer Wind trieb das Feuer auf mehrere kleinere Ortschaften zu.

Noch am Abend entschieden die Behörden damals, ein Ferienlager mit 100 Kindern und die ersten zwei von später vier Dörfern zu evakuieren. Auch Wolfgang Niebelschütz musste mit seiner Frau das idyllisch am Waldrand gelegene Häuschen verlassen und für eine Woche Unterschlupf bei Verwandten suchen. „Ein bisschen mulmig war uns schon. Aber ich war auch zuversichtlich, dass unsere Jungs das wieder in den Griff bekommen”, betont der heute 80-Jährige.

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Und das meint er wörtlich. Zwei Söhne seien Mitglieder der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, erzählt er. Doch die musste schnell erkennen, dass sie allein nichts ausrichten kann gegen den Flächenbrand, der am Ende 950 Hektar Wald verwüsten sollten. Der Landkreis Ludwigslust/Parchim rief den Katastrophenfall aus und machte so den Weg frei für den Einsatz von Bundeswehr und Bundespolizei, die Löschhubschrauber schickten. Schwere Löschtechnik und Wasserwerfer kamen aus anderen Bundesländern. Nach Angaben des Landkreises waren insgesamt etwa 3200 Einsatzkräfte an dem Löscheinsatz beteiligt.

Straße wurde verbreitert

Die Spuren des Brandes sind noch heute deutlich zu sehen. Bis zu zwei Meter hoch reichen die Rußspuren an den Stämmen der meist todgeweihten Kiefern. Das Feuer habe viele Bäume so geschwächt, dass sie zur leichten Beute von Insekten werden, erklärt Forstrevierleiter Tillmann Schulze. Ihm unterstehen 3600 Hektar und damit gut die Hälfte des früheren Übungsplatzes, der Bundeseigentum ist, und seit dem Abzug der Bundeswehr zum Nationalen Naturerbe gehört. Die Entwicklung hin zum widerstandsfähigen Mischwald verläuft weitgehend ohne menschliches Dazutun. „Ein langer Prozess”, wie Schulze sagt.

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Doch untätig waren die vom Bund bestallten Forstleute im zurückliegenden Jahr dennoch nicht. Sie sorgten mit dafür, dass die knapp 30 Kilometer lange frühere Panzerringstraße von 6 auf gut 30 Meter verbreitert wurde. Der vegetationslose Streifen wirke nun als sichere Brandschutzschneise, falls wieder ein Feuer ausbrechen sollte, erläutert Schulze. Zudem seien auch im direkten Umfeld der angrenzenden Dörfer Rodungen vorgenommen und auf dem gesamten Manövergelände 13 Tiefbrunnen angelegt worden. „Neben der Munitionsbelastung war das knappe Wasser eines der großen Probleme bei der Brandbekämpfung”, erläutert Schulze. Bis in 80 Meter Tiefe hätten die Bohrungen zum Teil niedergebracht werden müssen.

Lübtheens Bürgermeisterin Ute Lindenau ist froh, dass die kleinen Dörfer rund um das früheren Übungsgelände nun besser geschützt sind. „Auch dieser Sommer fängt wieder recht heiß an. Wir sind nun aber deutlich besser auf mögliche Brände vorbereitet”, sagt sie. Dazu trage auch die bessere Ausstattung mit Löschtechnik bei, für die das Land kräftig in die Tasche griff. Ungeduldig wird Lindenau indes, was die touristische Nutzung der befestigten Ringstraße für Radfahrer und Wanderer angeht. Statt in diesem Sommer solle die Straße erst im kommenden Jahr geöffnet werden. „Das ist uns zu spät”, klagt sie.

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Im Boden lauert die Gefahr

Große Teile des Übungsplatzes müssen aber noch viel länger für Naturfreunde und und Pilzsammler gesperrt bleiben. Denn die Gefahren durch die dort noch verstreut herumliegende Munition sind nach Ansicht von Experten nicht zu unterschätzen. Feuerwehrleute berichteten, dass sie bei den Löscharbeiten ständig Detonationen hörten. Nach Angaben von Gunther Brinkmann, Leiter der Bundesforstverwaltung, sind in ganz Deutschland 110.000 von 600.000 Hektar Wald im Bundesbesitz mit Munition belastet.

Wolfgang Niebelschütz, dessen Haus nun auch durch eine breite Schneise vom alten Militärübungsgelände getrennt ist, freut sich auf den Sommer und über den gut gedeihenden Kirschlorbeer. Die Büsche wachsen nun an der Stelle alter Birken, die er gleich nach dem Brand hatte fällen lassen. Sicherheitshalber.

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