INNENMINISTERIUM MV

Ein Polizeiarzt, dem nicht nur Frauen misstrauen

Anschuldigungen über esoterische Methoden, unangenehme Behandlungen und anzügliche Bemerkungen gibt es seit 2016 gegen einen Polizeiarzt in MV, sogar eine Anzeige. Doch der Mann ist weiter im Amt.
Gegen einen Polizeiarzt in Mecklenburg-Vorpommern gibt es seit 2016 Beschwerden von Beamtinnen und Beamten, doch der Mann prak
Gegen einen Polizeiarzt in Mecklenburg-Vorpommern gibt es seit 2016 Beschwerden von Beamtinnen und Beamten, doch der Mann praktiziert weiterhin. NK-Montage, Fotos: @thodonal, @abr68-stock.adobe.com
Schwerin.

„Frauen gehen nur zur Polizei, weil sie als ein Trauma erlebt haben und durch Uniform und Waffe ihr Selbstwertgefühl aufbauen können.“ Sätze wie diesen soll ein Beamter im Landesdienst regelmäßig vor Zeugen von sich geben – und der Mann ist nicht irgendein Beamter. Sondern als Polizeiarzt eine zentrale Vertrauensperson für Polizisten und Polizistinnen in Mecklenburg-Vorpommern. Doch vor allem Letztere werfen dem Mann frauenfeindliches Verhalten, unangenehme Berührungen und an Scharlatanerie erinnernde Methoden vor.

Dr. L., sein vollständiger Name ist der Redaktion bekannt, ist angestellt beim Landesamt für zentrale Aufgaben und Technik der Polizei, Brand- und Katastrophenschutz M-V, kurz LPBK, die Behörde gehört zum Innenministerium. Dr. L. ist einer der verantwortlichen Ärzte für die Polizistinnen und Polizisten dieses Landes – er entscheidet beispielsweise über ihre Verbeamtung auf Lebenszeit. Er gehört zu denjenigen, die Polizei-Anwärter nach einem medizinischen Check durchwinken. Und er kümmert sich um Dienstunfälle. Viel Macht und Verantwortung – noch etwas mehr als bei vielen anderen Ärzten.

Erste Beschwerde gegen Polizeiarzt in der Probezeit

Doch bereits 2016, seit der Einstellung von L. als Polizeiarzt, wurden Vorwürfe gegen ihn geäußert. Die erste Beschwerde gab es noch in seiner Probezeit. Drei Protokolle der vergangenen Jahre, die dem Nordkurier vorliegen, geben wieder, dass der Medizinaldirektor der Polizei, Thomas Gründler, also L.s Vorgesetzter, seit Jahren über die „derben Witze“ und „unangemessenen Äußerungen“ des Arztes Kenntnis hat. Doch bis auf Ermahnungen durch Gründler gab es bislang keine Konsequenzen für L. In einem der Protokolle über diese Ermahnungen wird festgehalten: „Bei Dr. L. bestünde hier aber wenig Problembewusstsein.“

Weitere Konsequenzen? Fehlanzeige. Dabei legen vier schriftliche Stellungnahmen von vier Zeuginnen und Zeuginnen im Rahmen einer betriebsinternen Beschwerde aus dem November 2019 nahe, dass bei Dr. L. offenbar wirklich einiges im Argen ist. In den Dokumenten ist nicht nur von anzüglichen Kommentaren des Mediziners zu lesen, sondern auch von denkwürdigen Behandlungsmethoden.

In einem der Protokolle wird beschrieben, wie der Arzt eine Beamtin „fünf bis zehn Minuten“ oberkörperfrei stehen lässt, während er ihr eine Körperteil-Fehlstellung erklärt. „Dabei legte er während der ganzen Zeit seine linke Hand an meine linke Schulter und seine rechte Hand auf der Schulter/am Rücken entlang”, heißt es in der Schilderung der Betroffenen. Und weiter: „Warum er mich dazu die ganze Zeit anfassen musste, ist mir nicht bekannt und ich sah auch keinen Grund dafür.“

Krebs durch ungestillte Bedürfnisse

Auch zwei ehemalige Polizeiärzte und mehreren Personen aus dem beruflichen Umfeld von Dr. L. berichten dem Nordkurier von dessen zweifelhaften medizinischen Methoden. Dabei kommen abenteuerliche Aussagen und Taten L.s zutage. Manch eine Beamtin soll deswegen mit Schamesröte im Gesicht das Gebäude verlassen haben.

Krebs bekomme man zum Beispiel, wenn man seine Bedürfnisse nicht stille, soll Dr. L. einem ehemaligen Kollegen erklärt haben. Einer Beamtin mit chronischer Darmentzündung soll L. zu der medizinisch mehr als zweifelhaften Methode geraten haben, zehn Minuten lang mit einem Duschschlauch rektal durchzuspülen – damit alles „richtig sauber“ werde.

In einem Gespräch über Allergien soll er zu einer Beamtin sinngemäß gesagt haben, wenn es sexuell nicht klappe, dann könne man ja auch auf ihn, Dr. L., zukommen. Gegenüber einer jungen Patientin mit einer Blasenentzündung soll er gesagt haben: „Auch wenn es stinkt, rein muss er.“

Wünschelrute und schlechte Energien

In der Wohnung mit einer dort liegenden Leiche soll L. mit einer Wünschelrute hantiert haben. „Das war 2017, ungefähr im Sommer. Das war ganz kurios“, berichtet einer der damals Anwesenden. „Der Verstorbene hatte wohl irgendeinen Spleen, überall lag Kupfer in der Wohnung.“ Und auch eine Wünschelrute. „L. nahm sie und sagte sinngemäß ‚mal sehen, ob wir damit was rauskriegen‘, und ist ein paar Minuten über den Verstorbenen und die Wohnung drüber gefahren.“ Er habe „irgendwas in die Richtung“ gesagt, dass er Todesart und -zeitpunkt herausfinden wolle.

Einige Male soll Dr. L. mit Beamtinnen und Beamten eine „PT“-Sitzung eingelegt haben, also ein psychotherapeutisches Gespräch, und es auch so ins Dienstbuch eingetragen haben. „Hauptsächlich mit jungen Frauen“, so einer der ehemaligen Polizeiärzte. L. besitze allerdings nicht die notwendige Qualifikation dafür, hat also kein Psychologie-Studium abgeschlossen und eine psychotherapeutische Ausbildung gemacht.

„Das wurde ihm auch mehrere Male von Gründler verboten, aber er macht es immer noch“, so einer der ehemaligen Polizeiärzte. Für die psychologische Betreuung im LPBK ist eigentlich eine Sozialarbeiterin da. In solchen PT-Sitzungen soll er auch versuchen, aus Patienten mit Posttraumatischem Stress Syndrom mithilfe eines Plüschelefanten „schlechte Energie rauszuziehen“.

Beim Belastungs-EKG eingeschlafen

Bei einem Tauglichkeitstest für das SEK MV soll es auch schon mal vorgekommen sein, dass L. beim Belastungs-EKG eines Anwärters eingeschlafen ist. „Er musste dann geweckt werden“, berichtet der Ex-Polizeiarzt, der damals sein Kollege war, weiter. Als eine Mitarbeiterin akute gesundheitliche Probleme zeigte – Kolleginnen müssen sie stützen -, soll Dr. L. einen gelben „Notfallwaschlappen“ geholt haben, um ihn ihr auf die Stirn zu legen, gibt eine der Anwesenden wieder. Der Grund? Es handele sich nur um „aufgestaute Energie“, die die Symptome hervorrufe.

„Energie“ scheint in L.s Behandlungsmethoden anscheinend eine wichtige Rolle zu spielen. Nach jedem Patientenbesuch müsse der Patientenstuhl zur Seite gerückt und die Fenster weit geöffnet werden, damit „die schlechte Energie“ nach der Behandlung entweichen könne, so eine der Informanten.

Chakrenpunkt am Venushügel geprüft

Auch bei Neulingen scheint L. eigentümliche Behandlungsmethoden zu verwenden. Zur Eignungsprüfung werden Anwärterinnen und Anwärtern nach der Polizeidienstvorschrift PDV 300 untersucht. Sie gilt als die Richtlinie für Polizeiärztinnen und -ärzte. Geprüft wird angelehnt an PDV 300 zum Beispiel, ob Stoffwechsel- oder Bluterkrankungen vorliegen, es wird ein Belastungs-EKG durchgeführt und Tests für die Sinneswahrnehmung.

Ob jedoch auch eine eingängige Prüfung der sogenannten Chakren aus dem tantrischen Hinduismus dazugehört? „Er hat bei einigen Beamtinnen deren letzten Chakrenpunkt überprüft“, berichtet einer der ehemaligen Kollegen. Dieser letzte Punkt befinde sich am oberen Ende des Venushügels. „Und darauf hat er dann eben gedrückt oder seine Hand sekundenlang darüber gehalten.“ Der Grund: wieder die „Energien“.

Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung wurde fallengelassen

Eine Beamtin hat im März diesen Jahres Strafanzeige gegen Dr. L. gestellt. Nicht wegen unangenehmer Behandlungsmethoden, sondern wegen unterlassener Hilfeleistung. Bei einer Abschlussuntersuchung nach einem Dienstunfall soll sie L. um zusätzliche Behandlung gebeten haben, weil sie seit über zwei Jahren unter chronischen Schmerzen leide und deswegen regelmäßig behandelt werden müsse.

„Ich wurde deswegen zuvor immer von einem anderen Polizeiarzt behandelt“, so die Polizistin. Sie habe im Voraus bei der Terminvergabe angekündigt, dass sie auch wegen ihrer Schmerzen zum ersten Mal bei Dr. L. behandelt werden wolle. „Er hat mir dann allerdings gesagt, dass es nicht seine Aufgabe sei, und hat mich noch nicht einmal deswegen untersucht.“ Auch eine Eil-Überweisung zum Orthopäden gab es wegen der Schmerzen nicht, „nur eine normale“. L. soll ihr stattdessen vorgeschlagen haben, eine andere berufliche Laufbahn einzuschlagen.

Im Mai wurde das Verfahren eingestellt. Die Begründung: Es sei keine Straftat gewesen, weil es sich nicht um einen Unglücksfall, sondern „nur um Schmerzen“ gehandelt habe. Diese Polizistin sagt: „Viele haben Angst sich über ihn zu beschweren, weil sie Angst vor den Konsequenzen haben.“

„Totales Chaos in der Abteilung”

Es gebe viele Klagen untereinander über L., sagt eine Mitarbeiterin. „Doch nur wenige trauen sich, offen darüber zu sprechen.“ Die Verbeamtung, die von den Polizeiärzten abhänge, der Wunsch nach einer Beförderung oder der allgemeine Korpsgeist lasse viele lieber schweigen, so einer der ehemaligen Polizeiärzte. „Und auch die Angst, dass man anschließend bei einem Dienstunfall bei Dr. L. landet.“ „Er glaubt wirklich, das sei völlig normal, und die Chefs lassen ihn weitermachen“, sagt einer der ehemaligen Kollegen kopfschüttelnd über L. Mittlerweile sollen kaum noch Beamtinnen und Beamte zur Behandlung in seine Praxis kommen. „Die gehen lieber zu einem anderen Arzt, weil schon allein die Wartezeiten da nicht so lange sind“, meint eine der Informanten.

„Es herrscht totales Chaos in der Abteilung“, findet einer von L.s früheren Kollegen. Es gebe zu wenige Bewerber, sowohl für die Landespolizei als auch für seine Zunft. „Kein Wunder bei der schlechten Bezahlung für die Polizeiärzte.“ Konflikte würden nicht gelöst und Vorschläge nicht umgesetzt. Dieser Polizeiarzt hatte laut eigener Aussage zum Beispiel immer wieder vor der unpassenden oder maroden Ausrüstung beim Medizinaldirektor Thomas Gründler gewarnt – keine Reaktion. „Es sei kein Geld da.“

„Es sind ja Befindlichkeiten“ und kurze Auszeit

Was machen also die Verantwortlichen im LPBK wirklich bezüglich der Causa Dr. L.? Nach einer der Beschwerden soll der Direktor des LPBK, Franko Müller, das Gespräch mit L. in dessen Büro gesucht haben. Die Wände im Haus sind allerdings dünn: Eine Informantin behauptet, sie habe über den großen Flur Wortfetzen wie „es sind ja Befindlichkeiten“ und „soll sich mal nicht so anstellen“ aufgeschnappt.

Auch Thomas Lenz, der Staatssekretär im Innenministerium unter Lorenz Caffier (CDU), müsste spätestens im November 2019 über den Sachverhalt informiert worden sein, da das LPBK dem Innenministerium untergestellt ist und in dem Monat die betriebsinterne Beschwerde mit den vier Zeugenaussagen von November 2019 einging.

In erster Instanz gingen jedoch alle Beschwerden immer zuerst an die Leiterin der Abteilung 1, Katja Prestin, und Thomas Gründler. Dafür war Prestin auch die Verantwortliche im Untersuchungsausschuss. Die Ergebnisse oder der aktuelle Stand des internen Verfahrens? Völlig unbekannt für die Beteiligten. „Der Abschlussbericht ist noch nicht fertig“, hieß es zuletzt von der Leiterin der Abteilung 1.

Haltlos, überzogen oder nicht beweisbar

Die Antwort von Innenministerium und LPBK auf eine Nordkurier-Anfrage fällt knapp aus: „Die gegen eine Person im polizeiärztlichen Dienst erhobenen Vorwürfe wurden intensiv geprüft und haben sich als überwiegend haltlos, überzogen oder nicht beweisbar erwiesen. Im Übrigen werden zu Personalangelegenheiten aus Gründen des Datenschutzes und dem Schutz der Persönlichkeit keine Angaben gemacht.” Eine Anfrage an Dr. L. selbst blieb bisher unbeantwortet.

Geändert scheint sich also fast gar nichts zu haben. Fast? Nach Nordkurier-Informationen soll Dr. L. ab Anfang Dezember der Dienst an der Fachhochschule Güstrow für die Eignungsuntersuchung kurz untersagt worden sein. Kurz, weil er seit Anfang Juni dort wieder praktizieren soll.

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Kommentare (1)

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