GESUNDHEITSÄMTER KAPITULIEREN

Einschulungen wegen Corona-Pandemie ohne Schularzt

In diesem Jahr ist wegen der Corona-Pandemie auch für die Kinder, deren Einschulung im August in MV, Brandenburg und Berlin ansteht, alles anders. Da gelten teils auch keine Gesetze und Pflichten mehr.
Schulärztliche Untersuchung im Vorfeld einer Einschulung: In diesem Jahr fällt sie wohl flächendeckend aus (Sym
Schulärztliche Untersuchung im Vorfeld einer Einschulung: In diesem Jahr fällt sie wohl flächendeckend aus (Symbolbild). Waltraud Grubitzsch
Schwerin.

Eigentlich war der Ablauf wie immer: Im Herbst vergangenen Jahres meldeten die Eltern in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin pflichtbewusst ihre Kinder in den jeweiligen Schulen zur Einschulung an. Nachdem der Papierkram erledigt war, gab es von Seiten der Schulen noch den Hinweis, dass es in den kommenden Monaten die gesetzlich vorgeschriebene schulärztliche Untersuchung geben müsste. Dazu holten sich die Eltern einen entsprechenden Termin – fertig. Glaubten zumindest die Mamas und Papas.

Doch dann kam das Coronavirus – und alles war plötzlich ganz anders. Die in der Corona-Krise geforderten und teilweise überforderten Gesundheitsämter – sie sind für die Schuluntersuchungen zuständig – sowie die verhängten Kontaktverbote und Abstandsregeln mündeten in der Absage der vereinbarten Termine. Eltern wurden um Geduld gebeten. Warten war angesagt.

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Einschulung ohne Untersuchung der Schulreife

Jetzt löst sich das Warten langsam in der Gewissheit auf, dass viele Jungen und Mädchen vor ihrer Einschulung überhaupt nicht schulärztlich untersucht werden. Den rigidesten Kurs fährt dabei der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst in Berlin: Ende April wurde den betroffenen Eltern mitgeteilt, dass „aufgrund der Corona-Pandemie offen gebliebene Einschulungsuntersuchungen entsprechend des Schulgesetzes leider bis Ende des laufenden Schuljahres nicht mehr durchgeführt werden“. Für Eltern, die beim Lesen dieser Zeilen schon Angst um die Einschulung ihrer Kinder hatten, gab es von der Behörde eine Beruhigungspille. „Die Einschulung kann dennoch im August 2020 stattfinden.“

Einschulung ohne vorherige Untersuchung der Schulreife? Mit einem schlichten „Ja“, antwortete die Bildungsbehörde in Berlin – und schob hinterher: „Uns steht ansonsten ein Reservoir an Sonderpädagogen zur Verfügung, um Schüler mit Unterstützungsbedarf aufzufangen.“ Mit anderen Worten: Wer noch nicht schulreif ist, wird später parallel zum Schulalltag zusätzlich gefördert. Zweifellos eine weitere Belastung für das bekanntermaßen stets auf Kante genähte Berliner Schulsystem.

Förderbedarf erkennen

Ein Blick in die Inhalte einer schulärztlichen Untersuchung zeigt, was Kinder und Eltern gegebenenfalls versäumen: „Durch diese Untersuchung soll vor allem festgestellt werden, ob ein Kind in irgendeinem Bereich besondere Förderung und Unterstützung benötigt. Ziel ist es, jedem Kind die schulischen Bedingungen zu ermöglichen, die es braucht, um erfolgreich lernen zu können“, heißt es in entsprechenden Info-Broschüren.

Und weiter: „Die schulärztliche Untersuchung führen in der Regel erfahrene Ärzte der Kinder- und Jugenddienste der örtlichen Gesundheitsämter durch. Diese verfügen über ein gut geschultes Urteilsvermögen, ob sich ein Kind altersgerecht entwickelt hat und den schulischen Anforderungen gewachsen ist, oder ob es in einem Bereich vielleicht noch besondere Unterstützung braucht.“

Ob ein Kind bereit für die Schule ist, hängt von seiner körperlichen und geistigen wie auch von seiner seelischen und sozialen Entwicklung ab: Kann es sich zum Beispiel selbstständig anziehen? Weiß es mit Bleistift, Papier und Schere umzugehen? Besitzt es genügend Durchhaltevermögen, um dem Schulunterricht folgen zu können? Kann es sich Dinge merken und ist es in der Lage, Farben, Formen und Größenunterschiede richtig einzuordnen? Wie ist sein soziales Verhalten? Kann es sich in eine Gemeinschaft einfügen und spielt es gern mit anderen Kindern? Kann es auch schon mal einen Rückschlag verkraften?

All diese Fragen werden in diesem Jahr in Berlin nicht mehr gestellt – und auch nicht mehr beantwortet.

Situation in MV und Brandenburg

Im benachbarten Bundesland Brandenburg versuchen die Verantwortlichen im Bildungsministerium zu retten, was komplett wahrscheinlich gar nicht mehr zu retten ist. „Durch das zuständige Ministerium sind die Gesundheitsämter aufgefordert, die Einschulungsuntersuchungen bis zum 31. Juli abzuschließen. Sonst erfolgt eine Einschulung vorab“, unterstreicht die Behörde – und ergänzt: „Die Ergebnisse der Untersuchung werden den Schulen als Stellungnahme zugeleitet. Im Brandenburg gilt keine ,Schulreife-Feststellung‘, sodass die Ergebnisse die Anpassung der schulischen Förderung bedingen.“ Das klingt nach der Berliner Variante: Im Zweifel muss im neuen Schuljahr nachgebessert werden.

Und in Mecklenburg-Vorpommern? Können auch dort Kinder eingeschult werden, die zuvor gar nicht auf ihre Schulreife untersucht worden sind? „Ja, die Verordnung zu Änderungen im Schulrecht infolge des Coronavirus sieht eine entsprechende Ergänzung in der Schulpflichtverordnung vor. Sollte eine schulärztliche Untersuchung vor der Einschulung ohne Verschulden der Erziehungsberechtigten nicht stattgefunden haben, ist das Kind einzuschulen. Die Untersuchung ist unverzüglich nachzuholen“, sagt ein Sprecher des Bildungsministerium. Kein Kind müsse also auf eine Einschulung verzichten, weil die Einschulungsuntersuchung nicht erfolgt sei.

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