Guntram Wagner, Leiter des Veterinäramtes
Guntram Wagner, Leiter des Veterinäramtes Privat
Massentierhaltung in MV

„Es gibt eine Vermenschlichung der Tiere“

Berichte über Tötungen von Ferkeln in Großzucht­anlagen sorgten für Entsetzen. Auch in der Seenplatte gibt es solche Anlagen. Was sagt der Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes des Landkreises, Dr. Guntram Wagner, dazu?
Nordkurier Nordkurier
Neubrandenburg

Herr Wagner, als Veterinäramtsleiter sind Sie zuständig für die Kontrolle von Tierzuchtanlagen. Wie bewerten Sie die gezeigten Bilder erschlagener Ferkel?

Ich habe mir die Aufnahmen zwar nicht angesehen, kann mir aber vorstellen, dass sie auf einige verstörend wirken. Zur industriemäßigen Tierproduktion gehört es aber dazu, dass nicht lebensfähige Tiere gemerzt werden. Darüber sollten wir uns im Klaren sein.

Es ist also gesetzeskonform, neu geborene Ferkel per Kopfschlag zu töten?

Wenn die Tiere nicht lebensfähig sind, dann ja. Es liegt ein vernünftiger Grund nach dem Tierschutzgesetz vor. Natürlich müssen sie tierschutzgerecht getötet werden. Im Fall der Ferkel ist der Kopfschlag als zugelassene Methode die Regel. Die Tiere werden auf diese Weise gleichzeitig betäubt und getötet.

Doch wonach wird denn entschieden, ob Ferkel lebensfähig sind oder nicht?

Neben dem Gesundheitszustand entscheidet auch das Gewicht. Wiegen die Tiere unter 800 Gramm, bekommt man sie in der Regel nicht aufgezogen. In diesen Fällen findet die Tötung auch im Sinne des Tierschutzes statt. Sogenannte überzählige Ferkel müssen durch Ammensauen versorgt werden, was in den Anlagen übrigens auch passiert.

Aus tierschutzrechtlicher Sicht sind die Ferkeltötungen per Kopfschlag also legitim. Warum dann der gesellschaftliche Aufschrei nach Aufnahmen wie den zuletzt veröffentlichten?

Das hängt mit der Einstellung zur Erzeugung von tierischen Lebensmitteln zusammen. Es fehlt das Wissen über moderne Produktionsmethoden in der Landwirtschaft, zudem werden alte Produktionsmethoden verklärt. Es findet zum Teil eine Vermenschlichung der Tiere statt. Die Gesellschaft ist da gespalten.

Das heißt Tötungen nicht lebensfähiger Tiere gab es schon immer und wer viel Fleisch isst, muss mit industrieller Erzeugung leben?

In gewisser Weise schon. Wir sind es gewohnt, unser Fleisch billig zu kaufen und viel davon zu essen. Um beides sicherstellen zu können, muss es die industrielle Produktion geben, über deren Auswirkungen wir uns dann wieder beschweren.

Und wenn wir sie in Deutschland verbieten?

Dann verlagern wir das Problem nur ohne es zu lösen, weil das Fleisch dann aus dem Ausland importiert wird.

Wie sieht es hinsichtlich der Kontrollen von Tierschutzverstößen aus. Kommen Sie und ihre Mitarbeiter überhaupt noch hinterher?

Wir haben sehr viel zu tun, das ist klar. Dabei muss man aber auch sehen, dass wir uns nicht nur um betriebliche Tierhaltung, sondern auch um Tierschutzanzeigen aus dem privaten Bereich kümmern müssen. Da liegen die größeren Probleme.

Die Beachtung der Tierschutzrichtlinien in den größeren Betrieben liegt also auf einem guten Niveau?

Als Amtstierarzt kann ich sagen, dass der Tierschutz und dessen Überwachung einen immensen Bedeutungszuwachs erfahren haben. Es hat dort einen richtigen Qualitätssprung gegeben. Verstöße decken wir so in der Regel auf. Im Vordergrund steht jedoch die Verbesserung der Haltungsbedingungen für die Tiere, nicht die Ahndung von Verstößen.

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