4,1 MILLIONEN EURO

Ex-Geschäftsführer der Volkssolidarität für Betrug verurteilt

Zum zweiten Mal wurde ein Ex-Geschäftsführer der Volkssolidarität wegen Betrugs verurteilt. Der Schlusspunkt unter ein Trauerspiel, in dem mehr als 1100, meist ältere Menschen ihre Ersparnisse eingebüßt haben.
Nach zwei Gerichtsprozessen über mehr als sechs Jahre steht nun fest: Dr. Amandus K., der frühere Geschäftsf&uu
Nach zwei Gerichtsprozessen über mehr als sechs Jahre steht nun fest: Dr. Amandus K., der frühere Geschäftsführer der Volkssolidarität im Kreisverband Bad Doberan/Rostock Land, ist des Betrugs schuldig. Danny Gohlke
Rostock.

Die Reihen sind gelichtet in Saal 037 des Landgerichts Rostock. Nicht nur wegen Corona. Die wenigen Stühle für Zuschauer stehen ordnungsgemäß in zwei Meter Abstand, doch die meisten bleiben frei. Dabei sollte an diesem verregneten Freitag endlich der Schlusspunkt gesetzt werden unter das Drama im Namen der Volkssolidarität (VS), das vor elf Jahren ans Licht kam, begleitet von einem Orkan der Entrüstung. Ein Etikettenschwindel, der auf das Vertrauen überwiegend älterer Menschen in den bekanntesten ostdeutschen Sozialverband gesetzt hatte.

1101 Frauen und Männer, so hat es die 8. Große Strafkammer festgestellt, wurden um ihr Geld betrogen, summa summarum mehr als 4,1 Millionen Euro. Von 963 Anlegern und Anlegergemeinschaften sahen nur 190 ihr Geld ganz oder zumindest teilweise wieder.

Verantwortlich dafür waren zwei frühere Geschäftsführer von Kreisverbänden der Volkssolidarität. Sie gründeten einen Immobilienfonds, um Geld einzusammeln, das in den Bau und die Sanierung von Sozialeinrichtungen fließen sollte. Die Anleger wurden mit soliden Renditeversprechen und der Aussicht auf mögliche Heimplätze gelockt. Der juristischen Aufarbeitung des Skandals musste sich nur einer der Männer stellen, der andere ist dauerhaft krank.

Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung

Amandus K., promovierter Philosoph und bis 1991 Dozent an der Uni Rostock, hatte sich nach dem jähen Ende seiner Hochschullaufbahn zunächst bei Bildungsträgern durchgeschlagen. Von 1993 bis zur Pleite des Immobilienfonds 2009 war er Geschäftsführer bei der VS. Gegen eine erste Verurteilung wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung und die damit verbundene Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 8 Monaten hatte Amandus K. Revision eingelegt. Erfolgreich, das Urteil wurde kassiert.

Im zweiten Prozess lässt das Gericht den Vorwurf der Insolvenzschleppung fallen, „weil das so gut wie nicht ins Gewicht fällt“, heißt es. Die Strafkammer spricht K. erneut des gewerbsmäßigen Betrugs in besonders schwerem Fall schuldig. Doch diesmal kommt er mit zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung davon und lässt seinen Anwalt prompt mitteilen, diese Strafe anzunehmen.

Mittlerweile ist Amandus K. 69 Jahre alt, durch das Geschehene seit Langem „sozial geächtet“ und nunmehr von zwei langen Strafprozessen „beeindruckt“, wie der Vorsitzende Richter einschätzt. Diese Umstände wertete das Gericht in einer gut einstündigen Urteilsbegründung zugunsten des Angeklagten. Ebenso die Tatsache, dass die Idee für den Fonds von dem anderen VS-Geschäftsführer stammte und verschiedene Berater das missliche System gedeckt hatten.

Banken hatten das erste Zugriffsrecht

Und doch: „Der Angeklagte war bei Weitem nicht so ahnungslos und naiv, wie er uns glauben machen wollte“, sagte der Vorsitzende Richter. Er habe als Geschäftsführer eines Kreisverbandes bereits Erfahrungen mit Finanzgeschäften gehabt. Er hatte für Bankkredite unterschrieben und somit gewusst, dass zuallererst die Banken ein Zugriffsrecht auf die Sozialimmobilien haben würden, nicht die kleinen Anleger, denen Rendite versprochen worden war. Ihm sei schon 1999 klar geworden, dass diese Versprechen nur gehalten werden können, wenn immer neues Geld in die Fonds fließen würde. „Jedes Schneeballsystem trägt das Virus des Untergangs in sich.“ Von den gut zehn Jahren, in denen das Betrugssystem aufrechterhalten wurde, war Amandus K. sieben Jahre federführend mit dabei gewesen und habe ein Geschäftsführergehalt bezogen.

Mit massiver Werbung im Namen der Volkssolidarität wurde vorgetäuscht, dass die Anleger ein sicheres Geschäft machen könnten. Als „Werber“ wurden Mitarbeiter missbraucht, die keinerlei Ahnung von Anlagegeschäften hatten. „Sie gaben nur weiter, was die Chefs ihnen vorgegeben hatten“, so der Richter. Viele Anleger unterschrieben die vorbereiteten Formulare ohne viele Nachfragen. „Wir haben hier stellvertretend 36 Betroffene gehört“, sagte er. „Wir haben teils bittere Geschichten gehört.“ An einen Fall erinnerte er beispielhaft: Eine Großmutter hatte ihr Erspartes eingezahlt, um der Enkelin die Ausbildung zu finanzieren.

Dass die Zuschauerplätze im Saal kaum besetzt waren, ist ein Sinnbild der Tragödie. Viele der Opfer erleben den Schlusspunkt der juristischen Aufarbeitung nicht mehr mit.

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