Vor einem knappen Jahr hat Peter-Michael Diestel die CDU verlassen. Der Altkanzlerin Angela Merkel macht er schwere Vorwü
Vor einem knappen Jahr hat Peter-Michael Diestel die CDU verlassen. Der Altkanzlerin Angela Merkel macht er schwere Vorwürfe. Bernd Wüstneck
Diestel war eine der schillerndsten Figuren der Wendezeit und meldet sich auch 30 Jahre später immer wieder zu Wort.
Diestel war eine der schillerndsten Figuren der Wendezeit und meldet sich auch 30 Jahre später immer wieder zu Wort. Bernd Wüstneck
In seinem neuen Buch formuliert Diestel teils radikale Thesen und prophezeit eine Revolution ist Ostdeutschland.
In seinem neuen Buch formuliert Diestel teils radikale Thesen und prophezeit eine Revolution ist Ostdeutschland. Bernd Wüstneck
Peter-Michael Diestel

Ex-Innenminister wettert – Ostdeutsche werden ausgegrenzt

Der letzte Innenminister der DDR fürchtet um sein Lebenswerk. Die „Besatzermentalität” westdeutscher Eliten, glaubt er, könnten bald zu einer neuen Revolution führen.
Zieslow

Peter-Michael Diestel hat gerade richtig gute Laune. Pünktlich am frühen Morgen schon sind die Bücherpakte vom Verlag in Berlin zu ihm aufs Dorf geliefert worden, seit dem 7. Februar kann das neue Buch des Rechtsanwalts und letzten DDR-Innenministers in allen Buchhandlungen der Republik gekauft werden.

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Der Titel soll Programm sein: „Ruhe gebe ich nicht“, verspricht der Autor – und ist sich vollkommen sicher: „Das wird wieder ein Bestseller“. Der Vorgänger, vor gerade einmal zwei Jahren erschienen, verkaufte sich stolze 360.000 Mal, erzählt der 69-Jährige.

Zehn Jahre als Anwalt sollen es schon noch sein

Seit Jahren schon lebt und arbeitet Diestel auf einem stattlichen Anwesen in Zislow am Plauer See, ehemalige Kanzleien wie die in Potsdam sind längst aufgegeben. Zehn Jahre mindestens will der Mann, der am Montag seinen 70. Geburtstag feiert, noch als Anwalt arbeiten. „Ich bin völlig gesund und noch sehr stark“, lässt er wissen. Oder ob man viele andere fast 70-jährige Männer kennt, die noch 150 Kilogramm Eisen auf der Bank nach oben drücken können? Bestimmt nicht, ist sich der Kraftsportler sicher und nimmt eine Antwort vorweg.

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Er fürchtet um sein Lebenswerk

Der Jubilar zählte zu den schillerndsten Figuren aus der Wendezeit in der DDR und ist vielleicht gemeinsam mit seinem Freund Gregor Gysi der einzige unter den damaligen Protagonisten, der mehr als drei Jahrzehnte später in der Öffentlichkeit noch wahrgenommen wird. Alles andere würde Diestel auch mächtig stören. Zumal der Mitbegründer der Deutschen Sozialen Union (DSU), Schwesterpartei der bayerischen CSU, auch immer noch etwas mitzuteilen hat. Gewichtiges – Diestel bangt um nichts weniger als das Gelingen der deutschen Einheit.

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Die sei, so der Rechtsanwalt, in großer Gefahr. Und mit ihr sein „Lebenswerk“. Peter-Michael Diestel sieht sich als einen der wichtigsten Architekten der deutschen Einheit. Die sei ein „Geschenk, das einem Volk vielleicht nur einmal in Jahrhunderten zuteil wird“. Aber wie die Westdeutschen mit Besatzermentalität seit dem 3. Oktober 1990 mit „seinen“ Ostdeutschen umspringen, hat für den Zislower längst das Maß des Erträglichen überschritten.

„16 Millionen Menschen werden systematisch ausgegrenzt“, schimpft Diestel. Das beweise ein Blick in alle Führungsebenen von Politik, Wirtschaft und Justiz. Dies sei eine „große politische Dummheit“, meint Diestel. Damit werde auf millionenfache Kreativität verzichtet. Die deutsche Einheit, so sein Urteil, sei immer noch nicht vollendet.

„Vor allem bei Merkel Politik ohne Ostdeutsche“

Eigentlich noch schlimmer: Die ist in Gefahr. Denn die Menschen besonders in Ostdeutschland hätten kein Vertrauen mehr in die Regierenden und „deshalb ist es ja auch kein Wunder, dass hier im Osten die Proteste gegen die fehlerhafte Corona-Politik so heftig ausfallen“. Bürgerrechte, die sich ehemalige DDR-Bürger mühsam aus eigener Kraft erkämpft hätten, sieht der Jurist in großer Gefahr. „Und das sehen die Ostdeutschen genau so.“ Alle Bundesregierungen – und besonders die von der Ostdeutschen Angela Merkel geführte – hätten Politik ohne Ostdeutsche gemacht.

Ändere sich das nicht, so der Anwalt, könne geschehen, womit kaum jemand rechnet. „In meinem neuen Buch habe ich darüber geschrieben: Ein Volk, das erfolgreich eine Revolution durchgeführt hat, kann dies immer wieder tun und wird das auch tun.“ Der konservative Politiker zitiert an der Stelle aus dem Kommunistischen Manifest: Das Volk habe gegenwärtig eben nichts anderes zu verlieren als seine Ketten.

Der Jurist Diestel versteht sich mehr und mehr als „Anwalt der Ostdeutschen“. Sein neues Buch solle deshalb aber beileibe nicht nur die Menschen in der ehemaligen DDR lesen: Es „will den Westdeutschen auch erklären: Wenn ihr Frieden behalten wollt, dann muss diese permanente Politik der Ausgrenzung beendet werden“. Diese Politik dem Osten und seinen Menschen gegenüber, aber auch das nach seiner Ansicht Aufgeben konservativer Werte durch die CDU, habe im vergangenen Jahr zu seinem Austritt aus den Reihen der christdemokratischen Partei geführt. Aber: „Ich bin weggelaufen, aber nicht übergelaufen“, stellt Diestel klar.

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