OSTSEE-FISCHEREI

Fischer bangen nach EU-Quotenkürzungen um ihre Existenz

Die EU kürzt die Fangquoten deutlich. Das bringt viele Ostsee-Fischer in MV an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz. Sie hoffen auf Hilfe – denn für viele tickt die Uhr.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Birgit Sander Birgit Sander
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Aufgeben will Fischer Thomas Jandt nicht – er sagt: „Wir lassen uns nicht unterkriegen, aber ohne Ausgleichszahlun
Aufgeben will Fischer Thomas Jandt nicht – er sagt: „Wir lassen uns nicht unterkriegen, aber ohne Ausgleichszahlungen schaffen wir das nicht.“ Ralph Sommer/Archiv
Drei Tage lang war der Sassnitzer Fischer Thomas Jandt mit seinem Kutter „SAS 211 – Antares“ auf der Ostsee
Drei Tage lang war der Sassnitzer Fischer Thomas Jandt mit seinem Kutter „SAS 211 – Antares“ auf der Ostsee unterwegs.. Ralph Sommer
Mecklenburg-Vorpommerns Fischereiminister Till Backhaus (SPD) geht davon aus, dass rund 100 der 226 Haupterwerbsfischer im Lan
Mecklenburg-Vorpommerns Fischereiminister Till Backhaus (SPD) geht davon aus, dass rund 100 der 226 Haupterwerbsfischer im Land von den Quotenkürzungen gravierend betroffen sein werden. Jens Büttner
Sogar über ein generelles Fangverbot wurde unter Fischern gemunkelt.
Sogar über ein generelles Fangverbot wurde unter Fischern gemunkelt. Stefan Sauer/Archiv
Der Verband der Deutschen Kutter- und Küstenfischer sieht die Ursache für die Lage der Fischbestände nicht in e
Der Verband der Deutschen Kutter- und Küstenfischer sieht die Ursache für die Lage der Fischbestände nicht in einer Überfischung. Stefan Sauer/Archiv
Der Verband der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern schätzt, dass jetzt 10 bis 15 Betriebe die Fisch
Der Verband der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern schätzt, dass jetzt 10 bis 15 Betriebe die Fischerei einstellen werden Stefan Sauer/Archiv
Luxemburg.

Die schon befürchtete Nachricht von den drastischen Fangeinschränkungen für die Ostseefischer für 2020 hat Thomas Jandt in der Nacht zu Dienstag auf See ereilt. Drei Tage lang war der Sassnitzer Fischer mit seinem Kutter „SAS 211 – Antares“ auf der Ostsee unterwegs, um vor Rügen auf Plattfisch zu schleppen.

Eigentlich wäre jetzt die Zeit für Dorsch. Doch den darf Jandt schon seit zwölf Wochen nicht mehr fischen, seit die EU im Juli in Hauruck-Manier ein Dorsch-Fangverbot im Fanggebiet 24 vor Rügen verordnete. Mit Flunder und Scholle sei eigentlich kaum Geld zu verdienen, sagt der 38-jährige Kutterkapitän: „Aber ich will doch nicht immer nur im Hafen liegen.“

Und eigentlich hätte er ja am Dienstagmorgen zufrieden Kurs auf den Heimathafen Sassnitz nehmen können. Denn im Kühlraum seines Kutters stapelten sich zehn Tonnen Plattfische – genug, um die Kosten wieder einzufahren und noch ein bisschen zum Leben dazu.

Es hätte sogar noch schlimmer kommen können

Doch dann kam die Nachricht aus Luxemburg, dass für 2020 die Fangmengen in der westlichen Ostsee für Hering um 65 und für Dorsch um 60 Prozent gekürzt werden. „Wie soll das gehen?“, fragt sich Jandt.

In diesem Jahr hatte er noch 100 Tonnen Dorschquote zugeteilt bekommen. Nach 73 Tonnen war dann Schluss. Und nun darf er im kommenden Jahr wahrscheinlich nur noch 40 Tonnen Dorsch fangen. Beim Hering sehe es ähnlich aus, sagt er.

Die neuerliche Hiobsbotschaft kam für die Fischer nicht unerwartet. Es hätte sogar noch schlimmer kommen können. Sogar über ein generelles Fangverbot wurde gemunkelt. Man war auf das Schlimmste gefasst und hatte sich eingestellt. „Aber ohne Ausgleichszahlungen für den Ausfall wird es nicht gehen, sonst ist Feierabend!“

Jandt will stattdessen in der Nordsee fischen

Jandt sagt, er müsste die Fischerei jetzt eigentlich an den Nagel hängen – und er sei damit nicht der Einzige. Manche Kollegen, wie der Freester Fischer Martin Lange zum Beispiel, wollen aufhören. „Aber wir lassen uns nicht kleinkriegen,“ sagt Jandt.

Er habe für 2020 eine Quote auf Nordseehering beantragt und auch noch mal in entsprechendes Fanggeschirr investiert. „Dann haben wir zwar lange Wege und deutlich höhere Kosten, aber irgendwie muss es gehen – nur ohne Ausgleichszahlungen wird’s nicht gehen.“

Das scheint sogar der EU-Fischereikommissar Karmenu Vella so zu sehen. „Es wird ernste kurzfristige Wirtschaftsfolgen für einige Fischer geben“, hatte der Malteser nach der nächtlichen Einigung auf die drastischen Fangbegrenzungen verkündet. Die Kommission werde daher Hilfsmöglichkeiten prüfen. Viele baltische Fischbestände und Ökosysteme seien in einem alarmierenden Zustand. Es gebe Sorgen um die Umwelt aber auch um an der Ostsee gelegene Gemeinden, die für ihren Lebensunterhalt auf diese Ökosysteme angewiesen seien.

Fischer sehen die Schuld an den alarmierenden Fischbeständen anderswo

Der Verband der Deutschen Kutter- und Küstenfischer sieht die Ursache für die Lage der Fischbestände nicht in einer Überfischung, sondern in veränderten natürlichen Bedingungen in der Ostsee, etwa durch den Klimawandel. Dabei sei die Fangsituation im Moment gar nicht mal so schlecht, hieß es.

Dagegen reagierten Umweltschützer weitgehend enttäuscht. Nach Einschätzung der Umweltorganisation WWF werden die westlichen Fischbestände der Ostsee, die für die deutsche Fischerei interessant sind, stärker befischt als wissenschaftlich empfohlen. Die Kürzung der Heringsquote um 65 Prozent werde die Erosion der Bestände nicht verhindern, ein Fangstopp sei notwendig.

Beim westlichen Dorsch fordert der WWF eine Kürzung der Fangquote um 68 statt 60 Prozent. Die Meeresschutzorganisation Oceana forderte ebenfalls Fangverbote für Dorsch in der östlichen und Hering in der westlichen Ostsee.

Fischer können vom Fischen allein bald nicht mehr leben

Der Verband der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern schätzt, dass jetzt 10 bis 15 Betriebe die Fischerei einstellen werden. Er fordert Abwrackprämien für Fischer, die ihre Betriebe aufgeben und Fahrzeuge stilllegen wollen. Doch das EU-Recht verbiete dies bislang, sagt Verbands-Vize Michael Schütt.

Lediglich zusätzliche Stilllegungstage waren bisher möglich. „Die Fischerei steht vor einem großen Strukturwandel. Mit der Haupterwerbsfischerei ist irgendwann Schluss. Wenn 60 oder 65 Prozent des Umsatzes wegfallen, können die Fischer das nicht kompensieren.“

Mecklenburg-Vorpommerns Fischereiminister Till Backhaus (SPD) geht davon aus, dass rund 100 der 226 Haupterwerbsfischer im Land von den Quotenkürzungen gravierend betroffen sein werden. Das Land könne finanzielle Hilfen gewähren, wenn sich Erzeugerorganisationen zusammenschließen würden, sagt er.

Backhaus schlägt verschiedene Nebenerwerbe vor

Backhaus rät zum Ausbau der Direktvermarktung, zur stärkeren Einbindung der Fischgastronomie, zur Schaffung von Ferienunterkünften bei Fischern und zu Gästefahrten. Bis zu 49 Prozent Zuschüsse seien da möglich.

Und was sagt Werner Kuhn? Der CDU-Politiker aus Nordvorpommern war bis zur EU-Wahl im Mai Mitglied im EU-Fischereiausschuss, galt gemeinhin als das Gesicht der deutschen Fischereipolitik. Natürlich hat er die Entwicklungen der Nacht verfolgt, obwohl er selbst jetzt nicht mehr mitreden kann – und sein Urteil fällt scharf aus. Kuhn wirft der Landes-, aber auch der Bundesregierung in der Fischerei-Misere Konzeptlosigkeit vor. „Es gibt keine Strategie“, kritisiert er.

Es fehle an konstruktiver Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und zuständiger Fachpolitik. „Wir brauchen endlich ein Programm, das den Fischern für die nächsten fünf Jahre Sicherheit gibt.“ Das sei auch wichtig für die Identität des Landes und den Tourismus.

Grünen-Abgeordneter verteidigt die Fischerei

Zumindest in diesem einen Punkt scheint Mecklenburg-Vorpommerns einziger EU-Abgeordneter Niklas Nienaß (Grüne) seinem CDU-Vorgänger zuzustimmen. „Die kleine Küstenfischerei ist handwerklich und kulturell für unser Bundesland von allergrößter Bedeutung, aber sie wird noch immer nicht prioritär behandelt.“

So einen Satz, noch dazu von einem Grünen, findet der Sassnitzer Fischer Jandt eigentlich gut. Doch jetzt will er von der Politik endlich Taten sehen. An ihm soll’s nicht scheitern, sagt er – er wolle seinen Beruf unbedingt weitermachen: „Ich gebe so schnell nicht auf!“

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