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Flugpersonal übt Notfälle in Simulatoren

Hebt niemals ab: Im Kabinentrainer aus Rostock werden Airbusbesatzungen später Havariesituationen trainieren.
Hebt niemals ab: Im Kabinentrainer aus Rostock werden Airbusbesatzungen später Havariesituationen trainieren.
Bernd Wüstneck

Es gibt viele kleine und mittlere Technikschmieden in Mecklenburg-Vorpommern, die sich in Marktnischen gut eingenistet haben. Eine davon baut komplette Flugzeugkabinen nach mit Toiletten und Küchengeräten und schweren Türen. Die Crewmitglieder proben darin den Ernstfall.

Die Mitarbeiter von Rostock System-Technik (RST) fiebern diesem Freitag entgegen. Dann geht der Prototyp einer Kabine für den Flieger A350 XWB von Airbus in Richtung Toulouse auf Reisen, mit dem künftig die Besatzungen Abläufe beim Flugzeugbetrieb üben können. Im Mittelpunkt der Entwicklung des Kabinentrainers stehe die Sicherheit, sagt RST-Geschäftsführer Ulrich Scheib. „Jeder Laie kennt das Pilotentraining im Simulator, der dem Cockpit völlig identisch ist.“ Das Gleiche gelte aber auch für den riesigen Innenraum eines Flugzeugs. „Auch dort muss jeder Handgriff sitzen, wenn das Personal Hunderte Passagiere versorgen und im Notfall in Sicherheit bringen muss.“

150 RST-Mitarbeiter, 75 Prozent davon Ingenieure, haben dafür an dem A350-Kabinentrainer getüftelt. Er ist baugleich mit dem Original, in dem die Besatzungen später über den Wolken arbeiten. Angefangen von den Sitzen der Passagiere über die Kücheneinrichtung, Toiletten, Kommunikation bis hin zur kompletten Elektronik und den Türen. Diese schweren Türen müssen im Notfall in Sekundenschnelle geöffnet werden, da dürfen die Stewardessen nicht lange überlegen, welcher Knopf zuerst gedrückt und welcher Hebel als letzter gehoben werden muss.

Kabinen-Nachbildung kostet drei Millionen Euro

Rund 200 000 Euro kostet ein Türtrainer, „unser Brot- und Butterprodukt“, wie Scheib erläutert. Ein kompletter Kabinentrainer, also die Nachbildung mit Flugdeck und Kabine und realistischer Einrichtung, geht in den Bereich von drei Millionen Euro. Die meisten Einzelteile werden von Firmen aus dem Nordosten gebaut. „Unsere Trainer sind zu großen Teilen Produkte aus Mecklenburg-Vorpommern.“

RST, die im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von rund 15 Millionen Euro generiert hat, ist eine hundertprozentige Tochter von Astrium, der Raumfahrtsparte der EADS. Gleichzeitig bezeichnet Scheib seine Firma als eigenständigen Mittelständler und Airbus-Zulieferer. „Der Luftfahrtmarkt mit Airbus als Schlüsselkunden macht etwa 60 Prozent aus“, sagt er. Der Rest des Umsatzes wird ebenfalls im Bereich der Luftfahrt außerhalb der Airbus-Entwicklung erwirtschaftet. 20 Prozent werden der Raumfahrtentwicklung zugerechnet, etwa bei der Stromversorgung von Satelliten. Mitarbeiterzahl und Umsatz entwickeln sich kontinuierlich nach oben.

"Über die Landesgrenze hinaus einen Namen gemacht"

Das seit Januar unter dem Namen Airbus Group firmierende Unternehmen EADS will bis 2016 rund 5800 Arbeitsplätze abbauen, die meisten davon im Rüstungsbereich. Über die Details laufen derzeit Verhandlungen mit den Gewerkschaftsvertretern an. „RST hat sich weit über die Landesgrenze hinaus einen Namen gemacht“, sagt Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). Er betont, dass exportierende Unternehmen Arbeitsplätze im Nordosten sichern und schaffen. In vielen modernen Erzeugnissen der Luft- und Raumfahrt stecke ein innovatives Stück des Landes. „Viele kleine und moderne Firmen im Nordosten besetzen mit einer ganz speziellen Dienstleistung eine Marktnische“, sagte Glawe. RST könnte da als Musterbeispiel dienen.

Ziel der aus dem DDR-Institut für Schiffbautechnik gegründeten RST ist es laut Firmenchef Ulrich Scheib, das Geschäft außerhalb von EADS auszubauen. Derzeit macht dieses etwa 30 Prozent aus. Der EADS-Konzern habe die klare Philosophie, dass Tochterfirmen unabhängig von der Mutter überleben müssen.