Ostsee-Tourismus
Gastgewerbe will Klasse statt Masse

Jedes Jahr neue Gästerekorde im Urlaubsland MV? Diese Strategie geht nicht länger auf, glaubt die Tourismusbranche.
Jedes Jahr neue Gästerekorde im Urlaubsland MV? Diese Strategie geht nicht länger auf, glaubt die Tourismusbranche.
Stefan Sauer

Schlechtes Wetter, Baustellen, A 20-Loch, Fachkräftemangel: Das Gastgewerbe in MV will immuner gegen solche Widrigkeiten werden. Mit diesen Ideen soll das gelingen.

Das winterliche Osterfest hat Hotel- und Gastronomieunternehmen im Nordosten Umsatzeinbrüche von bis zu 20 Prozent beschert. Und die Baustellen am A 20-Loch, an der Petersdorfer A 19-Brücke sowie an Bahntrassen bei Bad Kleinen und Oranienburg bereiten der unter Fachkräftemangel leidenden Branche zusätzliche Sorgen. Trotzdem starten Tourismusverband, Dehoga und Fachverbände optimistisch in die neue Saison.

„Mit dem Rückenwind der Internationalen Tourismusbörse (ITB) werden wir unsere Spitzenrolle ausbauen“, sagt der Präsident des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Wolfgang Waldmüller. Allmählich scheint sich in der Branche nun doch die Erkenntnis durchzusetzen, dass ihre Zukunft nicht mehr in immer neuen Rekorden bei Gäste- und Übernachtungszahlen liegt, sondern in verbesserter Qualität.

Die schon seit November erwartete neue Landestourismuskonzeption müsse die Weichen für einen Branchenwandel stellen, fordert Waldmüller. Nicht Kapazitätsausbau, sondern Internationalisierung, Natur, Vernetzung, Digitalisierung, Qualität, Erreichbarkeit und einheimische Produkte seien die Schwerpunkte, denen sich der Tourismus stellen müsse.

Imagekampagne für Azubis geplant

Waldmüller setzt auf „Touristen mit höherer Wertschöpfung“ und sieht den Verband mit der MV-Kampagne in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der gemeinsam mit Brandenburg geplanten Wassersport-Werbung, einer Kurzreisekampagne in Skandinavien und den international beachteten Filmprojekten „Endlich Ruhe“ auf
richtigem Kurs.

Dem zunehmenden Mangel an Fachkräften, der in einigen Betrieben schon zu Angebotskürzungen führt, will Dehoga-Landespräsident Lars Schwarz an den Schulen mit einer Imagekampagne für Azubis begegnen. Auch ausländische Arbeitnehmer, die im Gastgewerbe inzwischen 30 Prozent der Belegschaften stellen, würden stärker beworben.

Fairer Wettbewerb zwischen Handel und Gastronomie gefordert

„Große Erwartungen setzen wir deshalb in das im Koalitionsvertrag angekündigte Fachkräftezuwanderungsgesetz, das unbürokratisch auch den Zuzug von Mitarbeitern aus Nicht-EU-Ländern öffnen soll.“ Als Pilotprojekt würden im Juni auf Usedom 18 vietnamesische Restaurant- und Küchenfachkräfte erwartet.

Schwarz fordert zudem einen faireren Wettbewerb zwischen Handel und klassischer Gastronomie. Die unterschiedliche Besteuerung von Essen sei weder steuer- noch ernährungspolitisch nachvollziehbar, sagt er. Wenn verzehrfertige Angebote im Supermarkt mit sieben Prozent Mehrwertsteuer belegt würden, Zubereitungen in Restaurants aber mit 19 Prozent, dann führe dies zum Beispiel dazu, dass auf dem Land immer mehr Gasthäuser stürben. Schon jetzt sei die Zahl der Gaststätten im ländlichen Raum von 6500 im Jahr 2012 auf inzwischen 5000 gesunken.