DDR-ARCHITEKTUR

Gehören Plattenbauten unter Denkmalschutz gestellt?

Dem einen gelten Plattenbauten als gesichtslose Relikte eiPolitik, die auf Gleichheit der Lebensverhältnisse zielte. Was davon soll für die Nachwelt bleiben?
Iris Leithold Iris Leithold
Archivbild aus dem Jahr 1976: Die Stadt Neubrandenburg ist besonderer Weise geprägt von den Plattenbauten vom Typ WBS70. Es waren in die ersten in der gesamten DDR. 
Archivbild aus dem Jahr 1976: Die Stadt Neubrandenburg ist besonderer Weise geprägt von den Plattenbauten vom Typ WBS70. Es waren in die ersten in der gesamten DDR. Bartocha, Benno
Schwerin.

Die Spur der Steine ist kaum verblasst. Tausendfach prägen die Plattenbauten aus DDR-Zeit die Städte in Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehören zur Nachkriegsgeschichte, zeugen von der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg und vom Versuch des ostdeutschen Staates, die Menschen mit Gleichheit glücklich zu machen. Rund 1,5 Millionen Plattenbau-Wohnungen sind in der DDR errichtet worden. Unter Bauexperten und Denkmalschützern wird diskutiert, was davon erhalten werden soll, um die Geschichte künftigen Generationen deutlich machen zu können.

Bisher sind nur wenige Bauten aus DDR-Zeit in den Denkmallisten der Städte und Landkreise im Nordosten zu finden. Nach Angaben des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege stammen von den rund 30 000 Denkmälern und Denkmalbereichen in Mecklenburg-Vorpommern rund 650 aus der Zeit nach 1949. Das sind etwas mehr als zwei Prozent.

Neubrandenburg sticht landesweit heraus

Besonders die Situation in Neubrandenburg sticht landesweit heraus: Die Stadt hat nach Worten einer Sprecherin etwas mehr als 350 Baudenkmale. Ungefähr ein Viertel davon stamme aus der Zeit der DDR, darunter der erste WBS-70-Block aus dem Jahr 1973.

In Stralsund beinhaltet die Denkmalliste 866 Positionen, davon 17 aus DDR-Zeit. Im weitgehend kriegsverschonten Schwerin ist die Lage ähnlich: Von den 747 eingetragenen Denkmälern sind gerade mal 14 Objekte, die während der DDR errichtet wurden. Von diesen seien elf in einem guten baulichen Zustand, zwei stünden leer, heißt es aus der Stadt. Neben einem Industriebau sei die ehemalige Gaststätte „Panorama“ des DDR-Betonschalen-Baumeisters Ulrich Müther betroffen. Das 2016 unter Schutz gestellte Gebäude stehe zum Verkauf.

Manches ließ schon die DDR unter Schutz stellen

Auch in Rostock kam es aufgrund schwerer Kriegszerstörungen nach 1945 zu einem deutlich umfangreicheren Neubau-Programm als in vielen anderen Orten. „Gegenwärtig sind in der Stadt 480  Objekte als Baudenkmale eingetragen, davon stammen 77 aus DDR-Zeiten“, sagt Stadt-Sprecherin Kerstin Kanaa. Darüber hinaus seien zahlreiche DDR-Gebäude in ihrem äußeren Erscheinungsbild durch 13 Denkmalbereiche geschützt.

In den Fokus rücken zunehmend auch die Neubaugebiete des industriellen Wohnungsbaus in Plattenbauweise aus den 1970er und 1980er Jahren. Dort gibt es in Rostock bereits vereinzelten Denkmalschutz, etwa für vier bildkünstlerisch gestaltete Giebel im Stadtteil Evershagen. Die riesigen Klinkerreliefs des Künstlers Reinhard Dietrich aus den Jahren 1974 bis 1976 zeigen die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Sie wurden noch von den DDR-Behörden unter Schutz gestellt, wie Jörg Kirchner vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in dem Buch „Alles Platte? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe“ berichtet, das soeben im Christoph Links Verlag erschienen ist.

DDR-Großsiedlungen in Rostock beliebt

Rostocks Stadtkonservator Peter Writschan wirft in dem Buch die Frage auf, ob im Fall der Platten-Großsiedlungen nur gelungene Einzellösungen unter Denkmalschutz gestellt werden sollten oder aber auch gesamte Wohngebiete. „Die Denkmalpflege steht vor der Aufgabe, sich mit Großsiedlungen ... auseinanderzusetzen und Vorschläge für den Umgang mit diesem städtebaulichen Erbe zu unterbreiten“, schreibt er. In Rostock würden die Wohngebiete aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen sehr positiv aufgenommen, sagt Stadtsprecherin Kanaa. Die DDR-Großsiedlungen seien beliebte Wohngebiete. „Statt Abbruch steht hier Verdichtung auf der Tagesordnung.“ Dabei sollen bewahrenswerte Strukturen erhalten werden.

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