Der Hauptangeklagte im Misshandlungs-Prozess von Rostock.
Der Hauptangeklagte im Misshandlungs-Prozess von Rostock. Stefan Tretropp
Prozess

Geiselnehmer in Rostock gestehen Kettensägen-Folter

Ein Video war es am Ende, das die beiden Angeklagten überführte und beide geständig machte: Die Beweislast der Bilder war zu erdrückend.
Rostock

Am vorletzten Verhandlungstag kam der Durchbruch im Geiselnahme-Prozess von Lalendorf: Nachdem am Montag erneut ein Video vor Gericht abgespielt wurde, auf dem zu sehen ist, wie die Peiniger ihr Opfer zwingen, nackt Holz zu hacken, folgten plötzlich doch noch umfangreiche Geständnisse der beiden Angeklagten – zu erdrückend war die Beweislast. Die Aufnahmen wurden nur deshalb noch einmal abgespielt, weil einem Zeugen im Hintergrund die Kettensäge, mit der der 39-Jährige bedroht worden sein soll, aufgefallen war.

Kettensäge auf Video zu sehen

In der Tat: Während eines Schwenks taucht die Säge auf, die der Hauptangeklagte eigentlich nie in seiner Gartenlaube sondern zu Hause gehabt haben wollte. Weiter ist in dem Video zu hören, wie der Hauptangeklagte Patrick J. (35) sein Opfer verhöhnt: „Stell dich gerade hin und hacke Holz, du abnormales perverses Schwein. Wer Lügen über mich verbreiten kann, kann auch Holz hacken!“ Kurz darauf packt J. mit der „Wahrheit“ aus. Zuvor hatten die beiden nur ein Teilgeständnis abgelegt.

Alles ging Ende 2018 los, er sei mit dem Opfer befreundet gewesen und in Lalendorf habe die Runde gemacht, dass er seine Frau und die Kinder schlagen würde. „Das hat mich psychisch sehr belastet“, sagte der 35-Jährige. J. habe Anfang März schließlich Manuel L. in seinen Garten bestellt, der Mitangeklagte Jürgen K. befand sich bereits dort. J. ging davon aus, dass L. die Gerüchte über ihn verbreitet hatte. Dann begann das zweistündige Martyrium. „Ich war dumm und habe mich von Herrn K. aufhetzen lassen“, schilderte J. und belastete damit seinen „Komplizen“.

Opfer entkleidet und brutal verprügelt

Nachdem das Handy des Opfers zerschlagen und im Ofen verbrannt und der 39-Jährige dann noch entkleidet wurde, schlugen die beiden Angeklagten abwechselnd auf ihn ein – mit Fäusten und einem Axtstiel. Irgendwann sei es J. dann zu viel geworden, als K. L. einen Zahn ausgeschlagen hatte, habe J. eingegriffen und ein Ende gefordert.

Patric J. räumt ein, dass die Kettensäge nun doch im Garten stand, er sie angemacht habe und drohte: „Ich säge dich klein und haue dich in den Ofen!“ Nach eigenem Befinden war der 35-Jährige im „Drogenrausch“, das konnte aber der medizinische Sachverständige nicht bestätigen: „Er war zur Tatzeit zwar mit errechneten 1,2 Promille alkoholisiert, aber einen Kokainrausch konnte ich nicht erkennen.“ Auch eine „verminderte Steuerungsfähigkeit“ sei nicht ersichtlich.

Der Angeklagte führt ein sehr düsteres Leben

Ansonsten zeichnete der Sachverständige ein sehr düsteres Leben vom Hauptangeklagten auf: frühe Alkohol-/Drogenprobleme und Straffälligkeit, schlechte Kindheit, Persönlichkeitsstörung, Suizidversuche, Abrutschen in die rechte Szene, hohe Schulden, Arbeitslosigkeit, langes Vorstrafenregister (15 Einträge). Der Mitangeklagte Jürgen K. bringt es auf 14 Eintragungen. In seinem Plädoyer forderte der Staatsanwalt gegen J. eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und 10 Monaten, gegen den Mitangeklagten K. fünf Jahre und 6 Monate wegen gemeinschaftlicher Geiselnahme, Raubes, Erpressung und Körperverletzung.

Einen „minder schweren Fall“ sieht die Staatsanwaltschaft nicht. Die Nebenklage forderte zudem 15.000 Euro Schmerzensgeld von den Angeklagten (Adhäsionsantrag). Die Verteidigung forderte beim Hauptangeklagten J. eine Freiheitsstrafe von drei bis vier Jahren, bei Jürgen K. nur eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. In den jeweiligen Schlussworten entschuldigten sich beide für ihr Verhalten, das sie zutiefst bereuen würden. Das Urteil fällt am Mittwoch.

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