CORONA-PROGNOSE

Greifswalder Professor plädiert für Lockdown-Verlängerung

Mit einem Rechenmodell wollen Wissenschaftler aus Greifswald vorhersagen, wie sich die Corona-Zahlen weiter entwickeln. Sie folgern: Der Lockdown müsse verlängert werden.
Das Corona-Abstrichzentrum der Unimedizin Greifswald. Die Uni hat ein Computermodell zur Vorhersage der Infektionszahlen entwi
Das Corona-Abstrichzentrum der Unimedizin Greifswald. Die Uni hat ein Computermodell zur Vorhersage der Infektionszahlen entwickelt. Stefan Sauer
Greifswald ·

Der Greifswalder Professor für Bioinformatik, Lars Kaderali, hat mit seinem Team anhand eines Computermodells Vorhagen erstellt, die den Verlauf der Coronavirus-Pandemie in Deutschland und in einzelnen Bundesländern abbilden sollen. Der Professor, der diese Vorhersagen bereits seit Beginn der Pandemie abgibt, hat seine aktuelle Prognose am Sonnabend in der Staatskanzlei vorgestellt und soll es am Montag auf dem MV-Gipfel erneut tun.

Vorhersage derzeit schwierig wegen Meldeverzugs

Wie die Universität Greifswald am Sonntag in einer Presseerklärung (dokumentiert unterhalb dieses Artikels) mitteilte, ergibt sich aus der Simulation der Bioinformatiker für Mecklenburg-Vorpommern, dass der verschärfte Lockdown ab Anfang Dezember wirkungsvoll war: Der R-Wert liege inzwischen bei 0.9, heißt es in der Pressemitteilung, wobei die Daten durch den Meldeverzug über die Feiertage nicht ganz aktuell seien.

Ein R-Wert unter 1 heißt, dass ein Infizierter rechnerisch weniger als einen weiteren Menschen ansteckt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zahlen in einigen Tagen, wenn der Meldeverzug über die Feiertage abgearbeitet ist, wieder präziser Auskunft über die aktuelle Lage geben können.

Dennoch, heißt es weiter in ihrer Erklärung, sei es in jedem Fall dringend geboten, die Lockdown-Maßnahmen, die bislang bis zum 10. Januar befristet sind, über die kommende Woche hinaus aufrecht zu erhalten, heißt es in der Mitteilung: „Sollten zum 10.1. hingegen Lockerungen beschlossen werden mit einem Rückgang zu einer Situation wie vor dem 16.12. (wie im „Welllenbrecher“), wäre mit einem schnellen Wiederanstieg der Infektionszahlen zu rechnen.” Ihr prognostiziere in diesem Fall eine 7-Tage-Inzidenz über 500 bereits für Mitte / Ende Februar in MV, so die Forscher weiter: „Anfang März wären die Krankenhauskapazitäten im Land mit über 300 intensivpflichtigen Patienten belastet und eine Überlastung des Gesundheitssystems würde sich im März einstellen.”

Schwesig plädiert für Lockdown-Verlängerung

Auf der anderen Seite schlussfolgern die Wissenschaftler: „Unter diesen Voraussetzungen ist in Mecklenburg-Vorpommern ab etwa der 2. Januarwoche mit langsam fallenden Infektionszahlen zu rechnen; eine 7-Tage-Inzidenz unter 50 wird jedoch voraussichtlich erst im März erreicht werden, wenn die Kontaktreduktionsmaßnahmen bis dahin aufrechterhalten werden.”

MV-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die sich – wie auch alle anderen Ministerpräsidentin – für eine Verlängerung des Lockdowns ausgesprochen hat, erhält durch die Prognose Rückenwind, den Lockdown nicht zum 10. Januar aufzuheben. Die Ministerpräsidenten wollen zu diesem Thema am Dienstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beraten.

 

Dokumentiert: Die Presseerklärung zur Coronavirus-Pandemie und Lockerungen zum 10.1. im Wortlaut
Quelle: Universität Greifswald, Institut für Bioinformatik / 3. Januar 2021

Das Institut für Bioinformatik der Universitätsmedizin Greifswald hat ein Computermodell entwickelt, mit dem der Verlauf der Coronavirus-Pandemie in Deutschland und in einzelnen Bundesländern simuliert und Prognosen für die zukünftige Entwicklung abgeleitet werden können. Das Modell wurde ursprünglich zur Planung der Krankenhausauslastung an der Universitätsmedizin Greifswald entwickelt, und fokussiert daher insbesondere auf die Situation in den Krankenhäusern. Im Modell werden Impfungen und saisonale Schwankungen der Infektionen berücksichtigt. Zur Beratung der Landesregierung MV in Vorbereitung des MV-Gipfels am 4.1. und der Bund-Länder-Beratungen am 5.1. wurden Simulationen gerechnet, welche Auswirkungen Lockerungen bzw. eine Verlängerung der Lockdown-Maßnahmen zum 10.1. auswirken würden. Folgendes sind die zentralen Ergebnisse der Simulation / mathematischen Analyse: 

  • In MV hat sich nach dem Shutdown 2 vom 16.12. ein R-Wert um 0.9 eingestellt, der genaue Wert kann durch den Melde- und Testverzug durch die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage noch nicht gut geschätzt werden. 
  • Das Modell schätzt die aktuelle 7-Tage-Inzidenz in MV auf etwa 110, also höher als die Meldedaten nahelegen. Ursache ist der Melde- und Testverzug durch die Feiertage. Diese Einschätzung wird unterstützt durch die aktuell sehr hohe Positivrate z.B. am Testzentrum der Universitätsmedizin Greifswald, die derzeit bei etwa 10% liegt und sich damit in den letzten 2 Wochen verdoppelt hat. 
  • Unter diesen Voraussetzungen ist in Mecklenburg-Vorpommern ab etwa der 2. Januarwoche mit langsam fallenden Infektionszahlen zu rechnen; eine 7-Tage-Inzidenz unter 50 wird jedoch voraussichtlich erst im März erreicht werden, wenn die Kontaktreduktionsmaßnahmen bis dahin aufrechterhalten werden. Ende Januar wird die 7-Tage-Inzidenz voraussichtlich weiter um 100 liegen. 
  • Selbst in einem optimistischeren Szenario mit einem R-Wert von 0.8 durch den Shutdown ist erst Mitte Februar mit einer 7-Tage Inzidenz unter 50 zu rechnen, wenn die Maßnahmen bis dahin aufrechterhalten werden. In einem pessimistischeren Szenario mit einem R-Wert von 1.0 wäre die 7-Tage-Inzidenz auch Mitte Februar noch über 100. Diese Simulationen berücksichtigen den Effekt von Impfungen 
  • In den Krankenhäusern ist die Entwicklung weniger erfreulich, ein Maximum der Auslastung der Intensivstationen des Landes wird prognostiziert für Ende Januar mit 90-100 intensivpflichtigen Patienten, sofern die Shutdown-Maßnahmen bis Ende Januar verlängert werden. Laut LAGuS-Lagebericht befinden sich heute (3.1.) 77 Patienten auf den Intensivstationen. 
  • Sollten zum 10.1. hingegen Lockerungen beschlossen werden mit einem Rückgang zu einer Situation wie vor dem 16.12. (wie im „“Welllenbrecher“), wäre mit einem schnellen Wiederanstieg der Infektionszahlen zu rechnen. Das Modell prognostiziert in diesem Fall eine 7-Tage-Inzidenz über 500 bereits für Mitte / Ende Februar in MV, Anfang März wären die Krankenhauskapazitäten im Land mit über 300 intensivpflichtigen Patienten belastet und eine Überlastung des Gesundheitssystems würde sich im März einstellen. 
  • Ein Effekt der Impfungen stellt sich – abhängig von der Verfügbarkeit von Impfstoff und der weiteren Zulassung von Impfstoffen anderer Hersteller – frühestens Ende März ein. Mit einem Abklingen der Pandemie ist erst zum Frühling zu rechnen, hier sind genaue Prognosen sehr schwer. Es ist vor diesem Hintergrund nicht damit zu rechnen, dass vor März / April eine deutliche Verbesserung der Situation eintreten wird, wir werden noch bis zum Frühling mit Kontaktreduktionsmaßnahmen und gravierenden Einschränkungen leben müssen. Es besteht allerdings Hoffnung, einen „normalen“ Sommer zu haben, und im Herbst dürfte Corona dann kein Thema mehr sein. 

Zur Person: Lars Kaderali ist Professor für Bioinformatik an der Universität Greifswald und Direktor des Instituts für Bioinformatik der Universitätsmedizin. Sein Forschungsschwerpunkt ist in der mathematischen Modellierung von Virus-Infektionen und der Analyse von Virus-Wirts-Interaktionen mit Methoden der Bioinformatik. Kaderali berät bereits seit Beginn der Pandemie die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern mit mathematischen Simulationen zum Verlauf der Pandemie und zu Auswirkungen von politischen Maßnahmen. 

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Kommentare (6)

Auf welchen Daten basiert dieses Modell? Wie wurde es entwickelt? Gibt hoch ist die Wahrscheinlichkeit verschiedener Szenarien? Welche Annahmen gelten für die verwendeten Algorithmen? Wie realistisch sind diese Annahmen? Haben andere Wissenschaftler von anderen Fachbereichen die Möglichkeit gehabt das Modell kritisch zu begutachten? Gibt es eine wissenschaftliche Veröffentlichung zu diesem Modell? Oder passiert das alles wieder nur hinter verschlossenen Türen? Versucht die Regierung ihre Entscheidungen damit zu rechtfertigen? Wo sind die Akten, die das gerichtsfest dokumentieren? Warum ist nichts dazu öffentlich zugänglich? Ist dem Professor klar, daß am Ende er geopfert werden wird, wenn es zu Gerichtsverhandlungen zum Schadenersatz kommt?

Andere Studien akzeptieren Sie bzw weisen darauf hin. Nun so viele Fragen. Möchten Sie wirklich einen Austausch oder dich nur Ihre Ansicht bestätigt wissen?

Andere Studien werden veröffentlicht, sind transparent einsehbar und unterlaufen vor Veröffentlichung einem Peer Review. Hier wird nur vorgekaukelt, daß es sich um seriöse Wissenschaft handelt.

Dort wird das Rechenmodell erklärt.

sonst hätte es im Nordkurier gestanden. Es wird ein Auftragswerk sein.

stell Dich nicht so an! Dein IQ reicht ohnehin nicht aus, die Sache nachzurechnen!