Sechs junge Menschen protestieren seit dem 30. August in Berlin. Rumen Grabow (vorne links) und Henning Jeschke (vorne rechts)
Sechs junge Menschen protestieren seit dem 30. August in Berlin. Rumen Grabow (vorne links) und Henning Jeschke (vorne rechts) aus Greifswald sind dabei. ZVG
Sie wollen mit den drei Kanzlerkandidaten sprechen. Dafür essen sie keinen Bissen mehr seit Ende August. Eine antwort bli
Sie wollen mit den drei Kanzlerkandidaten sprechen. Dafür essen sie keinen Bissen mehr seit Ende August. Eine Antwort blieb bis jetzt aus. ZVG
Rumen Grabow aus Greifswald ist in den Hungerstreik getreten, um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Klimapolitik zu erzeugen.
Rumen Grabow aus Greifswald ist in den Hungerstreik getreten, um mehr Aufmerksamkeit für das Thema Klimapolitik zu erzeugen. ZVG
Das mediale Interesse an den Aktivisten ist groß, ihre Ziele haben sie noch nicht erreicht.
Das mediale Interesse an den Aktivisten ist groß, ihre Ziele haben sie noch nicht erreicht. ZVG
Jeden Tag halten sie vor dem Bundestag ihre Mahnwache.
Jeden Tag halten sie vor dem Bundestag ihre Mahnwache. ZVG
Klima-Protest

Greifswalder wollen im Hungerstreik Berliner Politiker unter Druck setzen

Seit 14 Tagen haben zwei aus Greifswald stammende Aktivisten nichts mehr gegessen. Mit ihrem Streik wollen sie die Kanzlerkandidaten zu einem Gespräch über die Rettung des Planeten zwingen.
Berlin

Sie sind jung, sie haben Angst vor der Zukunft der Erde und seit dem 30. August haben sie keinen Bissen mehr gegessen. Sechs Klimaaktivisten befinden sich derzeit in Berlin am 14. Tag ihres Hungerstreiks. Sie haben ihre Zelte im Regierungsviertel aufgeschlagen und überall Banner mit ihrer Botschaft aufgehängt: „Stoppt den Mord an der jungen Generation.” Damit meinen sie: Stoppt endlich den Klimawandel.

Die Demonstranten im Alter zwischen 18 und 27 Jahren kommen aus ganz Deutschland. Zwei der Aktivisten stammen aus Greifswald: Rumen Grabow und Henning Jeschke.

Umweltschutz seit der Grundschule Thema

Rumen, ein 20 Jahre alter Mann mit hellem Haar, drahtiger Statur und tiefer Stimme, befasst sich schon seit der Grundschule mit dem Thema Umwelt – seit er in der zweiten Klasse zum ersten Mal das Wort Klimakrise gehört hat.

Mehr zum Thema: ▶Klimaaktivisten besetzen Kraftwerk in Greifswald

Damals pflanzte er mit seinen Schulkameraden Bäume und beschäftigte sich intensiver mit Umweltschutz: „Ich habe noch geglaubt, dass wir das hinkriegen, dass wir das Klima retten können mit den ganzen Kampagnen und Organisationen”, sagt Rumen Grabow.

Mit der Zeit habe er aber die Meinung entwickelt, dass zu wenig vom Staat getan wird, um die Klimakrise wirksam zu bekämpfen. „In mir staute sich eine regelrechte Wut an. Anfangs habe ich sie auch mal an meinen Eltern ausgelassen, aber ich merkte schnell, dass sie die falschen Adressaten sind. Es sind die Politiker und das System, die nichts ändern.”

Fridays for Future nicht „krass genug”

2019 war er zum ersten Mal bei einer Demonstration von Fridays for Future in Greifswald dabei. Der Bewegung bescheinigt Rumen gute Ansätze, aber insgesamt passiere auch da zu wenig.

Danach, so sagt Rumen, habe er schon darüber nachgedacht, auch mal „krassere Sachen” zu machen. Um diese „krasseren Sachen” zu machen, brach Rumen eine Ausbildung in einem Bäckereibetrieb ab und wurde Vollzeit-Aktivist. Er gehörte unter anderem zu einer Gruppe Aktivisten, die in Hamburg im Mai 2021 eine Brücke über die Elbe besetzten. Das wenige, was die Aktivisten benötigen, finanzieren sie über Spenden.

Weiterlesen: Klima-Aktivisten planen vor Bundestagswahl weltweiten Streik

„Ich würde das lieber nicht machen”, sagt Rumen Grabow, „aber ich muss. Wir haben den legalen Weg versucht, haben demonstriert, aber es hat sich nichts geändert. Wir müssen die Leute schocken, um auf das Problem aufmerksam zu machen".

Hungerstreik, um Gespräch mit Politikern zu erzwingen

Die Aktivisten sagen, ihr Ziel, die Rettung des Planeten, fordere auch mal drastische Maßnahmen. Damit sie mit dem Hungerstreik aufhören, haben sie klare Forderungen. Erstens:ein Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten über die Klimakrise und, wie sie es nennen, „den Mord an der jungen Generation".

Zweitens: das Versprechen, in einer neuen Regierung direkt einen Bürgerrat einzuberufen. In diesem sollten Sofortmaßnahmen gegen die Klimakrise, unter anderem eine 100-prozentige regenerative Landwirtschaft besprochen werden.

Lesen Sie auch: Protest bei 300 Grad Celsius –Stadtwerke kritisieren lebensgefährliche Aktion

Auf die Frage, ob ihr Handeln nicht auch eine Art moralische Erpressung an den Politikern ist, will sich niemand äußern. "Bei dieser Sache geht es nicht um Individuen, sondern um uns alle, um die ganze Menschheit.” Dann erzählt Rumen von hungernden Menschen in Afrika und Tsunamis in Asien. Das alles seien erkennbare Folgen der Klimakrise und doch würden die Politiker nicht so handeln, wie es Experten seit Jahren raten.

Schon mehr als sieben Kilo Gewicht verloren

Sieht er sich als Extremisten? In gewisser Hinsicht ja, ganz klar, sagt Rumen. „Die Mittel und Wege, die ich gehe sind extrem und nicht immer legal. Aber das Ziel rechtfertigt die Mittel. Bislang haben die Politiker ihren Job nicht gemacht und das können wir nicht durchgehen lassen. Das muss eine Demokratie auch mal aushalten können.”

Bis jetzt gab es noch kein Gespräch mit den Kanzlerkandidaten. Annalena Baerbock habe mit ihnen kurz telefoniert, heißt es aus dem Hungerstreik-Camp, aber mehr Interaktion gab es noch nicht. Sie wollen weiterhungern, auch wenn sich ihr Zustand verschlechtert. Mehr als sieben Kilogramm Körpergewicht haben sie schon verloren. Aufhören wollen sie trotzdem nicht. Jeden Tag demonstrieren sie vor dem Bundestag und halten ihre Mahnwache.

Weiterlesen: Kremlgegner Nawalny beendet Hungerstreik im Straflager

Die Aktivisten erzählen, dass sie sich müde und erschöpft fühlen nach so vielen Tagen ohne Essen. Doch das eigentliche Hungergefühl verschwand nach knapp drei Tagen. Regelmäßiges Wassertrinken hilft und gibt dem Magen eine Beschäftigung.

Nach 40 Tagen wird ein Hungerstreik kritisch

Der Arzt Thomas Kunkel vom Verein Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte weiß, dass ein Hungerstreik schnell gefährlich werden kann. „Der Stoffwechselumsatz kann sich auf etwa 50 Prozent reduzieren. Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur sinken. Diese Schutzmechanismen ähneln einem Winterschlaf”, sagt der Arzt. Der größte Teil der Fettreserven wird für die Energieversorgung von Gehirn, Herz, Nieren und Muskeln benötigt. Thomas Kunkel meint, ein Hungerstreik wirke sich ganz unterschiedlich auf die Streikenden aus. Durchfälle, Husten, Kopfschmerzen und Schwindel seien die häufigsten Symptome. Ab dem 14. Tag liege der durchschnittliche Gewichtsverlust bei fast 300 Gramm pro Tag. Wie lange ein Hungerstreik dauert, hängt davon ab, wie anstrengend der Alltag der Streikenden ist. Ein Streik von 30 oder 40 Tagen sei durchaus möglich. Ab dem 40. Tag sei es jedoch hoch gefährlich und der Tod könne schnell eintreten.

Am Dienstag verkündeten die Aktivisten, sie wollen nun auch auf Vitaminsäfte verzichten, um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen. Bislang nehmen die Sechs Streikenden morgens Elektrolyte, sowie Vitamine über Säfte und Tabletten zu sich. Ansonsten trinken sie nur Wasser.

Wenn der Hungerstreik beendet ist, will Rumen erstmal richtig reinhauen. „Wahrscheinlich werde ich etwas richtig Intensives essen. Eine Gemüsepfanne mit Erdnüssen zum Beispiel.” Auf den Streik hat er sich in Greifswald bereits vorbereitet. Sechs Tage lang aß er nichts, sondern trank nur Wasser. Jetzt ist er bereits doppelt so lange im Streik und wenn es sein muss, hält er auch noch länger durch, zeigt sich Rumen entschlossen.

Lesen Sie auch: Für Wissenschaftler ist grünes Wachstum Augenwischerei

 

zur Homepage