Rohrkrepierer oder Schlüssel zur Entlastung? Kleine Balkonkraftwerke will die MV-Landesregierung fördern – doc
Rohrkrepierer oder Schlüssel zur Entlastung? Kleine Balkonkraftwerke will die MV-Landesregierung fördern – doch schon jetzt hagelt es Kritik. Laura Ludwig
Energiepreise

Heftiger Widerstand gegen 20.000 Balkonkraftwerke für MV

Verzweifelt sucht die Politik Wege, um die von den explodierenden Energiekosten drangsalierten Bürger zu entlasten. Eine Idee der MV-Regierung wird jetzt von Kritikern in der Luft zerrissen.
Schwerin

Am Ende des Energiegipfels am Montagabend war fast so etwas wie Hoffnung, ja fast schon Euphorie zu spüren, als die Landesregierung unter Führung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Ergebnisse des Spitzentreffens mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften präsentierte. Es war auch der Versuch, ein wenig Optimismus zu erzeugen, dass die Politik Möglichkeiten erschließt, um die geplagten Bürger bei der Bewältigung der hohen Strom-, Gas-, Benzin- und Lebensmittelpreise in irgendeiner Form unter die Arme zu ergreifen.

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Unter anderem verkündete die rot-rote Landesregierung ein Förderprogramm, mit dem Hausbesitzer und Mieter in Mecklenburg-Vorpommern animiert werden sollen, mehr Sonnenstrom für den eigenen Bedarf zu produzieren. Im Oktober soll demnach ein entsprechendes Landes-Förderprogramm für Photovoltaikanlagen (PV) – also quasi kleine Kraftwerke – an Balkonen starten. Dafür will das Land nach Auskunft aus dem Umweltministerium zehn Millionen Euro bereitstellen. Die Anschaffung einer PV-Anlage könne mit bis zu 500 Euro pro Haushalt gefördert werden, hieß es. Die Förderrichtlinie befinde sich aktuell in der Ressortabstimmung. Nach deren Veröffentlichung könnten die Anträge beim Landesförderinstitut gestellt werden.

Gefördert werden sollen PV-Anlagen mit einer Leistung bis zu 600 Watt. Diese seien nicht genehmigungspflichtig. Sie müssten nur beim Energieversorger angezeigt werden, teilte Umweltminister Till Backhaus (SPD) noch am Gipfelabend mit. „Je nach Wohnsituation muss noch die Zustimmung des Vermieters eingeholt werden. Das ist unbürokratisch und kann bei steigenden Strompreisen schnell eine Ersparnis bringen”, zeigte Deutschlands dienstältester Landesminister einen potenziellen Weg aus der Energiekrise.

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Doch kaum ist die Fördermaßnahme für 20.000 Balkonkraftwerke in Mecklenburg-Vorpommern in der Welt, hagelt es Kritik – beispielsweise aus der Erneuerbare-Energien-Branche. „Nur eine einzige moderne Windkraftanlage mit 5,5 Megawatt produziert weit mehr Strom, als alle 20.000 Balkonmodule zusammen und kostet etwa die Hälfte der Fördermittel”, betonte der Vorsitzende des Landesverbandes Erneuerbare Energien, Johann-Georg Jaeger.

Die Förderung mit 500 Euro verursache einen sehr hohen bürokratischen Aufwand im Verhältnis zur Fördersumme, der kaum zu rechtfertigen sei. Der Personalmangel in der zuständigen Verwaltung werde so noch weiter verschärft. Außerdem gebe es auch bei Balkonmodulen erhebliche Lieferzeiten. Eine Förderung mache in dieser Situation keinen Sinn.

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Jaeger kritisierte zugleich, dass derzeit die Errichtung von 5000 Megawatt Photovoltaik-Freiflächenanlagen blockiert werde, weil zwei Landesministerien die Kriterien unterschiedlich auslegten. Vor diesem Hintergrund sei die geplante Förderung eher ein Ablenkungsmanöver. „Die Nutzung von Sonne und Wind kommt in MV viel zu schleppend voran, weil die Landesregierung keine klare Linie fährt”, kritisierte Jaeger.

Am Freitagmorgen legte der Bund der Steuerzahler Mecklenburg-Vorpommern mit scharfen Worten in Richtung Landesregierung nach. Die Förderung von Balkonkraftwerken sei ein klassischer Fall von gut gemeint, aber nicht gut gemacht, erklärte die stellvertretende Vorsitzende Steuerzahlerbundes, Diana Behr. „Grundsätzlich ist gegen eine Förderung privater Photovoltaik nichts einzuwenden. Doch solche Anlagen amortisieren sich frühestens nach einigen Jahren. Es entsteht also für die privaten Haushalte kein kurzfristiger Spareffekt angesichts der hohen Energiepreise.” Zusätzlich würden durch den bürokratischen Aufwand personelle Ressourcen gebunden, die anderswo dringend gebraucht würden.”

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Der Steuerzahlerbund fordert das Land umgehend zu einem sorgsamen Umgang mit Steuergeld auf: „Wir brauchen nachhaltig wirksame Strategien, um den rasant steigenden Energiepreisen zu begegnen und dadurch langfristig die privaten Haushalte und die Unternehmen zu entlasten. Insbesondere im Hinblick auf die sehr angespannte Haushaltslage darf es keine Förderungen nach dem Gießkannenprinzip mehr geben.”

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Kommentare (1)

Die Komplett-Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien ist ein Hirngespinst in einem Land, das nicht über das Jahr ausreichend Wind und Sonne hat. Den Bürgern mit Nord- oder Ostbalkonen Kleinst-Photovoltaikanlagen schmackhaft zu machen, grenzt zudem an die Hoffnung, die Bevölkerung merkt den selbst unterstützten Irrweg nicht. Deutschland hat sich komplett mit der "Energiewende" verrannt, kann sich aber nicht vom Schabernack lösen, da diese Idee keineswegs nur aus Politik und Industrie kommt.