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Gerade produktive DDR-Betriebe blieben seltener in ostdeutschem Eigentum. Der Großteil der Umsätze und Arbeitsplätze ging an Westdeutschland? Jens Wolf
Treuhand

Jeder zweite profitable DDR-Betrieb landete im Westen

Die Filetstücke der DDR-Industrie gingen an den Westen. Das zeigt eine aktuelle Studie. Rund zwei Drittel der damaligen Umsätze und Arbeitsplätze hat der Osten verloren.
München

Was die Treuhandanstalt nach der Wiedervereinigung mit der ostdeutschen Wirtschaft gemacht hat, sorgt bis heute für hitzige Debatten. Von Ausverkauf der DDR-Betriebe und Fehlern bei der Privatisierung ist unter anderem die Rede. Eine aktuelle Studie zeigt nun: Mehr als die Hälfte der profitablen DDR-Betriebe sind durch Handeln der Treuhand in westdeutscher Hand gelandet – und damit rund zwei Drittel der Umsätze und Arbeitsplätze.

„Nach Abschluss der Hauptaktivitäten der Treuhandanstalt im Jahr 1995 finden sich rund 51 Prozent der Firmen, 64 Prozent der Umsätze und 68 Prozent der Arbeitsplätze aus den in unserer Stichprobe analysierten ehemaligen DDR-Staatsunternehmen in mehrheitlich westdeutscher Hand”, schreibt das Ifo Institut an der Universität München in der Studie.

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Gerade produktive DDR-Firmen blieben seltener in ostdeutschem Eigentum. Die Forscher stellen auch eine Korrelation zwischen langfristigem Erfolg der Betriebe und einer hohen anfänglichen Produktivität bei der Privatisierung der DDR-Staatsunternehmen fest.

Umverteilung von Ost nach West

Es habe zwar in in vielen Fällen gute Gründe für das Handeln der Treuhand gegeben, schreiben die Ifo-Forscher. „Aber es bleibt die Umverteilung von Firmenbesitz von Ost nach West festzuhalten.” Der bessere Zugang zu Finanzkapital und die Erfahrung westdeutscher Investoren mit marktwirtschaftlichen Unternehmen seien Erklärungen, warum die Treuhand so gehandelt hat.

Die Studie hat allerdings auch einige Einschränkungen. Die Privatisierung von Geschäften, Restaurants und Hotels, die größtenteils an Ostdeutsche gingen und beispielsweise im Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern einen wichtigen Wirtschaftszweig darstellen, spielte darin keine Rolle, wie es hieß.

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Die Ifo-Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Treuhand zwar ihrem Auftrag nachkam, die DDR-Staatsunternehmen zu privatisieren. „Allerdings lassen unsere Ergebnisse keine Rückschlüsse darauf zu, ob die Privatisierungspolitik der Treuhand die bestmögliche Lösung der ihr anvertrauten Aufgabenstellung darstellte”, heißt es abschließend.

Filetstücke gesichert

„Diese interessante Studie zeigt, dass sich westdeutsche Investoren vor allem die Filetstücke sichern konnten. Wir brauchen die weitere Aufarbeitung der Treuhandzeit. Es ist eine Frage des Respekts gegenüber den Millionen Menschen, die damals Job und Perspektive verloren habe”, sagt der Linken-Bundestagsabgeordnete Dietmar Bartsch aus Mecklenburg-Vorpommern.

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„Niemand behauptet, dass Arbeitsplätze zurückkommen, aber Fehler müssen als Fehler benannt werden, gerade 30 Jahre nach der Einheit.” Gerade einmal 80 Beamte waren damals in Bonn im Finanzministerium für die „zeitweise größte Holding der Welt zuständig, wie mir die Bundesregierung auf meine Anfrage mitteilte”, so Bartsch

Zwar hat sich die Wirtschaftskraft der neuen Länder seit 1990 vervierfacht, wie aus dem Jahresbericht zum Stand der Einheit hervorgeht, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Die Arbeitslosigkeit ist bis zum Beginn der Corona-Krise gesunken, die Unterschiede zwischen alten und neuen Ländern haben sich verringert. Doch gehörten Vorpommern und die Mecklenburgische Seenplatte auch 2019 mit mehr als 8 Prozent weiterhin zu den Regionen mit der höchsten Quote in Deutschland.

Gleichwertige Lebensverhältnisse noch nicht erreicht

Unverändert fehlten wirtschaftsstarke Regionen mit einer hohen Dichte an Arbeitsplätzen – die vor allem von größeren, forschungsstarken und international orientierten Unternehmen angeboten werden.

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Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sagte zu dem Einheitsbericht, die ostdeutschen Länder hätten sich „unterm Strich in den letzten 30 Jahren gut entwickelt”. „Sie haben an Wirtschaftskraft gewonnen. Die Arbeitslosigkeit ist heute viel niedriger als zur Jahrtausendwende. Auch bei uns sind Löhne und Renten gestiegen.” Gleichzeitig räumte sie aber ein, dass „das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse” noch nicht erreicht sei. „Es gibt nach wie vor Rückstände bei Löhnen und Wirtschaftskraft.”

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