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Kampf um den Krippenplatz beginnt längst vor der Geburt

Ein Urteil aus Leipzig macht auch Eltern im Nordosten hellhörig. Schließlich sind an einigen Kitas die Wartelisten voll. Wie stark sind die Einrichtungen ausgelastet?

Ein Platz in der Wunsch-Kita ist auch im Nordosten nicht immer leicht zu bekommen.
Bodo Schackow Ein Platz in der Wunsch-Kita ist auch im Nordosten nicht immer leicht zu bekommen.

Wie generalstabsmäßig planen Eltern in der Region ihren Nachwuchs? Laut Katja Thiede bis ins kleinste Detail. Die Erzieherin des „Kinderhauses Windmühle“ führt oft Eltern durch die Neubrandenburger Kita, die erst in einem Jahr ein Baby erwarten. Ob sie dann einen Platz in ihrer Wunsch-Kita bekommen, ist oft unklar.

Im Kinderhaus mit Krippe und Kindergarten sind 160 Mädchen und Jungen untergebracht. Es kommen so viele Anträge herein, das jährlich 30 bis 40 davon nicht berücksichtigt werden können. Meist bewerben sich Eltern aber nicht nur an einer Kita, sagt Katja Thiede. „Es ist ein Kampf um den Platz an der Sonne.“

Kinder ab dem ersten Lebensjahr haben Anspruch auf Kita-Platz

Ein Kampf, den drei Elternpaare vor dem Leipziger Landgericht ausgefochten haben. Sie klagten gegen die Stadt Leipzig, weil sie direkt im Anschluss an ihre Elternzeit keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder bekommen hatten. Die Mütter blieben deshalb länger zu Hause und mussten Verdienstausfälle hinnehmen. Das Landgericht sprach ihnen nun 15 100 Euro Schadenersatz zu. Die Kommune sei ihrer Pflicht nicht nachgekommen, rechtzeitig für genügend Kita-Plätze zu sorgen, begründeten die Richter ihr Urteil. Damit bestätigten sie eine Gesetzesänderung, die seit dem 1. August 2013 gilt. Demnach haben Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Anspruch auf einen Kita-Platz.

Anträge jetzt schon für 2017

Die Entscheidung werde einige Eltern hellhörig machen, vermuten Erzieherinnen aus der Region. Die Wartelisten für Einrichtungen wie dem Kinderhaus „Windmühle“ oder der DRK-Kindertagesstätte „Friedrich Fröbel“ sind voll. In der Prenzlauer Kita stapeln sich die Anmeldungen. Es gebe sogar Anträge von Eltern, die bis 2017 reichen, sagt Carmen Drath. Mit einer Klagewelle wegen fehlender Kita-Plätze rechnet die Vorstandsvorsitzende des DRK-Kreisverbands Uckermark West/Oberbarnim aber nicht. Denn bisher hätten Eltern ihre Kinder alternativ in städtischen Kitas untergebracht oder zu einer Tagesmutter geschickt. Und einen Anspruch auf eine Wunsch-Kita gebe es ohnehin nicht.

Nach Angaben von Eckhard Blohm, Leiter des Amtes für Bildung, Kultur und Soziales, verfügt die Stadt Prenzlau über 1378 Plätze in den städtischen Kitas. Die Auslastung liege zwischen 85 und 94 Prozent. Im Landkreis Vorpommern-Greifswald stehen 14 969 Plätze (Krippe, Kindergarten und Hort) zur Verfügung. Die Auslastung liegt in Pasewalk zwischen 71 und 83 Prozent, in Anklam zwischen 85 und 93 Prozent und in Greifswald zwischen 84 und 95 Prozent.

Engpässe in einigen Städten

Klaus-Michael Glaser vom Städte- und Gemeindetag Mecklenburg-Vorpommern hält die Kita-Struktur im Land für gut ausgebaut. Auf das Land verteilt, gebe es genug Plätze. Allerdings könne es an einigen Orten, beispielsweise in der Schweriner Innenstadt, schwieriger werden, einen Kita-Platz zu bekommen. Auch im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gebe es von Zeit zu Zeit Engpässe, bestätigt Birgit Müller, Sachgebietsleiterin Kindertagesförderung. Das Jugendamt arbeite jedoch eng mit den Eltern und den Trägern der Kitas an „gemeinsamen Lösungen“. Dass es dennoch zu einer ähnlichen Klage wie in Leipzig kommen kann, hält Elke Löhr für möglich. Vor vier, fünf Jahren seien einige Kommunen eher zurückhaltend beim Kita-Ausbau gewesen, sagt die Referentin für Kinder- und Jugendhilfe der Caritas Mecklenburg. Erst mit dem Rechtsanspruch auf Betreuung haben sie mehr Plätze geschaffen. Aber viele seien aus Löhrs Sicht halbherzig entstanden.

Ämter und Kommunen schlagen den Trägern vor, einen Mehrzweckraum zu einem Gruppenraum zu machen, anstatt auszubauen und Personal einzustellen. Schon können Löhr zufolge 18 Kinder mehr aufgenommen werden. Allerdings scheuen sich viele Kommunen, ihre sozialen Ausgaben zu erhöhen. Denn in fünf Jahren werden ohnehin weniger Kinder geboren, sagt die Caritas-Mitarbeiterin.