ÖKOLOGISCHER FUßABDRUCK

Kann Selbstversorgung ein Massenphänomen werden?

Eine Familie aus Kalkhorst in Nordwestmecklenburg versorgt sich selbst. Kann das angesichts von Müllbergen und Klimawandel ein Modell für viele Menschen sein?
dpa
Die Schimmels aus Kalkhorst in Nordwestmecklenburg versorgen sich selbst.
Die Schimmels aus Kalkhorst in Nordwestmecklenburg versorgen sich selbst. Rainer Jensen
Die Pferde der Familie bestellen die Äcker.
Die Pferde der Familie bestellen die Äcker. Rainer Jensen
Das Angler Rind "Dora" versorgt sie Familie mit Milch.
Das Angler Rind „Dora” versorgt sie Familie mit Milch. Rainer Jensen
Kalkhorst.

Bei der fünfköpfigen Familie Schimmel aus Kalkhorst im Landkreis Nordwestmecklenburg gibt es täglich frische Milch. Eigener Käse und Gemüse aus dem Garten kommen auf den Tisch, Müll vermeiden die Selbstversorger, auf ein Auto verzichten sie, obwohl ihr Hof abseits liegt. „Ich will so wenig wie möglich daran teilhaben, dass diese Welt kaputtgemacht wird”, sagt Lina Schimmel.

Nachhaltig zu leben, ist heute nicht mehr nur ein Thema für Grünen-Parteitage und Öko-Freaks: In Portalen wie „nebenan.de” bauen Großstadtbewohner längst Tauschringe auf. In Facebook- und Meetup-Gruppen tauschen sich Interessierte aus, wie sich durch Teilen, Selbermachen oder Verzicht wahlweise eine bessere Welt oder ein ruhigeres Gewissen erreichen lässt – je nach Anspruch.

Dahinter steckt eine Frage, die sich angesichts des Klimawandels für viele in neuer Dringlichkeit stellt: Welchen Anteil hat der Einzelne – und was könnte ich selbst unternehmen? „Wenn ich mir die Bevölkerung anschaue, erkennen viele an, dass ein Einfach-weiter-so auf Dauer nicht gut gehen kann”, sagt der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg.

Honig und Rindfleisch als Rückfall-Optionen

Die Schimmels haben daraus Konsequenzen gezogen – und versuchen, ihren sogenannten ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Im Frühjahr ziehen zwei Kaltblüter den Pflug durch die Äcker, im Sommer gehen sie mit dem Miststreuer über die Felder und Blumenwiesen, die den 60 Bienenstämmen als Nahrung dienen.

Der Honig ist eine der Rückfall-Optionen, die der Familie erlaubt, auf die Welt der Warenströme zuzugreifen. Außerdem verkaufen die Schimmels Rindfleisch. Von dem knappen Dutzend Rindern, die auf dem Hof weiden, werden zwei für den eigenen Verbrauch geschlachtet. Sechs bis sieben werden verkauft.

Bereits Ende Oktober – einer der wärmsten, den der Deutsche Wetterdienst verzeichnet hat – ist bei den Schimmels alles angerichtet für die kalte Jahreszeit. Während in vielen Teilen Deutschlands Bauern über Dürrefolgen klagen, herrscht bei den Schimmels Überfluss: Zwei Tonnen Honig haben die Bienen produziert. In normalen Jahren ist es die Hälfte.

Urlaub ist für die Selbstversorger kaum möglich

Ein richtiges Krisenjahr habe es noch nicht gegeben, sagt Steffen Schimmel. Mal fiel die Honigernte geringer aus, ein anderes Jahr warf das Getreide weniger ab. Zweifel an ihrem Lebensentwurf seien deshalb nie aufgekommen. „Das alles schlecht war, ist eigentlich nie passiert”, sagt er. Am schlimmsten sei es gewesen, als in einem Jahr unerwartet mehrere Tiere starben.

Sich im Urlaub vom Alltag erholen? In der Stadt mag das gehen, aber nicht, wo Tiere und Pflanzen zu versorgen sind. Einige Teile aus der Welt der Schimmels treffen draußen dennoch auf positive Resonanz: Dass die Nachfrage steigt nach „sauberen” Produkten, einem ruhigen Gewissen, merken sie in Kalkhorst verstärkt. Seit Kurzem haben die Schimmels nun sogar Internet – denn mit den Bestellungen wurde es langsam etwas unübersichtlich.

Dass es bald viel mehr Menschen den Schimmels gleichtun könnten, glaubt Zukunftsforscher Reinhardt allerdings nicht. Darüber sagten Trends wie Urban Gardening und bewusster Konsum erstmal wenig: „eher in einer Generation, zwei Generationen, dass sich da wirklich etwas Grundsätzliches verändert”, urteilt er. Schließlich brauche es Zeit dafür und Wissen.

 

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