FISCHER SCHIMPFEN

Kegelrobben erobern Ostsee-Küstengewässer zurück

Das größte freilebende Säugetier in Deutschland ist die Kegelrobbe. Sie galt als ausgerottet, nachdem 1920 das letzte Exemplar in deutschen Gewässern erlegt wurde. Jetzt ist sie zurück.
dpa
Die Kegelrobbe erobert die Ostseeküste zurück.
Die Kegelrobbe erobert die Ostseeküste zurück. Rainer Jensen
Tot gefundene Kegelrobben werden untersucht.
Tot gefundene Kegelrobben werden untersucht. Stefan Sauer
Die Kegelrobben bekommen auch wieder Nachwuchs an der Küste. (Archivbild: trächtige Kegelrobbe von der Greifswalder
Die Kegelrobben bekommen auch wieder Nachwuchs an der Küste. (Archivbild: trächtige Kegelrobbe von der Greifswalder Oie 2014) Mathias Mähler/Verein Jordsand
Eine Kegelrobbe liegt am 20.01.2016 auf dem zugefrorenen Strelasund zwischen Stralsund und Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern)
Eine Kegelrobbe liegt am 20.01.2016 auf dem zugefrorenen Strelasund zwischen Stralsund und Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Stefan Sauer
Stralsund.

In der Ostsee sind die Kegelrobben zurück. Mit mehr als 38.000 gezählten Tieren haben die Meeressäuger etwa die Hälfte des Bestandes von 80.000 bis 100.000 im 19. Jahrhundert erreicht. Doch weil sie Fisch fressen, wurden sie hartnäckig gejagt. Schon vor 100 Jahren, 1920, ist in Deutschland offiziell die letzte Robbe dieser Art erlegt worden. „Damals gab es eine Prämie für jede erlegte Robbe, der Unterkiefer musste vorgelegt werden, heute unvorstellbar”, sagt die Meeresbiologin Linda Westphal vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund.

In den 1980-er Jahren stand die Ostsee-Kegelrobbe, die eine eigene Unterart bildet, mit 2500 Exemplaren kurz vor dem Aussterben. Das Jagdverbot sorgte dafür, dass sie sich ostseeweit erholt. Seit 2004 werden diese für Deutschland größten Säugetiere wieder häufiger gesichtet.

Der Kegelrobbenbestand in der südlichen Ostsee wächst nach Westphals Worten seitdem jährlich um 20 Prozent. Am Gesamtbestand hat die südliche Ostsee mit rund 3500 Tieren nur einen Anteil von kaum zehn Prozent. Die Größe der Bestände wird beim Überfliegen mit einem kleinen Flugzeug ermittelt. „Vom Boot aus sind große Gruppen nicht so einfach zu zählen”, meint die junge Wissenschaftlerin. Gezählt werden die Robben im März zur Heringssaison und Ende Mai, Anfang Juni während des Fellwechsels, wenn die Tiere die Ruhe suchen.

Bis zu 300 Robben im Greifswalder Bodden

„Im Greifswalder Bodden leben jetzt wieder ganzjährig 60 bis 70 Robben, doppelt so viele wie vor vier Jahren”, sagt Westphal. In den vergangenen Jahren habe es an den beiden bevorzugten Ruheplätzen – dem Großen Stubber, einer Untiefe, und an der Insel Greifswalder Oie – einen sehr deutlichen Zuwachs gegeben. „Im Sommer sind deutlich weniger Tiere an den deutschen Ostseeküsten zu finden, die meisten kommen mit dem kalten Wasser”, erläutert Westphal. Im Oktober habe der Verein Jordsand allein auf der Oie mehr als 100 Kegelrobben gezählt. Im Frühjahr waren es im Greifswalder Bodden 200 bis 300 Tiere.

Für die Fischer sind die Bestände gefühlt wesentlich größer. Das hängt damit zusammen, dass die zum Laichen in den Greifswalder Bodden ziehenden Heringsschwärme im Frühjahr die Robben anlocken. Die Fischer würden gerne auf die Kegelrobbe verzichten und nennen sie in einem Atemzug mit dem ebenfalls Fisch vertilgenden Kormoran. „An der Greifswalder Oie ist alles schwarz vor Kormoranen und Robben”, schimpft ein Fischer auf einer Diskussionsveranstaltung in Stralsund und zeigt Fotos von angefressenen Fischen.

Robben zerstören Fischernetze

Bei den Robben kommt hinzu, dass sie Fischernetze zerstören. Das sei der größte Schaden, erklärt Michael Schütt aus Freest (Vorpommern-Greifswald). Es gebe keine Netze, die robbensicher sind, sagt der Vize-Vorsitzender des Verbandes der Kutter- und Küstenfischer Mecklenburg-Vorpommern. In Schweden und Finnland ist das Jagdverbot bereits gelockert – sogenannte Problemrobben dürfen erlegt werden. Doch dort leben zehntausende Robben.

Westphal zufolge gibt es vor der deutschen Ostseeküste viel Wanderbewegung, aber noch keine etablierten Wurfplätze. In dem von ihr betreuten Projekt des Bundesamtes für Naturschutz zur Rückkehr der Robben habe sie bisher lediglich 30 Tiere gefunden, die standorttreu sind. Darunter sei ein Weibchen, das seit fünf Jahren regelmäßig auf der Greifswalder Oie auftauche. Unterscheiden kann Westphal die Tiere an ihren ganz individuellen Fellmustern, die sie anhand von Fotos vergleicht. Auch Jungtiere wurden an Mecklenburg-Vorpommerns Küste schon geboren, davon zeugten Totfunde.

Zudem untersuchen Wissenschaftler in dem Projekt, welche Nahrung die Robben bevorzugen. „Sie sind opportunistische Räuber”, sagt Westphal. Je nach Angebot jagen sie vor allem Fisch wie Lachs, aber auch Meeressäugetiere wie Seehunde und Schweinswale, aber auch Seevögel oder Krebse. In der Ostsee nehmen sie gern Hering, Dorsch und Sprotten. Auskunft über die Fressgewohnheiten geben den Forschern die Mageninhalte von Totfunden. Demnach stehen Heringe als Beutetiere mit einem Anteil von 50 bis 63 Prozent an der Spitze, gefolgt von Plötzen und Dorschen.

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