Kinder bis zu vier Jahren laufen Gefahr, „still und leise” zu ertrinken. Die Situation auf dem Symbolfoto ist gest
Kinder bis zu vier Jahren laufen Gefahr, „still und leise” zu ertrinken. Die Situation auf dem Symbolfoto ist gestellt. Nordkurier
Badeunfälle

„Kinder ertrinken ganz schnell”

Das Wetter ist spitze; die Ostseestrände sind gut besucht! Was aber kaum einer weiß: Die Gefahr, dass Eltern nicht mitbekommen, falls ihr Kind ertrinkt, ist groß. Warum das so ist und was dagegen hilft.
Prerow

Seit diesem Montag befinden wir uns offiziell im Sommer – und längst verzeichnet Deutschland die ersten Todesopfer im Zusammenhang mit Badeunfällen. In der Ostsee sowie in einem Schweriner See starben zwei Männer und eine Frau. Doch auch in Rhein und Elbe kam es bereits zu Unglücken – mit Kindern und Jugendlichen.

Stilles Ertrinken

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) warnt nachdrücklich davor, jüngere Kinder unbeaufsichtigt schwimmen zu lassen. „Kinder ertrinken ganz schnell”, sagte Torsten Erdmann, Pressesprecher der DLRG in Mecklenburg-Vorpommern, im Gespräch mit dem Nordkurier. Man spricht von „stillem Ertrinken”. Die Kinder haben einen anderen Schwerpunkt; ihr Kopf ist als erstes unter Wasser. Außerdem verschließen sich ihre Stimmritzen. Sie können nicht um Hilfe schreien. Und sie hören auf, sich zu bewegen; befinden sich quasi in Schockstarre.

Laut Erdmann sind das alles Überlebensreflexe, um zu verhindern, dass Wasser in die Lunge gelangt. Doch im Wasser kann dieser Schutz tödlich sein. Erdmann sagt, dass die Verantwortung natürlich bei den Eltern liegt. „Verantwortungsvolle Eltern gehen mit ihren Kindern ins Wasser oder sie setzen sich ans Ufer und beobachten ihre Kinder”, sagt er. Dann können man sofort reagieren, falls das Kind in Gefahr gerät.

Die Gefahr, still zu ertrinken, besteht vor allem bei Kindern bis vier Jahren. Danach sind sie laut Erdmann kognitiv in der Lage, um Hilfe zu rufen und kein Wasser einzuatmen. Ab vier Jahren können Kinder bei der DLRG das Schwimmen lernen.

117 Badetote allein im August

Bei diesem Thema schlug aber DLRG-Präsident Achim Haag im März Alarm. Damals stellte er die bundesweite Statistik zu Badetoten im Jahr 2020 vor. Zwar sind laut DLRG mindestens 378 Menschen in Deutschland ertrunken. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Anzahl der Opfer damit um rund neun Prozent zurückgegangen. Allerdings habe die Zahl der Ertrinkungstoten im Monat August stark zugenommen. Allein 117 Menschen ertranken im August 2020. Im Jahr davor waren es noch 45 Opfer. „Besonders das heiße Sommerwetter im August lud die Menschen zu spontanen Ausflügen an die Binnengewässer und die Strände an Nord- und Ostsee ein“, sagte Haag damals.

Besonders vom Ertrinken betroffen sind Kinder und junge Menschen. 18 Kinder (2019: 17) im Vorschul- und fünf (acht) im Grundschulalter kamen im Wasser ums Leben. Die tödlichen Unfälle an den Strandabschnitten der Nord- und Ostsee haben sich im Vergleich zu 2018 und 2019 weiter reduziert. An den Küsten zwischen Borkum und Usedom starben 21 Menschen (sechs in der Nord- und 15 in der Ostsee).

Weiterlesen: Weniger tödliche Badeunfälle in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2020

Schwimmkurse sehr nachgefragt

„Das Jahr 2020 war für die Schwimmausbildung ein verlorenes Jahr“, beklagte Haag. „Diese Entwicklung ist alarmierend und hat bereits vor der Pandemie begonnen. Fast 25 Prozent aller Grundschulen können keinen Schwimmunterricht mehr anbieten, weil ihnen kein Bad zur Verfügung steht. Ausbildende Verbände wie die DLRG haben lange Wartelisten von ein bis zwei Jahren für einen Schwimmkurs. Mehr als jeder zweite Grundschulabsolvent ist kein sicherer Schwimmer mehr“, sagte der Präsident der Lebensretter mit Nachdruck. „Die Anstrengungen müssen deutlich intensiviert werden, um marode Bäder zu sanieren und Schulunterricht sicherzustellen.”

Für Mecklenburg-Vorpommern sieht es bei der Schwimmausbildung durch die DLRG aber ganz gut aus. Laut Pressesprecher Erdmann sind die Schwimmkurse, die ab dem 28. Juni starten, bis Mitte Juli ausgebucht. Für die Kurse ab Mitte Juli gibt es vereinzelt noch freie Plätze. Auch Rettungsschwimmerkurse sollen noch stattfinden. Und selbst wenn die voll sein sollten, bestehe laut Erdmann für die Urlauber noch die Möglichkeit, direkt am Hauptturm an der Seebrücke in Prerow bei den Rettungsschwimmern nachzufragen. „Wenn der Wachdienst ausreichend besetzt ist, können wir auch für Urlaubskinder spontan einen Schwimmkurs aufmachen”, sagte Erdmann.

Strände dürften bald noch voller werden

Die Ostseestrände auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst waren am vergangenen Hitzewochenende gut besucht. Allerdings: "Übervoll waren sie noch nicht”, sagte Erdmann. Das werde wohl in gut zwei Wochen der Fall sein, wenn weitere Bundesländer in die Sommerferien starten. Wenn dann noch das Wetter mitspielt, dürften die Strände aus allen Nähten platzen, so der Rettungsschwimmer.

Und so ein langes Wochenende könne die Rettungsmitarbeiter an ihre Grenzen bringen. Es sei extrem schwierig, so Erdmann, über Stunden hinweg die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten.

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