Vorhang zu, Kultur tot: Kinobetreiber Horst Conradt, Bühnenbildner Joachim Hamster Damm und Bestseller-Autor Torsten Schu
Vorhang zu, Kultur tot: Kinobetreiber Horst Conradt, Bühnenbildner Joachim Hamster Damm und Bestseller-Autor Torsten Schulz (von links) wollen diesen von der Politik verordneten Zustand zumindest nicht einfach hinnehmen. Jens Kalaene, Silke Voss, NK-Archiv
Künstlerprotest

Kultur-Lockdown als „Ausdruck einer tiefen Ignoranz“

Einige Kulturschaffende finden deutliche Worte dafür, dass Theater und Museen schließen mussten. Doch auch im zweiten Pandemie-Jahr bleibt der Protest zaghaft.
Seenplatte Vorpommern

„Wir Künstler befinden uns eigentlich im Dauerlockdown. Doch wer fragt schon danach“, resümiert Tom Miller. 2016 gründete der Musiker mit seiner achtköpfigen Familie eine Band, die sofort einen Superstart erlebte – mit Auftritten im Moskauer Staatsfernsehen und im NDR. Ab 2019 gab es dann coronabedingt keine kontinuierlichen Konzerte mehr. „Man ist schnell wieder vergessen“, beklagt seine Frau Simone Miller.

Die gleichen Konsequenzen wie zu Pandemie-Beginn

Die „Millers“ aus Vargatz bei Jarmen sind längst nicht die einzigen Künstler, denen die Pandemie zu schaffen macht. Wieder sind Künstler und Kulturbetriebe mit als erste eine „geschlossene Gesellschaft“ im Angesicht der vierten „Welle“. Laut Landesbeschluss trifft Landkreise mit einwöchiger Corona-Ampel auf Rot der breite Lockdown. Das gilt bereits für die Seenplatte in ohnehin nicht gerade massenfrequentierten Museen, Kinos und Theatern – während etwa Baumärkte geöffnet haben.

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Auch die Festspiele MV mussten jetzt erneut viele Konzerte absagen. Tragisch findet dabei die Intendantin Ursula Hasselböck, dass „wir nach Jahren der Pandemie immer noch vor den gleichen Konsequenzen wie am Anfang stehen: Wieder trifft es die Künstlerinnen und Künstler und unser treues Publikum.“ Für den Bestseller-Autor Torsten Schulz („Boxhagener Platz“), der in Polchow bei Gnoien lebt, sind diese Maßnahmen Spiegel der Gesellschaft. Daran könne man sehen, welchen Stellwert Künstler haben. Torsten Schulz hofft wenigstens, dass die Betroffenen nun endlich ihre „Beißhemmung und Bravheit“ verlieren.

„Kultur ist ein Lebensmittel”

Horst Conradt mit seinem vom Lockdown betroffenen Programmkino in der Kachelofenfabrik Neustrelitz leidet nicht an solcher „Beißhemmung“. Er empört sich darüber, dass Kinos und Theater nun wieder in einem Atemzug mit „Fitnessstudios, Freitzeitparks, Zoos oder Prostitution“ genannt würden. Und das, obwohl etliche Studien belegt hätten, dass erstere sicherere Orte sind. „Im Kino sitzen die Menschen weit auseinander, kommunizieren nicht, schauen in eine Richtung. Die Hygienemaßnahmen sind inklusive der Nachverfolgung der Gäste optimal“, weiß Conradt.

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„Dennoch wird alles über einen Kamm geschoren und die so wichtigen kulturellen Bereiche geschlossen. Das kratzt erheblich an der Motivation hinsichtlich unseres Engagements. Umfangreiche Vorbereitungen werden quasi über Nacht zunichte gemacht: Das ist frustrierend, kostspielig und missachtet die kulturellen Bedürfnisse unserer Gäste. Kultur ist ein Lebensmittel – gerade auch in der jetzigen bedrohlichen Situation“, findet Horst Conradt deutliche Worte.

Unsichtbar fürs Publikum und auch für die Politik

„Leere Worte“ dagegen wirft er angesichts der derzeitigen Maßnahmen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig vor, weil diese noch zur Eröffnung des Filmkunstfestes Schwerin die „Wichtigkeit von Landkinos“ betont habe. „Die Maßnahmen differenzieren weder in Bezug auf die räumliche Situation der Aufführungsorte noch auf den gesellschaftlichen Stellenwert der Film- und Theaterkunst – und sind damit Ausdruck einer tiefen Gedankenlosigkeit und Ignoranz gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern.“

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Als „digitaler Kunstvermittler“ sieht Alexander Wippert aus Wredenhagen, der ein entsprechendes Netzwerk an der Seenplatte aufgebaut hat, „die Kränkung, die Künstler und Künstlerinnen in der augenblicklichen Situation erfahren. Vielfach unsichtbar zu sein, heißt nicht nur keine Bühne vor Publikum betreten oder keine Ausstellung zeigen zu können, sondern auch in den Augen mancher politisch Handelnder offenbar nicht wahrgenommen zu werden.“ Dass Kultur aber lebensnotwendig sei, zeige sich gerade jetzt, wo sie nicht mehr sein könne. Dabei wäre laut Wippert 2G-Plus durchaus ein Weg für die Öffnung der Kulturbetriebe.

Abhängigkeitsgefühl von Subventionierungen?

Sophie von Maltzahn, Organisatorin von Veranstaltungen auf Gut Ulrichshusen, findet diplomatische Worte für die Misere: „Wir dachten, wir wären als Gesellschaft schon weiter. Die Pandemie kann aber nur gemeinsam in Schach gehalten werden. Erst wenn alle mitmachen und ausreichend geschützt sind, kann es wieder ein Leben ohne Maske, Abstandsregeln, ohne Ausgrenzung oder Kontrolleure geben.“

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Doch sparten Kulturbetriebe bereits zu Pandemie-Beginn mit Kritik an ungleichen Maßnahmen, so geschieht nun auch zwei Jahre später noch immer, was Torsten Schulz befürchtet: „Kann sein, dass der erneute Kultur-Lockdown noch mehr Unterwerfungsmentalität hervorruft – angesichts möglicher Subventionierung, von denen man sich in gewisser Weise nun noch abhängiger fühlt.“

Auch aus der Beschränkung entsteht Kunst

Die musealen Einrichtungen der Seenplatte unter dem Dach des „Hauses der MuSeEn“, zu dem unter anderen das Schliemann-Museum Ankershagen zählt, jedenfalls möchten sich, befragt nach ihrer Ansicht zum Thema, nicht an „dieser Diskussion beteiligen“, wie die Marketingleiterin der gGmbH Isabel Höpner kurz mitteilte.

Da, wo es geht, gehen Künstler kreativ mit der Not um: Bühnenbildner Joachim Hamster Damm aus Panschenhagen etwa hat am Schweriner Theater die dort geltenden Corona-Maßnahmen gleich inszeniert: Indem er das Bühnenbild so gebaut hat, dass die Schauspieler nur in weitem Abstand agieren und in verschiedene Richtungen sprechen können. „Wir haben aus der Beschränkung Kunst gemacht“, erklärt der Künstler. Der Name des Stücks von Jean Paul Sartre: „Geschlossene Gesellschaft.“

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