Neonazis auf Demonstration

Linken-Politiker vergleicht Corona-Proteste mit Lichtenhagen

Michael Noetzel hat 1992 die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen miterlebt und die aktuellen Demos in seiner Heimatstadt. Er sieht beunruhigende Ähnlichkeiten.
Rechte Gruppen hätten die Demonstration in Rostock am Montag über einen langen Zeitraum gelenkt, so die Polizei in i
Rechte Gruppen hätten die Demonstration in Rostock am Montag über einen langen Zeitraum gelenkt, so die Polizei in ihrem Einsatzbericht. Für Linken-Innenpolitiker Michael Noetzel rufen die Demos langsam Erinnerungen an die Stimmung in Rostock-Lichtenhagen 1992 hervor. Christian Menzel, Bernd Wüstneck
Rostock

Der innenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Schweriner Landtag, Michael Noetzel, fühlt sich durch die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen am Montagabend in Rostock an die Ausschreitungen in Lichtenhagen im Jahr 1992 erinnert. Damals wie heute sorge eine kleine rechtsextreme Gruppe unter den Teilnehmern dafür, dass auch die überwiegend friedliche Mehrheit aufgestachelt und immer lauter werde und klatsche und johle, wenn die Polizei zurückweichen müsse, sagte Noetzel am Dienstag dem Nordkurier. „Ich habe mir am Montagabend die Demo angesehen, und auch 1992 war ich in Lichtenhagen”, so der 46-Jährige.

Die Menschen klatschten damals wie heute

Vom 22. bis 26. August 1992 kam es zu rassistischen Ausschreitungen vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und dem sogenannten Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, wo überwiegend vietnamesische Vertragsarbeiter untergebracht waren. Hunderte Rechtsextremisten und tausende jubelnde Zuschauer belagerten die Fläche vor dem Haus. Es flogen Molotowcocktails, das Haus brannte teilweise, die Polizei zog sich zeitweise zurück. Rund 100 Vietnamesen befanden sich noch im Haus, während draußen die Menschenmenge tobte.

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Noetzel sagte, dass die Menschen damals klatschten, als die Molotowcocktails auf das Haus geworfen wurden. Montagabend fühlte er sich dann an diese Szene erinnert, als immer mehr friedliche Demonstranten gejubelt hätten, während rechte Gruppen die Polizei teils zurückdrängten. Rund 4000 Menschen waren am Montag auf der Straße – ein überwiegender, friedlicher Teil aus dem bürgerlichen Spektrum. Aber: „Wie bereits in der vergangenen Woche nahmen auch Personen aus dem rechten Spektrum sowie der gewaltbereiten Fußball-Szene bei der Demonstration teil. Diesmal jedoch blieb es nicht nur bei der Teilnahme. Von dem benannten Personenkreis ging die Vielzahl der Widerstandshandlungen aus”, schreibt dann auch die Polizei in ihrem Lagebericht vom Montagabend.

„Rechte Gruppen lenkten die Versammlung”

„Die Mehrheit der Demonstranten bildet die Deckungsmasse für die Rechtsextremen. Sie sind als Nazis zu erkennen, aber niemand sagt 'Geht weg'", so Noetzel gegenüber dem Nordkurier. Diese Deckungsmasse habe es bereits in Lichtenhagen gegeben, sagte er. Im Lagebericht der Polizei steht dazu: „Durch das präsente Auftreten, teils an der Spitze des Demonstrationszuges mit Bannern, und das aggressive Verhalten gegenüber der Polizei lenkten sie über einen langen Zeitraum die Versammlung.”

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Die Ordner von zwei der insgesamt vier laut Polizei angemeldeten Veranstaltungen hätten sich nicht an die Auflagen gehalten, so Noetzel. Genauso wenig wie die rechten Gruppen. Das war dann auch der Punkt, an dem die Polizei laut Lagebericht erstmals den Demonstrationszug von der August-Bebel-Straße Richtung Vögenteich stoppen musste, „da der überwiegende Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmern keine Mund-Nasen-Bedeckung trug.”

Pfefferspray und Schlagstöcke im Einsatz

Später setzten die Polizisten sogar Pfefferspray ein. Die Stimmung sei aufgeheizt geblieben, „immer wieder kam es zu Widerstandshandlungen gegenüber der Polizei und Versuchen, Polizeiketten zu durchbrechen. Mehrfach mussten Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt werden”, so der Lagebericht. Unter anderem flog Pyrotechnik. Am Ende des Abends standen dann zehn Strafanzeigen unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung. 580 Polizeikräfte waren im Einsatz. Zudem unterstützte die Bundespolizei.

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Noetzel fordert von Polizei und Versammlungsbehörden, dass sie konsequenter vorgehen. „Wenn nicht einmal die Ordner Mund-Nasen-Schutz tragen, zeigt das, dass Auflagen konsequent ignoriert werden.” An diesem Punkt hätte die Polizei die Demonstration auflösen müssen, so der Politiker. Das fordert er auch für künftige Demonstrationen: „Ich bin nicht gegen Demonstrationen oder Obergrenzen dafür, aber die Demonstranten sollen sich an Gesetze und Auflagen halten”, sagte Noetzel.

 

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