Nordkurier-Chefredakteur Lutz Schumacher sieht die Meinungsfreiheit bedroht.
Nordkurier-Chefredakteur Lutz Schumacher sieht die Meinungsfreiheit bedroht. Conny Klein
Plädoyer für die Meinungsfreiheit

Man wird doch noch mal sagen dürfen...

Ja, man darf (fast) alles sagen. Denn glücklicherweise herrscht in unserem Land noch Meinungsfreiheit. Ab und zu müssen wir jedoch dafür kämpfen, dass das auch so bleibt.
Neubrandenburg

Mit Meinungen ist es so eine Sache. Mein Vater und mein Großvater haben sich einmal bei einem Abendessen so in die Haare bekommen, dass sie wochenlang nicht miteinander sprachen. Es ging um große Themen. Den Krieg, die Judenverfolgung, das Hitler-Regime. Böse Worte fielen. Gut, dass kein Staatsanwalt im Raum war … Später hat man sich dann wieder vertragen.

Nicht ganz so gut lief es bei einer Freundin, die am Strand in Ahrenshoop einen Mann beobachtete, der seinen Hund schlug. Sie sprach ihn an, ein Wort ergab das andere. Als die unvermeidliche „blöde Kuh“ fiel, rief sie die Polizei. Ein monatelanger juristischer Hickhack folgte, bis alle Seiten einsahen, dass es manchmal im Leben besser ist, fünf gerade sein zu lassen. Hoffentlich geht es wenigstens dem Hund gut.

Was darf man eigentlich sagen?

Ob Tiere oder Nazis – kein Thema ist zu groß oder klein, um sich dazu nicht eine Meinung zu bilden und diese auch zu sagen. Oder zu schreiben. Früher meist ein Privileg der Presse, heute in den Zeiten von Internet und sozialen Medien wie Facebook ist das Veröffentlichen von Meinungen für viele von uns ganz normal. Und wie Menschen so sind, die sich über dies und das Gedanken machen, ist nicht alles politisch korrekt und Poesiealbum-tauglich, was wir täglich so von uns geben.

Aber was darf man eigentlich? Spreche ich jemanden auf der Straße mit dem Wort „Lügner“ an, könnte dies schon grenzwertig sein. Ein Leserbriefschreiber, der einen Politiker „Lügner“ nennt, weil er ein bestimmtes Wahlversprechen gebrochen haben soll, muss sich dagegen keinen Kopf machen. Er kritisiert ja eigentlich die Sache. Zwar mit starken Worten, aber ohne wirklich zu beleidigen. So sehen es jedenfalls seit Jahrzehnten die höheren deutschen Gerichte, wenn sie zwischen der Meinungsfreiheit und den Persönlichkeitsrechten abwägen sollen.

Der Fall "Rabauken-Jäger": Meinungsfreiheit in Mecklenburg-Vorpommern bedroht

Jeder, der sich öffentlich äußert, muss immer bedenken, wie sich sein Gegenüber fühlt. Nicht alles, was man darf, ist deshalb auch richtig. Daher kann und muss man über viele Meinungsäußerungen diskutieren, streiten, sich aufregen – gerne auch wutschäumend. Dazu ist Meinungsfreiheit da. Aber stellen Sie sich vor, Sie müssten bei jedem öffentlichen Satz, bei jedem Facebook-Eintrag, bei jedem Leserbrief befürchten, dass Staatsanwälte Sie vor Gericht schleppen, mit Geld- und Freiheitsstrafen bedrohen. Würden Sie sich dann noch trauen, alles zu sagen, was Sie denken? Würden Sie sich nicht jedes Wort genau überlegen? Nur hinter vorgehaltener Hand tuscheln?

Erinnert Sie das an etwas?

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