Die beiden Admins „kleines Ohr” und „große Nase” betreiben bei Instagram den Account „Meme
Die beiden Admins „kleines Ohr” und „große Nase” betreiben bei Instagram den Account „Memelenburg” und sind mit Memes aus ihrer Heimat erfolgreich. Memelenburg
Kein Internet in der großen Stadt? Darüber können Dorfkinder nur lachen.
Kein Internet in der großen Stadt? Darüber können Dorfkinder nur lachen. Memelenburg
Schön hier! Aber waren Sie schon mal in Mecklenburg-Vorpommern?
Schön hier! Aber waren Sie schon mal in Mecklenburg-Vorpommern? Memelenburg
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Mit Memes über die Perspektivlosigkeit in MV lachen

Auf Instagram haben zahlreiche Meme-Seiten aus Mecklenburg-Vorpommern großen Erfolg. Hier sprechen die Betreiber von „Memelenburg” über Klischees, die wirklich stimmen und die Botschaft, die in ihren Witzbildchen steckt.
Neuland

Aus Greifswald gibt es ständig Meldungen, die mit Drogen zu tun haben, in Rostock wohnen nur Hooligans, über Demmin wird nur einmal im Jahr geredet und Neubrandenburg ist ganz schön hässlich. Das ist alles allgemein bekannt. Doch dann gibt es noch Stralsund. „Bei Stralsund habe ich einfach Angst, dass es vor meiner Tür steht, wenn ich mich darüber lustig mache.” Na, wem geht es auch so?

Natürlich sind das alles nur billige Klischees, in Wirklichkeit leben in allen diesen Städten tolle Menschen. Bestimmt. Die beiden Betreiber des Instagram-Accounts „Memelenburg” haben mit solchen Witzen über Mecklenburg-Vorpommern großen Erfolg. „Vorurteile sind halt lustig, wenn sich einige Leute davon geärgert fühlen und noch lustiger, wenn einige Leute das erfundene Vorurteil bestätigen”, sagen sie.

Im Namen „Memelenburg” steckt „Meme”. Das Wort steht für alle möglichen Phänomene, die sich im Internet schnell verbreiten. Meist sind es Kombinationen aus Texten mit Bildern oder Videos. Memes sind meist witzig oder sarkastisch gemeint und funktionieren über Ländergrenzen hinweg. Auch der Humor ist globalisiert. Der Account „Memelenburg” hat sie nach MV geholt, es gibt aber auch viele andere Accounts im Nordosten mit ähnlichem Programm. Sie kommen aus Neubandenburg, Schwerin, Stavenhagen oder Rügen Memes, auch von Schülern einiger Gymnasien werden solche Witzbildchen gebastelt und auf Instagram verbreitet.

Auf der Fusion ging es los

Für „Memelenburg” begann alles mit einer wilden Woche auf der Fusion im Sommer 2019. „Wir haben ein paar Memes über selbige gemacht und dachten, dass das vielleicht noch mehr Leute lustig finden könnten und dann lief es immer weiter”, sagen die Betreiber im Interview mit dem Nordkurier. Sie wollen selbst anonym bleiben und nennen sich nur „Admin kleines Ohr” und „Admin große Nase”. Erstaunt hat sie dann folgendes: „Wir halten uns zwar für lustig, jedoch haben wir nicht gedacht, dass unseren Humor wirklich so viele Leute teilen.”

Die Admins sind beide Anfang 20 und in kleinen Dörfern in der Mecklenburgischen Seenplatte aufgewachsen. „Kleines Ohr” lebt nach einem Jahr in Waren (Müritz) inzwischen in Neubrandenburg und absolviert seine zweite Ausbildung. Darüber ist er froh, denn „für Dorfkinder ist Neubrandenburg schon eine endlose Großstadt.” „Große Nase” hingegen hat ganz klassisch Landflucht begangen und studiert in einer richtigen Großstadt. „Darum freu' ich mich immer in die Heimat zu fahren um festzustellen, dass sich nichts verändert hat”, sagt die Nase.

„MV fühlt sich wie ein Handicap an”

Beide fühlen sich mit ihrer Heimat verbunden und sagen: „MV fühlt sich für uns ein bisschen wie ein Handicap an, von welchem alle betroffen sind. Wenn man außerhalb MVs jemanden von dort trifft, nickt man sich fast verschwörerisch zu, denn man teilt mit Sicherheit einige Erfahrungen.”

Schön hier! Aber waren Sie schon mal in Mecklenburg-Vorpommern?

Allerdings sei MV auch das „wahrscheinlich schönste Handicap”. „Auch wenn es Dinge gibt, die uns nicht gefallen, ist MV für uns das, was für die Hobbits das Auenland ist. Nur hier konnten wir lernen mit riesigen Funklöchern, einem Bus pro Tag und einer kleinen Auswahl an Freizeitaktivitäten für Jugendliche klarzukommen.”

Schlimmer als der Wessi ist wohl nur der Sachse

Und weil sie ihr Land so gut kennen, können sie auch so gut mit den Klischees spielen, die es hier so zu erzählen gibt. Häufig geht es in den Memes um das Leben auf dem Land, aktuelle Nachrichten, Perspektivlosigkeit, Dorfpartys, Touristen aus dem Westen oder, noch schlimmer, Touristen aus Sachsen.

Das ist alles ziemlich witzig, oftmals ganz schön flach, doch häufig sind die Memes einfach gut beobachtet und in ihnen steckt sogar ein tieferer Sinn. So sei es etwa bei den Witzen über Wessis keineswegs so, dass damit nur Menschen aus den alten Bundesländern damit gemeint sind. Nase und Ohr sagen dazu: „Es ist mehr ein Sinnbild für versnobte Vollblutkapitalist*innen, Menschen, die Geld über Kultur und Austausch stellen.” Privat hätten sie sogar sehr viel mit Menschen zu tun, die in Westdeutschland geborenen sind: „Die sind to-tal nett und sprechen sogar Hochdeutsch.”

Demmin, Wessis, Touristen und Sozialkritik: Hier kommt alles zusammen.

Demmin, Wessis, Touristen und Sozialkritik: Hier kommt alles zusammen.

Schäferhunde, die in Zwingern kläffen

Auf die Frage, welche Klischees über Mecklenburg-Vorpommern einfach zutreffen, sagen die Admins: „Wenn in irgendwelchen Köln-Medienbubble-Serien irgendjemand nach MV versetzt wird, wird das meistens mit einer Szene getan, in welcher die Hauptperson von einem Bus in einem kalten grauen Dorf vor einer maroden Bushaltestelle abgesetzt wird und im Hintergrund irgendein Schäferhund in seinem Zwinger anfängt zu kläffen.”

Auch diese Serien überspitzen also, wie es die Memes tun. Doch wie immer steckt in der Satire auch auch ein wahrer Kern. Denn auch wenn die Serien ein "übersaturiertes Bild” vermitteln würden, „sehen unsere Dörfer im Herbst/Winter teilweise wirklich unappetitlich aus.” Dann dürfe auch der Klassiker, dass der Bus nur einmal am Tag komme, nicht fehlen. „Der ist einfach unbestreitbar wahr, wenn man nicht gerade das 'Glück' hat an einer Bundesstraße zu wohnen.”

Kein Internet in der großen Stadt? Dorfkinder können da nur lachen.

Kein Internet in der großen Stadt? Dorfkinder können da nur lachen.

Demmin ist ein beliebtes Opfer

Vieler dieser MV-Klischees scheinen in Demmin zusammen zukommen, jedenfalls ist die Stadt an der Peene auch bei anderen Meme-Seiten ein beliebtes Opfer, auf dem gerne herumgehackt wird. „In ganz MV geht eher wenig, aber Demmin treibt das ganze einfach auf die Spitze.” Aus der Stadt gibt es noch keinen Meme-Account, mit dem sich die Menschen wehren. Noch nicht.

Und dann sei da noch der 8. Mai, der Tag der Befreiung, als das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg die Kapitulation erklärt hatte. Seit einigen Jahren nutzen Neonazis diesen Tag, um in der Stadt einen Aufmarsch zu veranstalten. Der Rest des Landes werde dann immer wieder daran erinnert, „dass wir hier ein gewaltiges Naziproblem haben”, sagen die Betreiber von „Memlenburg”.

Touristen sind wie kleine Geschwister, die herumstänkern

Und wenn es bei den Memes nicht gerade über das Land und seine Bewohner geht, dann sind es oft seine Besucher, über die hergezogen wird: die Touristen. Sie blockieren die Straßen und Strände, sind arrogant und fragen ständig nach dem Weg. Soweit zum angestauten Frust, doch darin stecke auch eine Botschaft, sagen die Admins und sprechen über Erfahrungen aus ihrer Jugend in der Gegend um Waren an der Müritz. "Über die Jahre wurden in Waren mehr und mehr luxuriöse Hotel- und Apartmentanlagen gebaut, welche mit großen eckigen Klötzen dem beschaulichen Stadtbild und auch dem Blick auf die Müritz geschadet haben.”

Parallel dazu seien die Öffnungszeiten der Bars beschränkt worden, damit der Lärm die Urlauber nicht verschreckt. Junge Menschen aus der Umgebung würden einfach kein Geld in die Kassen spülen, so ihr Vorwurf an die Politik, die so sehr auf den Tourismus setzt. „Es fühlt sich so an, als würde die Stadt erst zuhören, wenn du ein*e Inverstor*In aus Hamburg bist und ein neues Spa-Resort bauen willst. Wenn Kinder auf einmal Geschwister bekommen, fühlen sie sich auch vernachlässigt und stänkern herum, das beschreibt unser Verhältnis zu den Tourist*innen ganz gut.”

Eine Liebe, die nicht erwidert wird

Überhaupt, die vermeintlich schlechten Zukunftschancen junger Menschen im Land sind immer wieder ein Thema bei „Memelenburg”. „Wer auf dem Land wohnt und mit seinem Abi studieren möchte, wird gezwungen nach Rostock, Greifswald oder Neubrandenburg zu ziehen oder MV zu verlassen.” Auch ohne Abitur seien die Auswahlmöglichkeiten begrenzt. Das Leben auf dem Dorf gleiche einer „unaufhaltsamen infrastrukturellen Abwärtsspirale”.

„Als junger Mensch, der MV liebt, hat man häufig das Gefühl, dass diese Liebe nicht erwidert wird”, sagen Nase und Ohr. Damit haben sie auch eine Botschaft an die Politik im Land: „Unserer Meinung nach können die Interessen junger Menschen am besten von jungen Menschen umgesetzt werden.” Jugendclubs seien ein guter Anfang, „aber selbstverwaltende Projekte, die von Jugendlichen für Jugendliche geführt werden und in denen jede*r gleichwertig mitbestimmen kann, treffen einfach eher die Bedürfnisse der Jugend.”

Die Auswahl für junge Menschen in MV ist, nunja, überschaubar.

Die Auswahl für junge Menschen in MV ist, nunja, überschaubar.

Diese dürften dann ruhig etwas unordentlicher sein oder auch mal anecken. Als positives Beispiel nennen sie das Alternative Jugendzentrum (AJZ) in Neubrandenburg. „Die Politik sollte der Jugend nicht zu streng gegenüber sein und auch mal einen Vertrauensvorschuss oder eine Starthilfe geben.”

Doch warum sollten wir nun alle Angst vor Stralsund haben? Der Witz hatte mit einer Meldung des Nordkurier zu tun. Die Polizei hatte in der Hansestadt eine 33-jährige Autofahrerin angehalten, die offensichtlich Drogen genommen hatte. Im Auto war auch ein Baby. Bei einem anderen Autofahrer wurde am selben Tag eine Machete gefunden. Alles wie immer, also.

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