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Mit Schulschwänzen beginnen oft Straftäter-Karrieren

Um so früh wie möglich gegenzulenken, sollte kein Versäumnis ohne Folgen bleiben. Sonst geht es allzu schnell abwärts.

Statt zur Schule zu gehen, hängen viele Kinder und Jugendlichen lieber anderswo rum.
Arno Burgi Statt zur Schule zu gehen, hängen viele Kinder und Jugendlichen lieber anderswo rum.

Seit vier Tagen fehlt ein Mädchen aus Klasse 4. Unentschuldigt. Schulleiter Peter Metzler schnappt sich seine Schulsozialarbeiterin und fährt zur Wohnung der Familie. „Auf unser Klingeln und Klopfen meldet sich schließlich ein Stimmchen hinter der Tür“, sagt er. „Ich hab die Kleine gebeten, doch mal ihre Mutti zu holen. Antwort: Das darf ich nicht, Mama schläft. Da war es dreiviertel 12!“ Das Kind hatte bis dahin weder gegessen noch getrunken. Vom Schulbesuch ganz zu schweigen.

Es sind drastische Fälle, mit denen es einer wie Peter Metzler zu tun bekommt. Beispielhafte Fälle. „Wir sind eine Schule im Brennpunkt“, sagt er. „60 Prozent Hartz-IV-empfangende Eltern, mehr als 50 Prozent schulferne Eltern, da kümmert sich keiner ums Lernen.“

An diesem Abend sitzt Peter Metzler, Leiter einer Grund- und Regionalschule auf dem Schweriner Dreesch, in einem Saal des Landgerichts. Auf Einladung des Jugendrechtshauses spricht ein Erziehungswissenschaftler zum Thema Schulabsentismus. Der Verein, dem vor allem Juristen angehören, bestellt das Feld Jugend und Justiz.

Gerade Richter und Anwälte haben regelmäßig mit den Folgen misslicher Kindheit zu tun. „Nicht jeder Schulschwänzer ist ein Straftäter, aber (fast) jeder Straftäter ist ein Schulschwänzer“, lautet ihr Urteil. Ihr Anspruch: aufklären und gegenlenken, je früher desto besser.

Studien: Schulschwänzer haben schweres Leben

Referent Hermann Rademacker, bis zum Ruhestand Bildungswissenschaftler im Dienst des Deutschen Jugendinstituts, zitiert aus Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Demnach geraten Schulschwänzer im späteren Leben häufiger in wirtschaftliche und soziale Not, leben öfter allein als in gefestigten Familien und begehen eher Straftaten, ob mit Drogen, Diebstahl oder Gewaltdelikten. „Bildung ist die wichtigste Ressource zur Lebensbewältigung“, sagt er.

Seine Zuhörer, meist Schulleiter und Schulsozialarbeiter, kennen die vielen Beschwernisse, mit denen Kinder und Jugendliche der Schule fernbleiben: Angst vor Mitschülern, Lehrern, Leistungsdruck. Strauchelnde Familien, in denen Kinder Eltern versorgen, kleinere Geschwister beschützen. Oder einfach Null-Bock-Stimmung.

Um Auswege zu finden, müssen alle Versäumnisse lückenlos aufgedeckt werden. Berlin sei vorbildhaft, so Hermann Rademacker. Dort erfassen Schulen die Anwesenheit der Schulpflichtigen in der Oberstufe für jede Unterrichtsstunde. „Das wäre schon für die Grundschule gut“, sagt er. „Eine Schule, die den Schulbesuch ihrer Schüler kontrolliert, nimmt sich selbst und ihre Schüler ernst.“ Es sei entscheidend, wie eine Schule auf Schulpflichtverstöße reagiert – vom ersten Fehlen an.

Die Schulpflicht ist im Schulgesetz verankert. Verstöße können Geldbußen bis 2500 Euro, in Extremfällen sogar Geld- oder Freiheitsstrafen nach sich ziehen. Schulleiter Metzler winkt ab: Seit 1998 hat er beim Staatlichen Schulamt 98 Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen Schwänzer beantragt. „Jedes Mal ein Berg von Arbeit.“ Und? „Zwei Fälle wurden bearbeitet.“ Geldbußen um die 100 Euro. „Lachhaft.“ In Österreich oder Frankreich werde Eltern Kindergeld gestrichen, wenn sie ihre Pflichten nicht erfüllen. Das wirke.

Land arbeitet endlich an Maßnahmen

„Der Bildungsausschuss im Landtag hat schon 1996 versprochen, sich des Themas anzunehmen“, sagt Peter Metzler. Passiert sei nichts. Dem Jugendrechtshaus sei es zu danken, dass sich nun endlich etwas tut. Der Landesrat für Kriminalitätsvorbeugung in MV fordert ein Landesprogramm gegen das Schwänzen. Das Bildungsministerium verfeinert derzeit die Fehlzeitenstatistik. Zudem haben die Ministerien für Bildung, Inneres, Justiz und Soziales eine Arbeitsgruppe gegründet, um einen Maßnahmeplan zu erarbeiten.

„Die Schulen allein können das Problem nicht bewältigen“, sagt Peter Metzler. „Ich hab schon erlebt, dass Ärzte Krankenscheine 14 Tage zurückdatieren.“ Eine Beschwerde bei der Ärztekammer habe nichts bewirkt. Es könne nur besser werden, wenn sich alle Zuständigen dafür stark machen: Schule, Schulsozialarbeit, Schulamt, Jugendhilfe, Amtsärzte. Kinder von zu Hause abzuholen, sei keine Lösung.