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13. Melk-Meisterschaft

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MV-Melker gehen feinfühlig an die Euter

An einem Melkkarussel konnten sich die Teilnehmer des Landeswettbewerbs beweisen.
An einem Melkkarussel konnten sich die Teilnehmer des Landeswettbewerbs beweisen.
Bernd Wüstneck

In der Milchviehhaltung ist immer noch viel Gefühl gefragt. Melker sind die besten Kenner ihrer Tiere. Die Besten messen alle zwei Jahre ihre Fähigkeiten.

„Ist ja gut”, raunt Oliver Klühs der Milchkuh zu und greift vorsichtig ans Euter. „Strip, strap”, schießt ein Milchstrahl in einen Becher, zweimal pro Zitze. Gegenüber am Melkkarussell in Plauerhagen (Kreis Ludwigslust-Parchim) pfeift Konkurrentin Stefanie Mantey ein Lied. „Das soll die Kühe und mich auch beruhigen”, sagt die Landwirtin, die mit Klühs beim Landesmelkwettbewerb startet.

Bis Donnerstag ermitteln 16 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 52 Jahren ihre „Champions” in zwei Altersklassen. „Dabei ist das Ansprechen der Tiere enorm wichtig”, erläutert Joachim Kanz vom Landeskontrollverband für Leistungs- und Qualitätsprüfung Mecklenburg-Vorpommern in Güstrow.

Je acht Kühe müssen die Teilnehmer in Plauerhagen unter Aufsicht melken, haben dafür etwa 20 Minuten Zeit. Das Motto heißt „Vom 1. Strahl bis zum Dippen”. Experten bewerten, wie grob oder feinfühlig die Melker die Tiere behandeln, ob die Euter ausgemolken – also geleert – sind und wie sie danach wieder „gedippt” – desinfiziert – werden. Bei den ersten Startern treten die Kühe immer wieder mit dem Hinterläufen zu. „Sie sind ganz schön nervös”, sagt Mantey.

Melker stellen Ähnlichkeiten zum Verhalten von Frauen fest

Überhaupt fallen den Teilnehmern viele Gleichnisse mit menschlichen Verhaltensweisen ein: „Kühe sind wie manche Frauen – manche richtig zickig und andere ganz treu”, ist die Erfahrung des 21-jährigen Klühs, der zweimal Kreismeister auf Rügen war. Zickige und eher gelassene Kühe kennt auch Christian Schönsee, der in Plauerhagen arbeitet. „Das Schöne an dem Job ist, kein Tag ist wie der andere”, sagt er. Mantey, die zuletzt Landesmeisterin war, drückt sich vorsichtiger aus: „Kühe sind sehr sensibel und neun Monate schwanger.” Zickig könnten auch junge Bullen sein.

Wie wichtig gute Melker sind, weiß Christian Schwager. Der 33-Jährige leitet den Plauerhäger Betrieb mit 650 Milchkühen, 2000 Hektar Acker und 30 Beschäftigten. Zwischen 18.000 und 19.000 Liter Milch pro Tag liefert er. Da braucht man gut qualifizierte Leute und am besten einen besseren Milchpreis als derzeit. „Die Zeiten der Arbeit schrecken viele ab”, sagt Schwager. In Plauerhagen haben Melker entweder Tagschicht, je vier Stunden von 6 bis 10 Uhr und von 14 bis 18 Uhr, oder Nachtschicht. Dazu kommen Wochenenden und Feiertage.

„Kühe müssen 365 Tage im Jahr betreut werden, das macht man nur, wenn man damit verwachsen ist”, sagt Kanz. Der Verdienst sei eher niedrig. Eine Melkerin sagt, sie bekomme etwa neun Euro pro Stunde, was 1300 Euro netto im Monat sind. Wenn Verbraucher etwas mehr für Milch bezahlen würden, müsste das dort ankommen, sagt Kanz.

Kühe fühlen sich wohler bei Kontakt zu Menschen

„Aber Melker sind für die Betriebe immer noch enorm wichtig, weil sie den ersten und intensivsten Kontakt zu den Tieren haben”, erläutert Martin Piehl, Hauptgeschäftsführer des Bauernverbands. Tierwohl und Tiergesundheit bekämen immer höheren Stellenwert. Im ganzen Nordosten gibt es knapp 160.000 Milchkühe.

„Der Umgang mit den Tieren ist das Schönste am Beruf”, sagt der 25-jährige Schönsee. Mantey freut sich immer auf die Zeit, wenn die Kälber geboren werden. Trotz größerer Herden und fortschreitender Automatisierung – die Melkroboter nehmen den Melkern die körperlich schwere Arbeit ab – bleibt manchmal auch noch Zeit, den Tieren Namen zu geben. „Eine Kuh bei uns heißt „Stulle”", erläutert Schönsee. Das komme daher, dass sie gern Brot frisst. Gestaunt habe er aber doch, als eine andere Kuh auch mal eine „Milchschnitte verputzt” habe.

Die Sieger in beiden Altersklassen stehen am Donnerstag fest. Der Praxisteil wird mit 60 Prozent, der Theorieteil in Güstrow mit 40 Prozent gewertet. Der Beste in der Klasse unter 25 Jahren wird Mecklenburg-Vorpommern diesmal bei der Bundesmeisterschaft im April in Niedersachsen vertreten. Einmal kam die Bundesbeste auch schon aus dem Nordosten.