Familie Sösemann hat Ukrainer aufs Land nach Pohnstorf geholt. Kamila Sösemann als Polin war dies ein Herzensbed&uum
Familie Sösemann hat Ukrainer aufs Land nach Pohnstorf geholt. Kamila Sösemann als Polin war dies ein Herzensbedürfnis. Silke Voß
Schloss Wietzow im Tollensetal bietet zwischenzeitlich 40 ukrainischen Flüchtlingen ein Zuhause auf Zeit.
Schloss Wietzow im Tollensetal bietet zwischenzeitlich 40 ukrainischen Flüchtlingen ein Zuhause auf Zeit. Silke Voß
Schloss Retzow hat zwischenzeitlich Ukrainer beherbergt.
Schloss Retzow hat zwischenzeitlich Ukrainer beherbergt. Silke Voß
Stefanie McBride hat sich liebevoll um die Flüchtlinge in Schloss Retzow gekümmert.
Stefanie McBride hat sich liebevoll um die Flüchtlinge in Schloss Retzow gekümmert. Silke Voss
Die neuen Dahlener Gutshausretter richten ihr Domizil für Neuankömmlinge her.
Die neuen Dahlener Gutshausretter richten ihr Domizil für Neuankömmlinge her. Silke Voß
Krieg in der Ukraine

Nach der Flucht ein Obdach im Schloss – genau wie früher

Nach 1945 und zu DDR-Zeiten wurden Gutshäuser in MV zu Kinos, Konsum und Flüchtlingsunterkünften. Auch heute besinnen sich viele Besitzer auf den verfügbaren Raum und bieten Ukrainern Asyl.
Teterow

Morgens um 7 Uhr ist Deutschstunde im Saal. Rund 40 Ukrainer bereiten sich im Gutshaus Wietzow im Tollensetal auf ein vorübergehend neues Leben vor, dass ihnen plötzlich abverlangt wird. „Sie werden wohl einige Monate bleiben, solange der Krieg eben dauert, der die Ukraine vermutlich in Schutt und Asche legen wird“, hegt Gastgeber Arndt Rolfs düstere Ahnungen. Manche würden auch weiterziehen, gen Westen, vor allem junge Familien mit Kindern, gibt sich der Genforscher keinen Illusionen hin, dass das „platte“ Land für alle Neuankömmlinge attraktiv genug für eine mögliche Zukunft sei. „Aber wir haben Platz, und Platz ist Luxus. Und schließlich lebt so ein Gutshaus davon, dass es belebt ist.“

So war es lange Zeit. Das reich mit Schlössern, Guts- und Herrenhäusern besäte Land war schon immer ein Spiegel der Geschichte, ein Pool Geflüchteter. Vor allem 1945, als die großzügigen Gebäude und Anlagen etliche Kriegsflüchtlinge aus dem Osten beherbergten und ihnen eine vorübergehende Heimat boten. Viele der neuen Gutshausbesitzer sehen es nun auch als ihre Aufgabe, an diese „Tradition“ in Notzeiten anzuknüpfen. Oder wie es Arndt Rolfs sagt: „Wir sind gefordert, unseren Beitrag zu leisten.“

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Hier ist Raum, wir müssen helfen.

So war es auch Lars Fogh von Anfang an klar: Hier ist Raum, wir müssen helfen. Der Däne hat das prachtvolle Schloss Retzow am Südende des Müritz-Nationalparks saniert. Hier durften sich ukrainische Familien von ihren Strapazen erholen, bevor sie weiterzogen.

Auch Kamila Sösemann, Besitzerin von Gutshaus Pohnstorf in der Mecklenburgischen Schweiz, ist es Herzenssache zu helfen. „Als Polin habe ich ja selbst eine Migrationsgeschichte. Und so haben wir gewissermaßen in einer Nacht- und Nebelaktion eine Familie aufs Land geholt. Wir haben viel polnisch und ukrainisch gesprochen und Borschtsch gekocht, kümmern uns um den Papierkram und gehen mit auf die Ämter“, erzählt sie. Inzwischen wohne die Flüchtlings-Familie im Nachbarort – schließlich ist das Gutshaus nach wie vor touristischen Zwecken vorbehalten. Die „gut gebuchte“ Saison beginnt und „wir haben schließlich Verantwortung für unsere sieben Mitarbeiter“, erklärt Kamila Sösemann.

Die frischgebackenen „Gutshausretter“ von Dahlen bei Neubrandenburg, Felix Garten und Guiliana Martínez, renovieren derzeit ihr ganz neu erworbenes, teils sehr renovierungsbedürftiges Domizil. Es pressiert, denn sie möchten so bald wie möglich Flüchtlinge aufnehmen. Freunde packen mit an. Sie suchen aber auch noch handwerkliche Hilfe und Sachspenden wie Möbel, Werkzeuge, Elektrogeräte.

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Schutz unter den Mammutbäumen von Kaarz

So wie jedes Gutshaus eine andere Historie und sehr facettenreiche Besitzer hat, managt auch jeder Eigentümer diese Situation unterschiedlich. Schloss Kaarz bei Güstrow beispielsweise schließt seine Pforten gleich für die gesamte Saison. Alle 22 Zimmer bieten nun ukrainischen Flüchtlingen ein Zuhause auf Zeit, vor allem Müttern mit Kindern und Großmüttern mit Enkeln.

Gleich Anfang März habe die Schlosseigentümerin, die ihren Namen nicht genannt wissen will, gefordert: „Da geschieht etwas ganz Furchtbares, wir müssen etwas tun!“, erzählt Verwalterin Katharina Dumann. Also sei man kurzerhand ostwärts gefahren und habe einen ganzen Bus voller Flüchtlinge abgeholt. Schloss Kaarz mit seinem besonderen Park unter Mammutbäumen bietet nun Schutz, Verpflegung und Begleitung. „Es kommt so viel zurück, das ist eine gegenseitig ganz beglückende Erfahrung“, erfährt nicht nur Katharina Dumann. Man wolle dafür keine finanzielle Unterstützung. „Die Aktion läuft über Spenden und aus eigenen Mitteln“, so die Sprecherin von Schloss Kaarz.

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Verzicht auf Hilfe von Ämtern und Behörden

Überhaupt wählen viele eher den spontanen Weg zu helfen und verzichten sowohl auf die umständliche, zeitaufwändige Registrierung bei Ämtern als auch den Empfang finanzieller Hilfe. Dabei kann man als Touristiker Miete für die Aufgenommen von der Kommune bekommen, der das Geld wiederum vom Land erstattet wird, wie das zuständige Innenministerium auf Anfrage mitteilt.

Silke Jacobs-Kruse, die Ferien am Hofsee im Gutshaus Alt Gaarz vermittelt, kümmert sich ebenfalls um Unterkünfte. Sie ist allerdings gar nicht mehr so sicher, ob es eine so gute Idee ist, die Menschen aufs Land zu holen. „Hier ist ja nichts. Keine Einkaufsmöglichkeiten, kaum Anbindung an die Städte mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und dann sitzen die Menschen hier teilweise allein mit ihren traumatischen Erlebnissen.“ Ähnliche Erfahrungen hat auch Kamila Sösemann gemacht. „Viele wollen gar nicht aufs Land, wollen nach Berlin, wollen zu Freunden und Verwandten.“ Sie möchten nicht allein sein müssen.

Weil auch die Musik verbindet, erklang kürzlich in der Daberkower Dorfkirche im Tollensetal ein berührendes Konzert – gespielt unter anderem von ukrainischen Musikern wie dem Trompeter Andriy Ilkiv aus Kiew. Er hat mit seiner Frau die Strapaze einer angstvollen Flucht hinter sich. „Es geschah im allerletzten Moment“, sagt Ilkiv. Ob ihr Haus noch steht, wissen beide nicht. Derweil können sie hier etwas tun: mit seinen Kollegen von Kiev-Brass Benefizkonzerte für die Ukraine in Deutschland geben – auf dem „platten“ Land, wo Hilfe Tradition hat.

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Kommentare (1)

Eine Frischzellenkur für degeneriertes deutsches Blut!