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Nach der Flucht kommt das lange Warten

In Tschetschenien ist der Krieg vorbei. Doch fliehen nach wie vor viele Menschen vor der Willkür der Justiz. So wie Familie Batalov, die in Neubrandenburg ein neues Zuhause gefunden hat – hoffentlich. Noch fehlt ihr eine Aufenthaltserlaubnis.

Familie Batalov in ihrer Wohnung: Tamira, Mutter Ayna, Vater Khasi, Layla (v. l.) und vorne die Zwillinge Schamal und Aslan.
Susann Moll Familie Batalov in ihrer Wohnung: Tamira, Mutter Ayna, Vater Khasi, Layla (v. l.) und vorne die Zwillinge Schamal und Aslan.

Ihre Mutter war immer sehr müde und hat viel geweint, erinnern sich Tamira und Layla Batalov an die letzten Wochen in ihrer Heimat. Richtig gegessen habe die Mutter auch nicht. Zu tief saß der Schock, dass der eigene Sohn vor ihren Augen in Handschellen abgeführt wurde – ohne Grund. In Tschetschenien keine Seltenheit. Vater Khasi Batalov sagt, wer Oberhaupt Ramsan Kadyrow nicht gefällt, der wird willkürlich verhaftet. Aus Angst um das Leben seiner Familie floh er mit seiner Frau und den jüngsten Kindern vor fünf Jahren aus Tschetschenien. Seit drei Jahren lebt die Familie in Deutschland und wartetet darauf, dauerhaft Asyl zu bekommen.

Nachdem sie zwei Jahre im Asylbewerberheim in Jürgenstorf bei Stavenhagen verbracht haben, sind sie seit dessen Schließung im vergangenen Sommer in Neubrandenburg untergebracht. Khasi und Ayna Batalov leben dort mit den Zwillingen Aslan und Schamal (17) sowie ihren Töchtern Tamira (13) und Layla (19) in einer Vierraumwohnung des Asylbewerberheims in der Oststadt. Die Flucht aus Tschetschenien kam für die Kinder damals sehr plötzlich. Sie haben gar nicht verstanden, was los ist, berichten Tamira und Layla. Auf einmal hieß es von den Eltern: „Nehmt eure Sachen, wir müssen weg.“ Wenn Mutter Ayna an die Reise denkt, kommen ihr noch immer die Tränen. Zu schlimm waren die Erlebnisse. Sprechen möchte sie darüber nicht.

Im Ringen ist Aslan Norddeutscher Meister

Einen Teil ihrer Familie haben sie in Tschetschenien zurückgelassen, nur die jüngsten Kinder konnten sie mitnehmen. Mit einigen haben sie über Skype Kontakt, berichtet Layla Batalov. So wissen sie, dass es ihnen gut geht. Die Sechs warten jeden Tag darauf, dass sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, um auch die anderen sechs Familienmitglieder in Sicherheit zu bringen.

Schon als Kind haben ihre Eltern nur Gutes über die Deutschen erzählt: Sie seien freundlich, ehrlich und fleißig. Bisher habe sich dieses Bild bestätigt, sagt Ayna Batalov. Sie hat gerade eine Operation genehmigt bekommen, darüber freut sie sich sehr. Zwischen der medizinischen Versorgung hier und in ihrer Heimat bestehe ein himmelweiter Unterschied. Technik und Diagnostik seien in Tschetschenien viel schlechter, zudem bekomme man nur gegen Schmiergeld einen OP-Termin, berichtet die 52-Jährige.

Mitschüler sehr an der Kultur interessiert

Tamira hat in den zwei Jahren in Jürgenstorf nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Einige Mitschüler haben sie wegen ihrer Herkunft beschimpft – Freunde hatte sie dort keine. Seit sie die Grundschule Ost in Neubrandenburg besucht, ist alles anders. Dort wurde die 13-Jährige mit offenen Armen empfangen. Ihre Mitschüler seien sehr lieb und interessiert an ihrer Kultur. Selbst darüber, dass die Muslimin ein Kopftuch trägt, sei nie ein schlechtes Wort gefallen. Ihre Schwester Layla hat sich entschieden kein Kopftuch zu tragen – ihre Eltern finden das nicht schlimm. Die 19-Jährige macht ein berufsvorbereitendes Jahr in Waren und möchte im Anschluss einen Beruf erlernen. „Am liebsten Kosmetikerin oder Fotografin“, sagt Layla.

Aslan und Schamal besuchen die Regionale Schule Ost und ringen im SV 90 Neubrandenburg, mit Erfolg. Aslan ist kürzlich Norddeutscher Meister geworden. Viele Mannschaften in Deutschland haben Interesse an den beiden, denn in Tschetschenien haben sie Techniken erlernt, die eine Bereicherung für die hiesigen Sportler darstellen. Jedoch müssen sie, solange sie keine Aufenthaltserlaubnis haben, bei ihren Eltern wohnen und weiter hoffen, geduldet zu werden.