KINDERGÄRTEN IN MV

Neue Corona-Hygieneregeln wurden deutlich entschärft

Bald dürfen noch mehr Kinder in die Kitas zurück. Das Land hat die strikten Corona-Regeln daher vorsorglich entschärft. Dennoch könnten am Ende Kinder abgewiesen werden.
Bald geht das Spielen wieder los!
Bald geht das Spielen wieder los! Monika Skolimowska
Neubrandenburg.

Die neuen Hygieneregeln für Kindergärten in Mecklenburg-Vorpommern wurden deutlich entschärft, damit noch mehr Kinder wieder zurück in die Betreuung gehen können. Anders ließe sich das Vorhaben der Landesregierung auch nicht umsetzen, ab 2. Juni wieder in den Regelbetrieb überzugehen.

Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) hatte am Dienstag die Vorgabe ausgegeben, dass für Kinder vollzeitbeschäftigter Eltern spätestens von diesem Tag an wieder eine umfassende Betreuung in den Kitas und Krippen in Mecklenburg-Vorpommern gewährleistet werden soll. Eine Betreuungszeit von täglich sechs Stunden solle sichergestellt werden; wo es möglich sei, auch länger. „Das ist eine echte Entlastung”, betonte Drese. Vor allem für Berufstätige Eltern, die wegen der coronabedingten Zwangsschließung der Kitas in den vergangenen Wochen ihre Kinder zumeist selbst betreuen müssen.

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Kritik an den Plänen

Als ersten Schritt dürfen ab Montag, 18. Mai, wieder Kinder im letzten Kita-Jahr vor der Schule zurück in den Kindergarten. Danach sollen die Kitas schrittweise den Betrieb hochfahren, sodass ab 2. Juni wieder für rund 112.000 Kinder in MV eine Betreuung in Kindergärten, Krippen, Tagespflege und Horten möglich sein soll. So wie vor Beginn der Corona-Krise im März – aber mit scharfen Hygienemaßnahmen.

Bereits vorab stieß dieses Vorhaben auf Kritik. Die großen Träger im Land und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind sich einig, dass es bald an Personal mangeln wird. Die familienpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag, Jacqueline Bernhardt, bezeichnete den Plan am Mittwoch als nicht durchdacht. So stelle sich die Frage, wie Eltern in Vollzeit arbeiten sollen, wenn absehbar sei, dass ihr Kind in der Kita lediglich sechs Stunden betreut werde. Die GEW forderte eine Lösung für die Horte, zu denen es bislang keine Aussage des Ministeriums gibt.

Kein Platz, kein Personal

„Wir machen jetzt schon alles möglich, was wir können”, sagte Ramona Barner-Brockmann, zuständige Referentin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) am Donnerstag. Das DRK ist nach ihrer Auskunft in MV Träger von 93 Kindergärten mit rund 12.500 Kindern. Erst am Donnerstag hatte sie sich mit den DRK-Kreisverbänden per Videokonferenz ausgetauscht. Überall herrsche noch große Unsicherheit.

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Wenn nun in den kommenden Wochen alle Kinder zurück dürfen, steht viel zu wenig Personal für die Betreuung zur Verfügung. Diese Kritik wird immer wieder laut. Der Grund: Nach den bestehenden Vorgaben sollen die Kinder in festen Gruppen von festen Bezugspersonen betreut werden. Ein sonst üblicher Wechsel ist nicht vorgesehen. Doch auch für das Fachpersonal gelten Arbeitsschutzgesetze und sie können nicht täglich zwölf Stunden lang für eine Gruppe da sein. Eine Lösung könnten hier Kernarbeitszeiten sein, wie sie schon erprobt werden. Auch die Räumlichkeiten vieler Kitas sind nicht darauf ausgelegt, dass dort feste Gruppen mit möglichst wenig Kontakt untereinander untergebracht sind.

Für den Betrieb der Kitas hatte das Sozialministerium zuletzt am 27. April Hygieneregeln erlassen, als die Notbetreuung erweitert wurde. Seit dem sind nach Angaben des Ministeriums wieder 25 Prozent der Kinder in Betreuung. Für die nächste Erweiterung ab Montag müssen neue Regeln her, die der Nordkurier bereits vorab einsehen konnte. Beim Blick in die neuen Hygienehinweise mit Stand vom 14. Mai fällt aber auf, dass viele einst strikte Regeln aufgeweicht worden sind.

Menschen aus Risikogruppen

So hieß es im April noch, dass „Beschäftigte, die einer der vom RKI definierten Risikogruppen angehören, sollten möglichst nicht in der direkten Kinderbetreuung eingesetzt werden.” In der neuen Version steht nun, der Einsatz von Personal ab Vollendung des 60. Lebensjahres sei „nicht per se auszuschließen”. In MV gehören rund 20 Prozent der Erzieher einer Risikogruppe an. Ob sie doch arbeiten gehen können, soll nun mit einer Gefährdungsbeurteilung durch die Betriebsärztin geklärt werden.

Die GEW hätte sich an diesem Punkt mehr gewünscht. „Die Erzieher*innen haben keine Stelle, an der sie Beschwerde einlegen können. Eine solche Ombudsstelle haben wir gefordert”, sagte Annett Lindner, GEW-Landesvorsitzende, auf Anfrage. Zudem hatte die Gewerkschaft für alle Erzieherinnen regelmäßig Zugang zu kostenlosen Corona-Tests gefordert. „Was für den Landtag und die Verwaltung klappt, sollte für diese Berufsgruppe erst recht ermöglicht werden”, so Lindner. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher des Sozialministeriums, dass solche Tests noch nicht vorgesehen seien. Allerdings werde ein Expertengremium den Kita-Betrieb in den kommenden Wochen begleiten und dort werde auch diese Frage ein Thema sein.

Weniger Abstand halten

Im Punkt „Wichtige Maßnahmen für Beschäftigte” der Hygieneregeln ist beim Thema Mindestabstand folgendes hinzugekommen. „Im Kontakt zwischen den Beschäftigten in der Kindertageseinrichtung bzw. den Kindertagespflegepersonen und den zu fördernden Kindern sowie zwischen den Kindern untereinander ist eine Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 m realistisch nicht oder schwer umsetzbar. Deshalb sind hier, abweichend von den allgemeinen Hygieneregeln, keine Mindestabstände routinemäßig einzufordern. Wenn möglich, sollte die Kontaktdauer bei Abständen unter 1,5 m eingeschränkt werden.” Auch hier zeigt sich: Die bekannten Corona-Abstandsregeln sind bei Regelbetrieb nicht mehr umsetzbar.

Ähnlich ist es in den Schlafräumen. Die alten Regeln sahen einen Mindestabstand zwischen den Bettchen von 1,5 Metern vor. Nun ist dieser Abstand nur noch „wünschenswert”.

Größere Gruppen

Die alten Hygieneregeln sahen eine maximale Gruppengröße von 10 Kindern vor, die nicht überschritten werden durfte. In den neuen Regeln fällt diese Grenze weg. Somit gelten wieder die herkömmlichen Landesgesetze, wonach die Regelgruppengröße 15 Kinder umfasst. In den Krippen sind es sechs. Auch hier dürfte die knappe Personalfrage ausschlaggebend gewesen sein.

Für den Sanitärbereich gab es die Anweisung, dass „die Zuordnung einzelner Toiletten, Waschbecken oder Nassräumen zu den jeweiligen Gruppen” durch pädagogischen Fachkräfte gewährleistet werden soll. Die neuen Regeln sprechen hier nur noch von „Beschäftigten der Kindertageseinrichtung”. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Land bei der Gewinnung von neuem Personal auch Betreuungskräfte aus anderen Bereichen, etwa der Jugendarbeit gewinnen will, oder auch Auszubildenden stellenweise mehr Verantwortung übertragen will. Dies hatte ein Sprecher des Sozialministeriums bereits angedeutet auf die Frage, wie die Personaldecke gestärkt werden soll.

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Weitere Maßgaben, etwa das regelmäßige Reinigen und Desinfizieren, Meldung von Verdachtsfällen, die Übergabesituation blieben unverändert. Kontakte müssen täglich dokumentiert werden.

Praxis schlägt Theorie

Klar ist, dass erst die Praxis zeigen wird, wie tauglich die neuen Hygienevorgaben überhaupt sind. Die Pandemie ist für alle eine neue Situation, niemand kann auf Erfahrungen zurückgreifen. Alle Beteiligten haben betont, dass die Vorgaben stetig geändert werden können und jede Kita letztendlich ihren eignen Weg finden muss. „Das System ist nicht starr und kann somit vor Ort entwickelt werden“, sagte der Neubrandenburger Landrat Heiko Kärger (CDU), der Vorsitzender des Landkreistages ist.

Ein wöchentlich tagendes Expertengremium soll nun die Umsetzung beobachten und „Nachsteuern”, wie es heißt. Darin sitzen unter anderem Vertreter der Landesregierung, des Sozialministeriums, der Gewerkschaften, der Kommunen, der Kreise, der Jugendämter und des Landesamtes für Gesundheit- und Soziales. Von den fünf großen Wohlfahrtsverbänden des Landes, die sich zur sogenannten „Liga” zusammengeschlossen haben, sind nur zwei vertreten. „Bei der Ausarbeitung der Regeln hätte man mehr auf die Leute aus der Praxis hören müssen”, sagte dazu die DRK-Referentin Ramona Barner-Brockmann. Ihr Verband ist nicht dabei.

Mehr Freiheit oder mehr Abstand?

Fraglich ist nur, was am Ende das Ziel sein wird. „Wollen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wieder haben, oder wollen wir weiter auf Abstandsregeln achten?”, so Barner-Brockmann. „Ich habe großes Verständnis für die Abstandsregeln”, betonte sie. Die Einrichtungen würden ihr bestens geben, sie umzusetzen. Es würden nun „spannende Tage” werden. Doch ein Regelbetrieb, annähernd so, wie es ihn vor der Krise gab und das gleichzeitige Befolgen strenger Hygieneregeln, dies sei nicht vereinbar.

Und für den Fall, dass es nicht klappt, stehen die Einrichtungen vor einem Dilemma: Sie müssen Kinder abweisen, die nicht oder nicht für die volle Zeit betreut werden können. „Und dann bekommen zuerst die Erzieher den Unmut der Eltern zu spüren”, so Barner-Brockmann. „Wir erhalten Rückmeldungen dazu, dass die Erzieher*innen nicht die Entscheidung treffen wollen, welches Kind wie lange betreut wird. Dies belastet das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und pädagogischer Fachkraft”, sagte dazu GEW-Chefin Annett Lindner. Die Entscheidung müsse von einer anderen Instanz getroffen werden.

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