Besonders kleine Katzen sind in den ersten Wochen oft auf Antibiotika angewiesen. Das Tierheim Sadelkow mag sich nicht ausmale
Besonders kleine Katzen sind in den ersten Wochen oft auf Antibiotika angewiesen. Das Tierheim Sadelkow mag sich nicht ausmalen, wie es weitergeht, wenn das Gesetz verabschiedet wird. Henning Stallmeyer
Hunde, Pferde, Hamster – sie alle wären von dieser Regelung betroffen. Auch Bauernverbände schlagen Alarm, wen
Hunde, Pferde, Hamster – sie alle wären von dieser Regelung betroffen. Auch Bauernverbände schlagen Alarm, wenn sie ihre Nutztiere nicht länger mit Antibiotika behandeln lassen können. Nicolas Armer
Antibiotika-Verbot

Neue EU-Verordnung – droht bald das Haustier-Massensterben?

Tierheime, Hundebesitzer und Ärzte warnen vor einem EU-Gesetz, das die Einschränkung von Antibiotika vorsieht. Dabei geht es um die Frage: Steht das Wohl des Menschen über dem der Tiere?
Brüssel

Ein geplantes EU-Gesetz sorgt bei Tierliebhabern für schlaflose Nächte. Am 13. September entscheidet das EU-Parlament, ob zukünftig Tiere nur noch in Ausnahmefällen mit Antibiotika behandelt werden dürfen. Das betrifft Millionen von Landwirte, Jäger und Haustierbesitzer. Auch Tierärzte laufen Sturm gegen diese Idee. Was auf den ersten Blick irrsinnig aussieht, verfolgt aber ein höheres Ziel, nämlich die Gesundheit des Menschen, sagt EU-Parlamentsmitglied Martin Häusling (Die Grünen), der den Antrag stellt.

Menschenwohl über Tierwohl?

Viele Antibiotika, die Tieren verabreicht werden, kommen nämlich auch beim Menschen zum Einsatz. Dadurch erhöht sich die Gefahr, dass Antibiotika-resistente Bakterien sich vermehren und auch dem Menschen Schaden können. Der Grünen-Politiker fordert, dass wichtige Antibiotika nur noch für den Menschen zugänglich sein dürfen. „Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. In Deutschland sind es 2400 Menschen. Die Resistenzen entstehen, weil viel zu viele Antibiotika eingesetzt werden. Beim Menschen, aber auch in der industriellen Tiermast”, schreibt der Politiker in seinem Positionspapier zu dem Gesetzesentwurf.” Doch der aktuelle Gesetzesentwurf würde keinen Unterschied zwischen Haustieren und Tieren, die für die Lebensmittelproduktion eingesetzt werden, machen, empören sich die Kritiker.

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Für einen Tierarzt aus Greifswald stößt diese Nicht-Unterscheidung auf Unverständnis. Für ihn ist diese Gesetzesidee nichts weiter als ein weiteres „EU-Hirngespinst”, was nichts mit der Realität in den Tierarztpraxen gemeinsam habe. „Wenn das Gesetz so kommt, dann werden wir 2022 ein Massensterben von Haustieren erleben. Hunde, Katzen, Kaninchen, fast alle Tiere werden in der Regel zuverlässig mit Antibiotika behandelt”, echauffiert sich der Arzt, der seinen Namen lieber nicht veröffentlichet sehen möchte.

„Dürfen Tiere dann nicht mehr behandeln”

Ganz so drastisch sieht es Dr. Karl Henning, der Präsident des Landesverbandes der praktizierenden Tierärzte, jedoch nicht. Das Hauptproblem sieht aber auch er: „In Einzelfällen würde dieses Gesetz bedeuten, dass wir Tiere nicht mehr behandeln dürfen, obwohl wir es könnten.” Generell begrüßt der Schweriner Tierarzt, dass sich der Thematik rund um Antibiotika-resistente Bakterien angenommen wird. „Aber dass wir Tierärzte praktisch ausgeschlossen werden von einer Entscheidung, welche Arznei wir verschreiben, können wir nicht hinnehmen”, sagte Karl Henning gegenüber dem Nordkurier. Der Bundesverband der Tierärzte organisierte gemeinsam mit dem Tierschutzbund eine Online-Petition, um das Gesetz zu verhindern. Diese wurde in kürzester Zeit von mehr als 340.000 Menschen unterschrieben.

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Gegen das Gesetz erhebt sich nun massiver Widerstand nicht nur von den Tierärzten. Ursula Fleßner vom Tierheim Sadelkow bei Neubrandenburg zum Beispiel sieht in dem Gesetzesentwurf ein Unding. „Eine Behandlung mit Antibiotika ist besonders für Katzenbabys bei uns absoluter Standard”, sagt die Gründerin des Tierheims. Antibiotika sind nicht nur ein effizientes Behandlungsmittel bei Katzen, sie sind auch im Vergleich zu alternativen Methoden deutlich günstiger und gerade bei den notorisch klammen Tierheimen kommt es auf jeden Cent an, sagt Ursula Fleßner.

Die Landestierärztekammer aus Mecklenburg-Vorpommern warnt jedoch vor Panik. Erst mal wolle man abwarten, ob das Gesetz denn überhaupt so kommt, sagte der Ehrenpräsident Dr. Rolf Pietschke dem Nordkurier. „Das ist noch längst nicht in trockenen Tüchern und bis etwas Spruchreifes vorliegt, wollen wir die Jägerschaft und andere Betroffenen nicht verunsichern”, so der ehemalige Tierarzt.

 

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