Nordöstlich von Rügen soll der neue Windpark Arcadis Ost 1, hier in einer Computer-Animation zu sehen, errichtet wer
Nordöstlich von Rügen soll der neue Windpark Arcadis Ost 1, hier in einer Computer-Animation zu sehen, errichtet werden. Der Bau beginnt in wenigen Tagen. Computer-Animation: Parkwind
Manfred Dittmer, Geschäftsführer von Parkwind Deutschland
Manfred Dittmer, Geschäftsführer von Parkwind Deutschland
Küste Vorpommern

Neuer Mega-Windpark vor der Insel Rügen

In den nächsten Wochen könnten sich für Touristen mit Teleobjektiv beeindruckende Bilder bieten: Nordöstlich von Rügen sollen fast 200 Meter hohe Windräder aus dem Wasser wachsen.
Rügen

Wer in den nächsten Wochen an Rügens Küste unterwegs ist und am Königsstuhl, am Kap Arkona, in Lohme oder Glowe hinaus aufs Meer blickt, hat gute Chancen, aus vergleichsweise großer Nähe das Baugeschehen für einen weiteren Offshore-Windpark zu beobachten. Denn der neue Windpark Arcadis Ost 1, den der belgische Konzern Parkwind nordöstlich von Rügen errichten lässt, soll im Küstenmeer installiert werden, nur 17 bis 20 Kilometer von der Küste entfernt.

Damit liegt die Baustelle nur unwesentlich weiter entfernt vom Festland als der erste deutsche kommerzielle Ostsee-Windpark Baltic 1, der im Mai 2011 vor Fischland-Darß-Zingst im Mai 2011 in Betrieb gegangen war. Doch die Windkraft-Riesen, die jetzt errichtet werden, sollen mit 194 Metern Höhe die Baltic-Anlagen deutlich um 79 Meter Höhe überragen.

Fundamente in die Ostsee gerammt

Entsprechend gigantisch fällt das Equipment aus. Für die Errichtung der 28 Fundamente für die Windkraftanlagen und die Umspannplattform hat inzwischen das belgische Kranschiff „Orion“ aus den Niederlanden Kurs in die Ostsee genommen. Es ist der erste Einsatz für den Neubau, dessen Schwerlastkran mit einer Hubleistung von bis zu 5000 Tonnen vor zwei Jahren bei einem Belastungstest im Rostocker Hafen wegen eines gebrochenen Hakens havariert war und anschließend aufwändig erneuert wurde.

Bei der Ende Mai beginnenden Installation setze man auf eine Reihe bislang noch nie praktizierter Technologien, sagt der Geschäftsführer von Parkwind Deutschland, Manfred Dittmer. Denn die „Orion“ müsse sich nicht wie andere Installationsschiffe erst auf Stelzen in den Meeresgrund aufrichten, um die Fundamente genau auf Position zu bringen. Die Errichtung sei somit deutlich schneller und kostengünstiger möglich. Die jeweils 2000 Tonnen schweren und 100 Meter langen Fundamentkörper, die in Rønne auf Bornholm an Bord genommen werden, sollen bis zum Herbst in den Ostseegrund gerammt werden, ehe die Verkabelung innerhalb des Windparks beginnt.

Zweitstärkster Schwimmkran der Welt dabei

Der bei der Rammung entstehende und vor allem für Schweinswale gefährliche Unterwasserlärm soll nicht nur durch den inzwischen üblichen kreisrunden Blasenschleiervorhang etwa halbiert werden. Zum Einsatz kommt erstmals auch ein sogenannter Hydroschalldämpfer, ein Netz aus Schaumstoffresonanzkörpern, das um das Fundament gelegt wird und den Schall zusätzlich in Bewegung umwandeln soll. Getestet wird außerdem erstmals ein Pulssystem, bei dem ein Hydraulikkissen zwischen Hammer und Pfahl den Schallimpuls verlängern soll. „Aus einem ‚Kling‘- wird sich auf diese Weise ein weniger harter ,Klang‘-Ton durch die Unterwasserumgebung ausbreiten“, vergleicht Dittmer.

Vermutlich faszinierende Fotos könnten an Rügens Nordküste voraussichtlich ab November mit einem normalen Teleobjektiv gelingen. Denn dann wird im Seegebiet die niederländische „Thialf“ erwartet, der zweitstärkste Schwimmkran der Welt, der mit seinen beiden Kränen im Doppelhub die unvorstellbare Last von 14. 200 Tonnen heben kann. Mit dem 200 Meter langen Spezialschiff sollen dann die Türme, Maschinenhäuser und Rotorblätter montiert werden.

Anbieter rechnet nicht mit Protesten gegen Projekt

Der über ein schon bestehendes Seekabel mit der Anlandestation Lubmin zu verbindende Windpark, dessen Strom von hessischen Versorgungsbetrieben angeboten wird, soll Anfang 2023 ans Netz gehen und dann Strom für bis zu 300  000 Haushalte liefern, eine Menge, die dem Bedarf fast aller Privathaushalte der beiden vorpommerschen Landkreise entspricht.

Doch wie bei allen bisher vor Ostdeutschlands Küste gebauten Windparks profitieren die Küstenbewohner auch dieses Mal nicht direkt von dem neuen Projekt. Erst vor wenigen Tagen hatte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) kritisiert, dass es nicht fair sei, dass ganz Deutschland von grünem Strom aus Mecklenburg-Vorpommern profitiere, während die Menschen hier in der Region die höchsten Strompreise zahlen müssten.

Parkwind rechnet nicht mit Protesten

In der Parkwind-Heimat Belgien ist man da längst weiter. Dort profitierten Anwohner, die sich mit einem Beitrag von bis zu 5000 Euro an Windparkprojekten beteiligten, von einer Art jährlicher Rendite – ein freiwilliges Angebot des Unternehmens. Hierzulande sei das nicht möglich, sagt Parkwind-Chef Dittmer.

Das Bürger- und Gemeindebeteiligungsgesetz hierzulande erstrecke sich nicht auf Windenergieanlagen auf See, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums Mecklenburg-Vorpommern. Hier hätten nur Gemeinden Möglichkeiten einer Beteiligung. So hätten seinerzeit 19 Stadtwerke mit einem Anteil von 49,7 Prozent an dem Windpark Baltic 1 von EnBW partizipiert.

Mit Protesten wie bei Baltic 1, als Kommunen und Tourismusvertreter wegen der zu allzu großen Küstennähe juristische Schritte gegen EnBW angekündigt hatten, rechnet Parkwind nicht. „Wir haben unser Projekt transparent in allen Gemeindevertretungen vorgestellt und haben Neugier und Zustimmung erlebt.“ Nicht zuletzt auch deshalb, weil Parkwind in Mukran für mindestens 25 Jahre einen Wartungs- und Servicestützpunkt mit etwa 50 neuen Arbeitsplätzen angekündigt hat.

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