NICHTS ZU VERBERGEN?

Nordkurier blitzt vor Awo-Kita auf Mallorca ab

Ein Besuch des Nordkurier bei der Awo-Kita auf Mallorca sollte offene Fragen beantworten. Von der viel beschworenen Transparenz war vor Ort allerdings wenig zu spüren.
Ein Besuch in der Avenida Jaume III: Dort betreibt die Awo Schwerin eine Kita. Einen Blick auf das Gelände werfen durfte der Nordkurier nicht.
Ein Besuch in der Avenida Jaume III: Dort betreibt die Awo Schwerin eine Kita. Einen Blick auf das Gelände werfen durfte der Nordkurier nicht. Gabriel Kords
Die Kita befindet sich in der Stadt Santa Maria del Cami auf Mallorca.
Die Kita befindet sich in der Stadt Santa Maria del Cami auf Mallorca. Gabriel Kords
Santa Maria del Cami ·

An diesem Dienstagmorgen scheint auf Mallorca, jener Insel, auf der angeblich fast immer die Sonne scheint, tatsächlich die Sonne – obwohl für den Nachmittag Gewitter im Radio angekündigt werden. Das kleine Örtchen Santa Maria del Cami ist mit dem Auto nur eine Viertelstunde entfernt von der Hauptstadt Palma und ihrem Flughafen.

In der Avenida Jaume III stößt man dann auf jenes Gebäude, das in der vergangenen Woche für empörte Schlagzeilen nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern gesorgt hatte. Gelegentlich hält ein Auto am Straßenrand. Eltern bringen ihre Kinder zur Kita. Es gibt sie also wirklich! Und ja, es gehen wirklich auch Kinder in diese Kita, die aus bislang nicht so recht geklärten Gründen von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Schwerin auf der Mittelmeer-Insel betrieben wird.

Dienstwagen mit Awo-Logo

Den Kinderstimmen im Garten zufolge ist die Stimmung gut, das Gebäude mit Garten und Swimmingpool macht einen sauberen, gepflegten Eindruck – eben wie ein Anwesen, das vor kaum mehr als einem Jahr aufwendig saniert wurde. Am Tor hängt ein Briefkasten mit großem Awo-Logo, auch auf einem großen Schild an der Gebäudewand ist das Awo-Logo zu sehen. Hinzu kommt noch ein Werbebanner, von dem Nachbarn sagen, es stehe erst seit kurzer Zeit vor der Kita-Tür – darauf wird die zweisprachige Kita angepriesen. Und auch dort ist zu lesen: Awo. Einen Dienstwagen, ebenfalls mit Awo-Logo, gibt es auch noch.

Dass die Awo eine Kita auf Mallorca unterhält, war einerseits kein Geheimnis – immer wieder hatte der Schweriner Sozialverband darüber in seinem Mitgliedermagazin informiert. Gewusst haben dürften es aber trotzdem die wenigsten, die Awo ging in der Öffentlichkeit mit ihren Aktivitäten in Spanien nicht gerade hausieren.

Für die Vorstandssitzung nach Mallorca

Im Mitglieder-Magazin war aber beispielsweise zu lesen, die Kita werde seit September 2015 von Ariane Bartsch geleitet, die zuvor „Bereichsleiterin Kita“ bei der Awo Schwerin war. Von der großen Herausforderung, die dieser Schritt für sie gewesen sei, berichtet das Magazin, und ebenso erstaunlich offen darüber, dass schon einmal der gesamte Awo-Kreisvorstand für eine Sitzung nach Mallorca reiste. Auch der Schweriner Awo-Geschäftsführer war mehrfach dort – angereist per Billigflieger, wie die Awo betont.

Ein Billigflieger ist es auch, der dem Nordkurier den Vorort-Besuch leicht gemacht hat. Und bei dem wir gerne geklärt hätten, warum genau die Schweriner Awo sich auf Mallorca engagiert, wie man vor Ort zu den Berichten darüber steht – und was dran ist an den Vorwürfen, die erhoben werden: dass eine Mallorca-Kita nichts mit dem Auftrag der Schweriner Awo zu tun habe, dass Gelder der Mitglieder für dieses Haus zweckentfremdet wurden.

Kita-Chefin sind die Berichte „zu viel“

Wir klingeln. Zunächst öffnet eine spanische Mitarbeiterin, die den Deutsch sprechenden Gast gleich wieder hinauskomplimentiert und ihre Chefin erst holt, als der Gast wieder vor verschlossenem Tor steht. Sodann erscheint Ariane Bartsch in Begleitung eines Mannes und gibt durchs verschlossene Tor kund, dass sie „leider“ nicht mit dem Besucher sprechen wolle.

Die Berichterstattung der vergangenen Tage sei einfach „zu viel“ gewesen, es seien so viele Lügen über ihre Kita verbreitet worden: „So gerät die großartige Arbeit, die hier geleistet wird, in Misskredit“, klagt Bartsch, ohne zu verraten, worin die angeblich veröffentlichten Lügen denn nun bestehen sollen und was die eigene Arbeit so großartig macht.


(Die Awo-Kita befindet sich in der Stadt Santa Maria del Cami auf Mallorca. Foto: Gabriel Kords)

Warum wurde Kita auf Mallorca eröffnet?

Gerade über ihre Motivation, nach Mallorca zu gehen, wüsste man gerne mehr: Ist es wirklich so, wie Gerüchte aus Schwerin besagen, dass die Awo extra für Ariane Bartsch eine Kita auf Mallorca eröffnet hat? Weil sie, die langjährige verdiente Mitarbeiterin, gerne ihrem Mann, der angeblich schon länger auf Mallorca gearbeitet haben soll, hinterherziehen wollte? Ariane Bartsch mag darauf am Kita-Tor keine eindeutige Antwort geben. Woanders hat sie diese Behauptung klar zurückgewiesen.

Auch dass der Mann, der mit ihr am Kita-Tor erscheint und sich durchaus ins Gespräch einmischt, eben jener Ehemann ist, verschweigt Ariane Bartsch. Um zu erfahren, wer der Herr neben ihr ist, muss man erst den Namen ihres Mannes bei Google eingeben und Porträtfotos vergleichen.

Gleichwohl fällt in dem Gespräch an der Kita-Pforte noch der Satz: „Wir haben nichts zu verbergen.“ Oder doch? Immerhin hat Bartschs Ehemann im Internet Spuren hinterlassen, die darauf hindeuten, dass er tatsächlich länger beruflich auf der Insel aktiv ist, als die Kita existiert.

Fachkräftesuche in Spanien

Zu sehr nach Ausrede klingt die nach den ersten Medienberichten hastig präsentierte Begründung, man wolle mit der Kita auf dem spanischen Markt um rare Fachkräfte für Deutschland buhlen. In allen früheren Artikeln über die Kita taucht dieser Aspekt nicht oder nur ganz am Rande auf.

Vielmehr scheint es, als sei das Ganze „eher zufällig“ entstanden – eine Formulierung, die man so wörtlich in einem Awo-Mitteilungsblatt aus dem Jahr 2016 findet: „Gesucht haben wir nicht danach“, heißt es in dem Artikel über die Frage, wieso die Awo eine Kita auf Mallorca betreibe. Von Fachkräftemangel ist darin mit keinem Wort die Rede. Könnte es also doch sein, dass die Awo Ariane Bartsch einen Wunsch erfüllt hat?

Gibt es noch weitere Auslands-Aktivitäten?

Selbst wenn es sich bei dem Engagement wirklich nur um eine Anschubfinanzierung handelte und sich die Sache langfristig womöglich sogar finanziell rechnet: Stünde das alles noch im Einklang mit der Aufgabe eines Schweriner Sozialverbands, vor Ort soziale Hilfe zu leisten?

Zumal, neben Krediten, wohl auch 100.000 Euro aus der Rücklage des Vereins in den Aufbau der Kita geflossen sind. Die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs bezweifeln nicht nur zahlreiche Landespolitiker aus MV, sondern auch der Awo-Bundesverband, der vergangene Woche erklärt hatte, die ganze Sache „ausgesprochen fragwürdig“ zu finden.

Auf Nachfrage, ob inzwischen noch weitere Auslands-Aktivitäten deutscher Awo-Verbände bekannt geworden seien, reagiert Awo-Bundessprecherin Mona Finder schmallippig: „Das Ganze ist vorige Woche bekannt geworden, man muss der Angelegenheit nun doch etwas Zeit geben!“ Vorerst werde der Awo-Bundesverband zu dem Thema nichts mehr sagen, man warte auf eine Stellungnahme des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern.

Politik fordert Aufklärung

Mona Finder ahnt wohl, dass unangenehme Fragen auf sie zukommen werden: Warum zum Beispiel hat der Awo Bundesverband sich nicht eher um die Kita auf Mallorca gekümmert? Warum schreitet der Bundesverband erst jetzt ein, wenn nach der Affäre um die Awo Müritz eine zweite Affäre bei der Awo Mecklenburg-Vorpommern bekannt wird? Warum hat der Verband offenbar keinen Überblick darüber, was Unterverbände im Ausland treiben?

Auch die Politik fordert Aufklärung – von AfD bis Linkspartei gleichen sich die Äußerungen. Am präzisesten fasst die Empörung wohl Christel Weißig, Landtagsabgeordnete der BMV-Fraktion zusammen: „Der Awo-Kreisverband sollte sich auf das konzentrieren, wofür die Arbeiterwohlfahrt vor knapp 100 Jahren einmal gegründet würde, nämlich die Unterstützung und die Wohlfahrt sozial schlechter gestellter Menschen vor Ort.“

Aber zurück nach Mallorca, wo sich die Awo Schwerin zweifellos um Menschen kümmert – wenn auch nicht unbedingt um sozial schlechter gestellte. Die Monatsbeiträge für die Kita, das räumt die Awo ein, liegen bei rund 600 Euro pro Monat zuzüglich Mittagessen – und so sieht auch der Fuhrpark der Eltern aus, der vor der Kita zu beobachten ist.

Kleinkindbetreuung auf Mallorca

„Die Kita füllt hier eine Marktlücke“, sagt Michael Maier, Redakteur des deutschsprachigen „Mallorca Magazins“, der bereits über die Kita berichtet hat: Er zeigt sich etwas verblüfft über die empörte Berichterstattung in Deutschland: „Auf mich wirken diese Berichte etwas voreingenommen. Ich hatte immer einen sehr guten Eindruck von der Einrichtung und ihrem Personal.“

Michael Maier hat das Privileg, dass Ariane Bartsch noch mit ihm redet – und sich über eine „Hexenjagd“ beklagt. Er weiß aber auch zu berichten, dass Kleinkindbetreuung auf Mallorca für weniger Geld zu haben ist: „Ich habe selbst ein Kind in diesem Alter und wir zahlen für die spanischsprachige Kita in Palma etwa 165 Euro im Monat.“ Insgesamt herrsche auf der Insel ein großer Mangel an Kita-Plätzen – und eine weitere zweisprachige Kita sei ihm nicht bekannt: „Und den Bedarf an so etwas gibt es hier durchaus.“

Engagement fernab vom eigentlichen Vereinszweck

In der Awo-Kita geht derweil der Tag zu Ende – die Eltern fahren am Nachmittag erneut vor dem Gebäude vor. Der Mann von Ariane Bartsch lässt sich noch einmal blicken, mag aber wieder nicht antworten, weder auf die Frage, warum er sich früher am Tag nicht zu erkennen gegeben hat, noch auf andere Fragen. „Das macht alles keinen Sinn“, sagt er nur wiederholt.

Vorerst bleibt damit der Eindruck bestehen, dass die Awo Schwerin in Sachen Mallorca-Kita womöglich doch etwas zu verbergen hat – und zwar offenbar ein gehörig aus dem Ruder gelaufenes quasi privates Engagement fernab vom eigentlichen Vereinszweck.

Über der Kita hat sich derweil der Horizont verfinstert, ein dumpfes Grollen kündet von der nahenden Ankunft schwerer Gewitter.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Santa Maria del Cami

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Kommentare (1)

"Den Kinderstimmen im Garten zufolge ist die Stimmung gut..." Wie sollte die Stimmung bei Kindergartenkindern auf Mallorca sonst sein, wenn diese nichts vom Politikkram in Deutschland mitbekommen, geschweige verstehen?