Literaturkritik
Norweger schlägt literarische Funken

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Dörlemann Verlag

Der Autor Dag Solstad und seine eigenwilligen Roman-Gestalten sind in Skandinavien eine große Nummer. Die Titelfigur „T. Singer“ hat das Zeug dazu, sich auch im Gedächtnis der deutschsprachigen Leser einzunisten.

Eigenwille ist in der Literatur ein Qualitätskriterium – und davon bringen Dag Solstad (77), Norwegens Chef-Konstrukteur ebenso eleganter wie bösartiger Schachtelsätze, und seine nerdigen Gestalten eine Menge mit. „T. Singer“, abgründige Titelfigur des 1999 entstandenen Solstad-Romans, der nun auf Deutsch vorliegt, macht da keine Ausnahme. Der nistet sich im Leser-Gedächtnis ein.

Als Osloer Student ist Singer ein Taugenichts. Möchtegern-Schriftsteller, Tagträumer, ein destruktiver Betrachter mit Hang zu Obsessionen: Dem können sein unangebrachtes Lachen oder eine peinliche Verwechslung hartnäckige Schamgefühle bescheren. Mit Mitte 30 – es sind die denkwürdigen 1980er – zieht er sich in die unauffällige Existenz eines Bibliothekars zurück. Das Kaff Notodden, mit seinen stillgelegten Fabrikanlagen quasi ein Industriemuseum, erweist sich als ideal für den Typ mit dem ambivalenten Innenleben, der nach außen als durchaus umgänglich und feinhumorig gilt. Er heiratet die Töpferin Merete, lebt mit ihr und deren Tochter zusammen. Merete durchschaut Singer als Schein-Idylliker und will die Scheidung. Doch: Sie kommt bei einem Autounfall um, für Singer schicksalhaft. Der fühlt sich als Stiefvater unangenehm verantwortlich. Den Entfremdeten beschleicht die Furcht, das Mädchen würde werden wie er.

An Sinnleere leidender Held

Aus einem eher konventionellen Plot schlägt Solstad literarische Funken: Sein Beschreiben von Lebensabläufen und Landschaften gerät grandios. Der schräge Blick auf Stadtbilder – sezierend und distanziert ­– und eine Manie, den Gedanken seines an Sinnleere leidenden Helden auf die Urgründe zu gehen, lassen an die magischen Texte des Österreichers Peter Handke denken. Der Sonderling in der Wechselphase von der Hard- zur Software-Gesellschaft – diese Konstellation verleitet zum Nachzudenken über das Glücksreservoir der Gegenwart für den Einzelnen.

Ein erzählerischer Höhepunkt: Der bizarre Abend am Ankunftstag Singers in Notodden. Eine Zugbekanntschaft erweist sich als mystisch-rätselhafter Business-Boss – eine sandgestrahlte Kafka-Figur mit Wiedergänger-Potenzial, der dem Neuankömmling ein spezielles Geschenk macht, sein Tipp-System beim Toto.

„Kleinen Nobelpreis“ erhalten

Dag Solstad, einst Maoist, nun ein Post-Existenzialist, ist kein Autor, der vor dem Leser buckelt. Er schreibt erfreulich wenig marktgerecht und fühlt sich wohl dabei, in High-Speed-Zeiten auf epische Geduld zu setzen. In Skandinavien ist er eine große Nummer. Die Schwedische Akademie verlieh ihm 2017 den Nordischen Preis, gern „Kleiner Nobelpreis“ genannt. Im deutschsprachigen Raum ist Solstad erst nach der Jahrtausendwende entdeckt worden. Vor „T. Singer“ erschienen hier die Romane „Scham und Würde“, „Professor Andersens Nacht“, „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ und „Armand V“ – jeder davon eine Empfehlung wert.

Dag Solstad: T. Singer. Dörlemann Verlag, Zürich, 2019. 287 Seiten, 22 Euro, ISBN 978 – 3 – 03820 – 065 – 9.