ÖKOLANDBAU STÖßT AUF GRENZEN

Ökobauern stoßen bei Bio an Grenzen

Die Umstellung auf Biolandwirtschaft ist im vollen Gange. Dafür gibt es mehrere Gründe. Doch der Boom könnte bald zu Ende sein. Und Bauern vielleicht böse Überraschungen erleben, wenn es an den Absatz der Produkte geht.
Die Umstellung auf Biolandwirtschaft ist im vollen Gange. Dafür gibt es mehrere Gründe. Doch der Boom könnte ba
Die Umstellung auf Biolandwirtschaft ist im vollen Gange. Dafür gibt es mehrere Gründe. Doch der Boom könnte bald zu Ende sein. Philipp Schulze
ARCHIV – 09.01.2018, Nordrhein-Westfalen, Kranenburg: Milchkühe fressen auf einem Hof Stroh. Seit Jahrzehnten geht
ARCHIV – 09.01.2018, Nordrhein-Westfalen, Kranenburg: Milchkühe fressen auf einem Hof Stroh. Seit Jahrzehnten geht die Zahl der Milchbauern zurück. Dieser Trend könnte sich jetzt beschleunigen, befürchtet der Branchenverband. Landwirte müssten höhere Kosten und auch Auflagen schultern. Foto: Rainer Jensen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Rainer Jensen
Neubrandenburg.

„Auch der Öko-Landbau funktioniert nur mit Düngung“, sagt Joachim Gawlik. Der Miteigentümer der Gaarzer Naturprodukte in der südlichen Müritz-Region steht vor einem Dilemma. Bisher habe der Betrieb, wie erlaubt, Hühnermist aus Ställen der Region als Nährstoff für Hirse, Buchweizen, Biokartoffeln oder Futter eingesetzt. „Jetzt kommen wir in eine Situation, dass sich dabei zu viel Phosphor im Boden angereichert hat“, erklärt der Landwirt. Weil jetzt der Einsatz von Hühnermist reduziert werden müsse, werde es den Pflanzen gleichzeitig an dem für das Wachstum notwendigen Stickstoff fehlen. Den gebe es ansonsten nur als künstlichen Dünger, der im Ökolandbau nicht erlaubt sei. Die Folge: Sinkende Erträge in den nächsten Jahren.

Bundesregierung will 30 Prozent Bio-Landbau

Seit den 90er Jahren betreibt die Gaarzer Naturprodukte biologische Landwirtschaft. „Das Risiko für Missernten ist hier deutlich höher als in konventionellen Betrieben“, weiß Gawlik, der auch Chef der Vipperower Agar GmbH ist. In Mecklenburg-Vorpommern werden derzeit rund 12 Prozent der Agrarflächen ökologisch bewirtschaftet, der Bundesschnitt liegt bei 9 Prozent. In ihrer Agrarstrategie strebt die Bundesregierung einen Gesamtanteil von 30 Prozent Bio-Landbau an. Eine Zahl, die bei Experten Kopfschütteln auslöst. So auch bei Joachim Gawlik: „Eine Umstellung löst keine Probleme in den Betrieben.“

Der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern beobachtet derzeit eine regelrechte Umstellungswelle auf Bioanbau. Als Gründe gelten zum einen die Ermunterung und Aufforderung der Politik, mehr Ökoprodukte anzubieten, zum anderen die Hoffnung von Landwirten, angesichts immer neuer Vorschriften, Auflagen und Ergebniseinbußen eine wirtschaftlich sichere Nische zu finden. Dazu kommt die Extraprämie von 260 Euro je Hektar und Jahre während der zwei Jahre dauernden Umstellungszeit.

„Wir steuern auf ein Riesenproblem zu“

Doch dieser vermeintliche Rettungsanker wird nicht halten, ist Landwirt Manfred Leberecht aus Grabow überzeugt. „Wir steuern spätestens im nächsten Jahr auf ein Riesenproblem zu“, schätzt der Biobauer ein. Nach der Umstellung werde es „bittere Enttäuschungen“ für viele Betriebe geben. Leberecht, im Ehrenamt zugleich Vizepräsident des Landesbauernverbandes, nennt den Grund: Das wachsende Angebot beispielsweise an Biogetreide führe dazu, dass oft nur noch der Preis für konventionelle Ware gezahlt werden.

„Der Biolandbau ist in der Realität der Marktwirtschaft angekommen“, stellt Leberecht fest. Der Absatz von Biolebensmitteln wachse nicht in dem Maße, wie das Angebot an Produkten steige. Derzeit liege der Anteil von Bio-Lebensmitteln im Verkauf zwischen fünf und sechs Prozent. Das sei zu wenig. „Die Verbraucher müssten besser mitziehen“, sagt er.

Landesbauernpräsident Kurrek warnt vor Hin und Her

Erweise sich die Umstellung eines Betriebes als Flop, könne die Rückkehr zur konventionellen Produktion zum Fiasko zu werden, warnt Landesbauernpräsident Detlef Kurreck. Dem Landwirt drohe für die zurückliegenden fünf Jahre die Rückzahlung von Beihilfen. „Das ist der Unterschied zur Politik. Wenn bei uns etwas schief geht, haften wir selbst“, so Kurreck. Schon heute lasse sich besichtigen, was den Unternehmen bei finanziellen Engpässen passiere, egal in welcher Produktionsvariante. „Pleite geht niemand. Stattdessen steigen Investoren ein, die nicht aus der Region stammen.“ Einen solchen Eigentümerwechsel bekomme nur der Notar mit. „Da muss nicht mal das Firmenschild am Eingang geändert werden“, sagt Kurreck mit Sarkasmus.

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