EU-DORSCHFANGVERBOT

Ostsee-Fischer mussten nachts wieder umdrehen

Über Nacht hat die EU ein Fangverbot für Ostseedorsch verhängt. Die Sassnitzer Kutterfischer blicken in eine düstere Zukunft. Und die Restaurants müssen auf Tierkühl-Reserven zurückgreifen.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Sein Kutter „SAS 211 Antares“ liegt seit Mittwoch an der Leine. Bis zum Jahresende darf Kapitän Thomas Jandt vor Rügen n
Sein Kutter „SAS 211 Antares“ liegt seit Mittwoch an der Leine. Bis zum Jahresende darf Kapitän Thomas Jandt vor Rügen nicht mehr mit Schleppnetzfang auf Dorsch gehen. „Wir stehen vor der Pleite“, sagt er. Ralph Sommer
Am Mittwoch gab es im Restaurant der Sassnitzer Kutterfischer den letzten fangfrischen Ostseedorsch. Bald wird einheimischer D
Am Mittwoch gab es im Restaurant der Sassnitzer Kutterfischer den letzten fangfrischen Ostseedorsch. Bald wird einheimischer Dorsch hier kaum noch zum Verkauf auf Eis angeboten. Ralph Sommer
Sassnitz.

Die Nachricht vom sofortigem Fangverbot für Ostseedorsch in weiten Teilen der Ostsee bis Jahresende hat den 37-jährigen Kutterfischer Thomas Jandt am späten Dienstagnachmittag auf See erreicht. Er war gerade unterwegs im sogenannten Fanggebiet 24, das von dem Verbot betroffen ist: „Wir hatten gerade zwischen Rügen und Bornholm geschleppt, als die Mail vom Chef kam, dass ab Mitternacht kein Dorsch mehr gehievt werden darf“, sagt er. „Viertel vor Elf haben wir dann das Netz eingeholt – ein guter Fang, am Ende waren es 450 Kisten, jede gefüllt mit 25 Kilo dicken, fetten Dorsch.“

Fischer fühlen sich diskriminiert

Über die neue Regelung ist er stunksauer und ratlos: "Ich weiß nicht mehr, wie es weitergeht", sagt der Kapitän des Fischkutters "SAS 211 - Antares". Seit elf Jahren fischt Jandt als Kutterführer zusammen mit einem Steuer- und einem Decksmann im Seegebiet vor Rügen. Für 2019 hatte er eine Dorschquote von etwa 100 Tonnen erhalten. Genau 27 Tonnen hätte er noch fischen dürfen, aber daraus wird nichts mehr. Wegen des möglichen hohen Dorschbeifangs dürfe er jetzt auch nicht auf Flunder und Scholle gehen, sagt er: „Uns bleibt nur übrig, jetzt weiter abgelegenen Fanggründe anzusteuern, in denen ich mich kaum auskenne.“

Gut zu sprechen auf die EU waren die Sassnitzer Kutterfischer noch nie. Aber jetzt sind sie richtig stinksauer, wenn von Brüssel die Rede ist. Eine derart kurzfristige Entscheidung sei nicht nur fatal, schimpft Philipp Bruns, Geschäftsführer der Kutter- und Küstenfisch Rügen GmbH, die bis Dienstag noch vier Trawler von 25 Metern Länge in Fahrt hatte.

„Wir fühlen uns auch diskriminiert, weil die Stellnetzfischer ja noch weiter fischen dürfen.“ Die Schleppnetzfischer von Sassnitz, aber auch jene von Freest und Hiddensee seien die Dummen. Dabei hätten einige von ihnen unlängst sogar noch von Stell- auf Schleppnetz umgestellt, weil ihre Stellnetze in Küstennähe immer häufiger von Robben geplündert worden waren.

Backhaus findet Fangverbot "unbegreiflich"

Das Fangverbot sei reiner Aktionismus Brüsseler Kommissionsmitglieder, die nach der EU-Wahl vor zwei Monaten jetzt ohnehin ihre Plätze räumen müssten, wettert der Flottenchef. Selbst die Wissenschaftler vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock hätte bestätigt, dass das Fangverbot das Problem in keinster Weise lösen werde.

Das sieht auch Mecklenburg-Vorpommerns Fischereiminister Till Backhaus (SPD) so: „Es ist unbegreiflich, warum ausgerechnet jene bestraft werden, die am wenigsten für den Abwärtstrend bei der Entwicklung des östlichen Dorschbestandes können“, lässt er mitteilen. Brüssel selbst habe darauf hingewiesen, dass sich die natürliche Sterberate etwa dreimal stärker auswirke als die fischereiliche Sterblichkeit. Die bisherigen wissenschaftlichen Systeme zum Umgang mit dem Klimawandel hätten versagt.

Auch Mitarbeiter an Land bedroht

Inzwischen sind die Gesellschafter aus Cuxhaven zur Krisensitzung nach Rügen angereist. Weil die Politik auch keine Ausgleichszahlungen in Aussicht stelle, drohe den vier Sassnitzer Kutterbesatzungen der Gang zur Arbeitsagentur, sagt Bruns. Betroffen seien vermutlich auch Mitarbeiter an Land, etwa die Filetierer und Restaurantkräfte.

Und auch der Kunde wird schon sehr bald das Fangverbot zu spüren bekommen. „Für kurze Zeit können wir im Restaurant noch auf unsere im Frühjahr angelegten Dorsch-Reservebestände in den Kühltruhen zurückgreifen“, sagt Bruns. „Doch der Dorsch wird bald rar. Denn die wenigen Anlandungen der Stellnetzfischer reichen nicht aus, um den Bedarf gerade jetzt in der Hochsaison zu decken. Und mit Sicherheit wird der ausgenommene Dorsch, der jetzt noch zum Kilopreis von 2,50 Euro zu haben ist, bald deutlich teurer.“

 

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