Nach Drama auf Usedom
Ostseeküste stellt sich auf Robben-Babyboom ein

Forscher erwarten für dieses Frühjahr viele neue Robbengeburten. (Archivbild)
Forscher erwarten für dieses Frühjahr viele neue Robbengeburten. (Archivbild)
Jordsand-

2018 feierten Tierschützer in MV die erste Kegelrobbengeburt seit über 100 Jahren. Aber auch die Totfunde nahmen drastisch zu – neue Herausforderungen für die Küstenorte.

Dieses Drama soll sich nicht wiederholen: Als am 15. April 2018 Spaziergänger am Usedomer Strand bei Heringsdorf ein Robbenbaby im weißen Lanugofell entdeckten, war die Aufregung groß. Dutzende Schaulustige umringten das von der Mutter allein gelassene Jungtier, ehe einer der Passanten die Polizei informierte. Die herbeigeeilten Ordnungshüter meinten es gut, aber sie waren nicht vorbereitet auf Robbennachwuchs. Die Polizei sprach von einem „gestrandeten Jungtier“. Tatsächlich soll die Mutter des Jungen draußen im Wasser gesichtet worden sein. Ein Feuerwehrmann trug das Jungtier ins Wasser. Es war das Todesurteil für die Robbe.

Denn das Fell junger Kegelrobben sei nicht ausreichend wärmeisoliert, sagt die Stralsunder Meeresbiologin Linda Westphal. Erst im Alter ab drei Wochen bekommen sie ein dickes Fell, das sie vor Kälte schützt. Solange bleiben sie für gewöhnlich an Land. Vorher können die Tiere im eiskalten Wasser nicht überleben. „Das Tier vom Heringsdorfer Strand haben wir nie wieder gesehen.“

Der Verlust war für Naturschützer umso schmerzlicher, weil seit der schonungslosen Robbenjagd Anfang des 20. Jahrhunderts an der deutschen Ostseeküste keine Lebendgeburt mehr registriert worden war. Erst am 8. März 2018 konnte an Rügens Kap Arkona die erste Robbengeburt nachweisen werden. Doch auch diese kleine Robbe hatte nicht überlebt. Sie lag noch mit der Nabelschnur am breiten Sandstrand. „Entweder war er verhungert oder ein Fuchs oder Dachs hatte ihn getötet“, sagt Westphal.

20.000 Kegelrobben in der Ostsee

Gleich vier Jungtiere hatten im vergangenen Jahr an Mecklenburg-Vorpommerns Küste das Licht der Welt erblickt, neben den beiden Pechvögeln von Hiddensee und Stubbenkammer auch noch zwei Jungtiere, die am 19. April auf der Greifswalder Oie und am 6. Juni in Gager gesichtet wurden. Forscher vermuten, dass es 2018 sogar noch mehr Nachwuchs gegeben haben könnte. „Wir wissen zum Beispiel nicht, was sich auf der abgelegenen Halbinsel Struck bei Lubmin und am Peenemünder Haken abgespielt hat“, sagt Westphal.

Auf mehr als 20.000 Tiere wird der einst 100.000 Kegelrobben zählende Bestand in der Ostsee gegenwärtig geschätzt. Mindestens 20 von ihnen gelten als Dauergäste. Doch zur Wurfzeit ab Februar, wenn der Hering zum Laichen an die ostdeutsche Küste zieht, folgen ihm deutlich mehr Robben. „Wir rechnen deshalb für dieses Frühjahr mit vielen neuen Geburten“, sagt Dr. Michael Dähne, Kurator für Meeressäuger am Meeresmuseum Stralsund.

Doch anders als die an Heuler gewöhnten Nordseeanwohner wissen die meisten Menschen in MV noch wenig über das Verhalten im Fall eines Robbenfundes richtig reagieren sollte. Wenn man ein weißes Jungtier sehe, sollte man es nicht anfassen, den Strand als 100-Meter-Ruhezone absperren und das Meeresmuseum informieren, rät Westphal. Denn oft würden die Jungtiere nur für einige Stunden