WALE UND FISCHE LEIDEN

Ozeaneum in Stralsund will „Kein Lärm Meer“

Nach der Sonderausstellung „Kein Plastik Meer“ vor fünf Jahren legt das Meeresmuseum nun nach. Mit „Kein Lärm Meer“ wird im Ozeaneum eine Ausstellung zum Unterwasser-Krawall gezeigt.
Eine Familie informiert sich im Ozeaneum an der neuen Hörstation über die verschiedenen Geräusche zum Beispiel von Robben, Walen und Gletscherabbrüchen.
Eine Familie informiert sich im Ozeaneum an der neuen Hörstation über die verschiedenen Geräusche zum Beispiel von Robben, Walen und Gletscherabbrüchen. Ralph Sommer
Stralsund.

Von wegen Stiller Ozean! In den Meeren dieser Welt geht es mittlerweile so laut zu, wie nie zuvor. Die Einflüsse der menschlichen Zivilisation sind selbst in den abgelegensten Seegebieten unüberhörbar, etwa wenn Touristenschlauchboote durch die Antarktis dröhnen.

Tausende hochmotorisierte Frachter durchpflügen mit ihren Schiffsschrauben die Meere. Sonargeräte nicht nur von U-Booten schicken ihre kristallklaren Ping-Töne kilometerweit durch die Tiefen. Rammarbeiten für immer mehr Offshore-Windparks und Schallkanonen bei der Bodenschatzerkundung lassen die Meeresböden dröhnen. Und der Knall von Explosionen bei der Sprengung von Minen und Bomben breitet sich in Sekundenschnelle aus und vertreibt die Meerestiere im Radius von mindestens 20 Kilometern.

Lärm in den Meeren vervielfacht

„Der Krach unter Wasser nimmt ständig zu“, warnt Dr. Harald Benke, Walexperte und Chef des Stralsunder Meeresmuseums, das nun in einer Ausstellung im Ozeaneum mit mehreren Stationen die bislang erst wenig behandelte Gefahr der Meeresverlärmung thematisiert. „Wir müssen unbedingt etwas dagegen tun“, mahnt der Forscher und verweist auf Schallschutzkonzepte, Blasenschleier bei Rammungen und modernere Schiffsantriebe.

Untersuchungen seit den 1960er Jahren zeigten, dass sich der Lärm in den Meeren pro Dekade durchschnittlich um 3 Dezibel erhöht habe, sagt der Kurator für Meeressäuger, Dr. Michael Dähne. „In einigen Gebieten hat sich der Lärm sogar alle zehn Jahre verdoppelt.“

Tödliche Lärm-Folgen für Wale und Delfine

Im Unterschied zur Problematik der Vermüllung der Meere lasse sich das Thema Lärm museal etwas schwieriger umsetzen, sagt Benke. In die Weltmeerausstellung sei eine Vitrine hinzugeführt worden, die zeige, dass zum Beispiel Fische durch zu viel Lärm ihr durchaus vorhandenes Hörvermögen verlieren und sogar Organschäden etwa an der Schwimmblase erleiden.

Bei Schnabelwalen und Delfinen erzwingt der Lärm ein zu schnelles Auftauchen mit tödlichen Folgen. Gravierend sind die Auswirkungen auch auf die feinen Sinneshaare bei Hummer, Krabben und Garnelen. Muscheln verschließen bei zu starken Schwingungen ihre Schalen und filtrieren weniger. Und bei den Meeresschildkröten weiß die Wissenschaft bislang erst wenig über deren Reaktion auf künstlichen Schall.

Weil auch über das Verhalten von Pinguinen wenig bekannt ist, hat das Stralsunder Museum unlängst das Forschungsprojekt „Hearing in Penguins“ gestartet. Dabei wird das Hörvermögen der flugunfähigen Seevögel über und unter Wasser untersucht. Unterstützt wird das Projekt vom Bundesumweltamt, dass allein 2018 insgesamt 148 Umweltforschungsprojekte mit zusammen 30 Millionen Euro gefördert hatte.

Horchstation in der Antarktis erfasst Unterwasser-Laute

In einer neuen Hörstation können Museumsbesucher jetzt auch die unterschiedlichsten Geräusche in den Ozeanen selbst erkunden. Zu hören sind zum Beispiel die Laute von Schwert-, Pott-, Blau- und Buckelwalen, von Wedell-, Ross- und Krabbenfresserobben, aber auch von vorbeifahrenden Schiffen und wie es sich anhört, wenn Gletscher kalben oder Eisberge miteinander kollidieren.

Einige dieser Geräusche stammen von der Horchstation „PALAOA“, die das Alfred-Weger-Institut in der Antarktis nahe der Schelfeiskante betreibt. Die unbemannte, automatisch arbeitende Station zeichnet ganzjährig Geräusche auf, die von vier Unterwassermikrofonen in 160 Metern Tiefe eingefangen wurden.

Die mit einem Heißwasserbohrer durch das Eis geschmolzenen Hydrofone haben auch Akustikwellen von Kreuzfahrtschiffen und Schallkanonen aufgezeichnet und an die 15 Kilometer entfernte deutsche Polarforschungsstation weitergeleitet. Per Satellitenübertragung gelangen die aufschlussreichen und alarmierenden Lärmprotokolle zu den Meereswissenschaftlern in Bremerhaven.

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