ISRAEL-KRITIK

Pommern-Bischof Abromeit erklärt sich zu Nahost-Rede

Der Greifswalder Bischof Hans-Jürgen Abromeit soll sich auf einer Veranstaltung mit übermäßiger Kritik an Israel hervorgetan haben. Dazu hat er am Montag eine Erklärung abgegeben.
Der frühere Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche und heutige Sprengelbischof der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit.
Der frühere Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche und heutige Sprengelbischof der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit. Stefan Sauer (Archiv)
Die Nordkirchen-Bischöfin Christina Kühnbaum-Schmidt tadelte Bischof Abromeit für seine Worte.
Die Nordkirchen-Bischöfin Christina Kühnbaum-Schmidt tadelte Bischof Abromeit für seine Worte. Rainer Jensen (Archiv)
Greifswald ·

Der scheidende Greifswalder Bischof Hans-Jürgen Abromeit hat sich am Montagmittag mit einer Presse-Erklärung zu Medienberichten erklärt, die ihm vorgeworfen hatten, bei einem Christen-Treffen in Thüringen eine „bizarre Anti-Israel-Rede” (Bild-Zeitung) gehalten zu haben. Auch die Nordkirchen-Bischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt äußerte sich und erklärte, sie sei „bestürzt” über Abromeits Rede.

In der nun von der Nordkirche veröffentlichten Erklärung schreibt Abromeit: „Ich bedauere außerordentlich, dass offensichtlich einige der aus dem Zusammenhang meines Vortrages herausgenommenen Formulierungen Anlass zu Missverständnissen gegeben haben. Insbesondere liegt es mir fern, die aus der deutschen Schuld und der christlichen Mitschuld gewachsene Verantwortung für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger Israels oder das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Ich tue das in meinem Vortrag und auch sonst mit keinem Wort.”

Vortrags-Manuskript nicht öffentlich

Die Berichterstattung in der Bild-Zeitung und der Welt hatte ihrerseits Bezug auf das christlich-evangelikale Nachrichtenportal idea.de genommen, das mit einem Artikel über die Rede berichtet hatte. Das Manuskript des Vortrags ist bislang nicht öffentlich, liegt dem Nordkurier aber vor.

Tatsächlich enthielt der Vortrag laut Manuskript den Satz „Aus dem Schuldbewusstsein der Deutschen folgt eine Überidentifikation mit dem Staat Israel”. Gleichzeitig lässt sich aus dem insgesamt 14-seitigen Manuskript aber nicht ableiten, dass Abromeit dieses Existenzrecht in Frage stellt. Vielmehr sagte er bereits wenige Sätze später laut Manuskript: „Es ist unglaublich kompliziert, diese Gemengelage aus Schuld, Verantwortung und Verpflichtung zwei Völkern gegenüber bei einer Betrachtung des Israel-Palästina-Konfliktes zu berücksichtigen. Man kann eigentlich nur daran scheitern.”

Rede wirbt um Verständnis für Standpunkte beider Seiten 

Gleich zu Beginn seiner Rede führte Abromeit dem Manuskript zufolge aus: "In der Regel ist es so, dass wir in Deutschland in der Regel wenig über die differenzierten Hintergründe des Israel-Palästina-Konfliktes wissen. Das hält die meisten aber nicht davon ab, eine feste Meinung dazu zu haben und feste Standpunkte einzunehmen. Ich versuche täglich dazu zu lernen, einen möglichst neutralen Standpunkt einzunehmen und Verständniis üfr die berchtigen Sichtweisen beider Seiten aufuzbringen."

Ähnlichlautend schließt Abromeit später auch seine Ausführungen: "Aus unserer Geschichte ist uns als Deutschen eine Verantwortung für die Freiheit und Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger im Staat Israel aufgetragen, aber das darf nicht auf Kosten der Freiheit und der Sicherheit der Palästinenser und Palästinenserinnen gehen. Doppelte Standards vertiefen den Konflikt und sind im Blick auf eine Lösung kontraproduktiv. Wir sollten versuchen, beide Narrative, den der Israelis und den der Palästinenser zu verstehen." 

Abromeit: Impulse für Nahost-Friedensprozess

Abromeit schrieb dazu am Montag: „Es ging mir im Rahmen einer persönlichen Darstellung darum, angesichts einer seit Jahrzehnten festgefahrenen Situation im Israel-Palästina-Friedensprozess suchend danach zu fragen, ob es in der Bibel Impulse gibt, die Bewegung ermöglichen könnten. Ich finde sie in der Botschaft der Propheten und Jesu.”

Er habe in dem Vortrag „vorsichtig tastend” die immer noch aktuelle Friedensbotschaft Jesu aus dem Matthäus-Evangelium hervorgehoben: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.” Dazu erklärt er weiter: „Ich weiß selbstverständlich, wie schwierig es ist, dieses Jesuswort in praktische Politik zu übersetzen. Es sollte aber dennoch auch heute gehört werden.“

Hans-Jürgen Abromeit ist seit 2001 Bischof in Greifswald, zunächst war er das geistliche Oberhaupt der Pommerschen Evangelischen Kirche. Seit deren Fusion mit der Nordkirche ist er Sprengelbischof für Mecklenburg und Pommern. Seine Amtszeit endet in wenigen Wochen, der Nachfolger ist bereits gewählt.

Scharfer Tadel von Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt

Von der Nordkirche hieß es in Ergänzung zu Abromeits Erklärung in einer separaten Presse-Erklärung: „Die Erste Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) bekräftigt die klare Haltung der Nordkirche gegenüber jeglicher Form von Antisemitismus.”

Es handle sich bei Abromeits Vortrag „um seine persönliche Meinungsäußerung.” Weiter hieß es von Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt: „Ich bin bestürzt und bedaure zutiefst, dass Ausführungen von Bischof Abromeit offenbar Anlass für Interpretationen gegeben haben, die die klare Haltung der Nordkirche gegen jede Form von Antisemitismus in Zweifel gezogen haben. Ich halte Begrifflichkeiten wie ‚Überidentifikation mit Israel‘ für völlig unangemessen.“

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Kommentare (3)

Der Staat Israel hat ohne die palästinensische Bevölkerung kein Existenzrecht. Die Palästinenser sind von ihrem Land vertrieben und enteignet. Nur ein gemeinsamer Staat von Juden und Palästinenser wird Frieden bringen. Und es ist Zeit die israelische Apartheid zu bekämpfen.

Die israelischen Politiker haben nach dem II. WK sehr schnell begriffen, wo der deutsche Knopf ist, mit dem sie auf die Tränendrüse drücken können. Ich halte nichts davon, Deutschland eine ewige Schuld zuzusprechen. Dann müßten wir ja wegen Napoleon immer noch Haß und Verbitterung gegen Frankreich empfinden. Millionen und Milliarden an Geld und Sachwerten hat Deutschland an Israel abgegeben - als Geschenk ! Man denke nur an die U-Boote, die sogar mit atomar bestückten Raketen ausgestattet werden können. Ich denke, deutsche Waffenlieferungen gehen nicht in Krisengebiete ? Von israelischen Bomben und Granaten sterben Menschen, ebenso wie von palästinensichen Bomben und Granaten. Merkt denn niemand, dass diese beiden Bevölkerungsgruppen nicht kompatibel sind ? Ich habe das Gefühl, die wollen keinen Frieden untereinander. Der Kommentar von MKardetzky geht absolut in Ordnung. Wer den Abromeit nicht verstehen will und ihm Dinge unterstellt, die er weder meinte noch sagte - das sind die wahren Hetzer.

Die vorigen Kommentare tun so, als ob die Schuld einseitig auf Seitens Israels liegt. Diese Sicht liegt nahe, da Israel stärker ist. Aber wir sollten nicht vergessen:

- Dass es zwischen Nazis und Arabern ("Palästinenser" wäre ein Anachronismus, das Wort bezeichnete bis ca. 1950 in Palästina geborene Juden) eine Zusammenarbeit gab, insbesondere in der Person des Großmufti von Jerusalem

- Dass es von Nazi-Offizieren geleitete syrische Truppen und die von Antisemiten Glubb geführte "arabische Legion" waren, gegen die Israel 1948 kämpfen musste - die Legion hat u.a. Jerusalem erobert und die Juden aus dem jüdischen Viertel der Altstadt vertrieben

- Dass auch nach 1948 Antisemitismus auf arabischer Seite normal war, noch zu Sadats Zeiten (natürlich vor seinem historischen Besuch) konnte in Ägypten "Mein Kampf" auf Arabisch gekauft werden - in einem Land mit Buch- und Pressezensur!

- Dass dieser Antisemitismus z.B. von der Hamas bis heute gepflegt wird (etwa in Videos, die zeigen, wie Juden zu Passah ein arabisches Kind schlachten)

Zusammen mit der Tatsache, dass praktisch jeder Israeli jemanden persönlich kennt, der einen Verwandten durch palästinensischen Terror verloren hat, erklärt das sehr viel ...

Klar, das oben Geschriebene ist etwas einseitig (aber die einzelnen Punkte stimmen), es soll die Einseitigkeit der bisherigen Kommentare kompensieren.