CORONA-KRISE IN DER LANDWIRTSCHAFT

▶ Preis-Schock beim Fleisch lässt Rinderbauern unbeeindruckt

Wegbrechender Export und geschlossene Gaststätten bringen den Markt für Kalb-, Rind- und Bullenfleisch bundesweit und in anderen Ländern in Aufruhr. Nur in MV bleiben die meisten Viehwirte gelassen. Was klingt wie ein Wunder, hat einfache Gründe.
Rico Stoltenfeld (im Hintergrund) hält bei Burg Stargard 70 Uckermärker Rinder. Beim Thema Preissturz bei Rindfleisc
Rico Stoltenfeld (im Hintergrund) hält bei Burg Stargard 70 Uckermärker Rinder. Beim Thema Preissturz bei Rindfleischpreisen kann er gelassen bleiben. Susanne Böhm
Teterow.

Die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise macht auch vor Deutschlands Rinderbauern nicht Halt. Wirtschafts- und Agrarmagazine vermelden seit Tagen Achterbahnfahrten bei den Preisen für Rindfleisch. Mal stürzen die Erlöse, die die Landwirte erzielen, in den Keller, dann steigen sie wieder leicht. Der Markt für Kalb-, Bullen- und Kuhfleisch ist in Aufruhr. Die Branche ist besorgt.

Gründe sind die komplett eingebrochene Nachfrage aus der Gastronomie und die rückläufigen oder komplett unterbrochenen Exporte in Länder wie Italien, Spanien oder Frankreich“, erklärte Bernd Wirtz vom Limousinhof Zippelow am Tollensesee. Der Rinderzüchter kennt sich aus. Er ist Beiratsvorsitzender des Exportförderers German Meat und Sprecher der „Export Association for Food and Agriproducts“. „Deutschlands größte Exportnation für Fleisch ist Spanien. Die Spanier mögen das sehr fette, marmorierte Fleisch unserer Rinder.“ Dass dieser Markt nun weggebrochen ist, bekommen natürlich auch Landwirte und Fleischer in der Mecklenburg und in Vorpommern zu spüren.

„Vorletzte Woche konnten wir noch einigermaßen gut verkaufen, inzwischen sind die Preise sehr schlecht“, sagte Bernard Kowolik von der Peeneland Agrar GmbH, die in Hohendorf bei Anklam 400 Fleischrinder hält. „In vier Wochen wollen wir wieder verkaufen. Wir beobachten den Markt mit Sorge.“

Christian Deutscher von der Landfleischerei Farms in Remplin bei Malchin kämpft mit Lieferengpässen bei Fleisch und Gewürzen. Auch bei der Entsorgung der Reste gibt es wegen geschlossener Grenzen enorme Probleme. Als Geschäftsführer muss er drei Schlachtereien in Malchin, Remplin und Teterow und zwei Verkaufswagen durch die Krise manövrieren. „Unser Partyservice und Buffets sind völlig zum Stillstand gekommen. Es gibt ja keine Jugendweihen und keine anderen privaten Feiern mehr. Uns geht es zum Glück aber nicht so schlimm wie den Hotels und Gaststätten. Wir bemühen uns, alles am Laufen zu halten und wollen nicht jammern. Wenn es so bleibt, sind wir noch mit einem blauen Auge davon gekommen“, sagte Deutscher.

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Geringe Exportraten sind im Augenblick ein Glück für die Landwirte

Doch so groß der Preisschock in Deutschland und den Nachbarländern auch sein mag – die meisten Viehwirte und Fleischer in Mecklenburg-Vorpommern zeigen sich relativ unbeeindruckt. Wie durch ein Wunder gibt es hierzulande bislang wenige Probleme. Bis auf ganz wenige Ausnahmen exportiert nämlich sowieso kein Unternehmen ins Ausland. Viele setzen auf Direktvermarktung, andere auf Bio-Produktion. Das zahlt sich in der Krise offenbar aus. „Bis jetzt haben wir keine Schwierigkeiten“, sagte Frank Wegner, Geschäftsführer der Torney Landfleischerei mit Sitz in Altentreptow. „Wir beliefern fast ausschließlich unsere eigenen Filialen, nur ein paar Supermärkte und gar keine Restaurants oder Hotels.“ Torney hat Filialen in Altentreptow, Neubrandenburg, Rostock, Rövershagen, Demmin, Ferdinandshof, Gnoien, Malchin, Neustrelitz, Pasewalk, Penzlin, Prenzlau und Sanitz. „Die Leute kaufen sogar ein bisschen mehr, weil sie zu Hause sind, die Restaurants geschlossen haben und sie selbst kochen müssen. Trotzdem wünscht sich keiner so eine Krise.“

Auch das Gut Borken bei Pasewalk verzeichnet „im Moment noch keine Absatzprobleme bei Biobulle, Biokalb und Bioschwein“, wie Geschäftsführerin Birgit Wendlandt erklärte. Ihr Unternehmen verkauft vor allem an den Erzeugerhandel Weidehof.

Ganz entspannt ist auch Rico Stoltenfeld von der RS Landveredelung in Burg Stargard. Der 29-Jährige hat den Familienbauernhof im Alter von 17 Jahren von seinen Großeltern übernommen und schon so manche schwierigen Gewässer durchschifft. „Wir produzieren Rindfleisch in bester Qualität. Für so etwas gibt es in der Region keinen Massenmarkt. Aber seit ein paar Jahren steigt die Nachfrage etwas“, sagte Stoltenfeld. Der Nebenerwerbs-Landwirt verkauft Tomahawk-Steaks, Tafelspitz und viele andere Zuschnitte im eigenen Hofladen. Rund 70 Uckermärker Rinder grasen ganzjährig auf den hügeligen Weiden am Fuße der Burg. Zur Stammkundschaft gehören rund 300  Leute, vorwiegend aus dem Raum Neubrandenburg, Neustrelitz und Feldberg. „Unser Hofverkauf läuft wie immer. Es kommen keine Massen, aber das wollen wir auch gar nicht.“

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Verkaufswagen bringt Waren in die Dörfer

Gelassen bleibt auch Jan Böttcher, Niederlassungsleiter der Thönes Natur Fleischhandels GmbH in Bollewick. „Wir schlachten 20 Schweine und zwei bis drei Rinder pro Woche. Rinder sind durch den Wegfall der Gastronomie kaum noch gefragt. Das lässt sich aber durch Schwein ausgleichen, welches wir hauptsächlich an Berliner Biomärkte verkaufen.“ Sein Unternehmen züchtet nicht selbst, sondern kauft Tiere von Landwirten aus dem Raum Waren, Rostock, Neustrelitz und Diemitz und lässt sie weiterverarbeiten. „Wirtschaftlich ist die Lage für uns nicht schwierig, menschlich aber trotzdem nicht lustig. Und wenn unsere Mitarbeiter krank werden, gibt es ein richtiges Problem. Ich klopfe auf Holz, bis jetzt läuft’s“, sagte Böttcher.

So geht auch Bernd Wirtz vom Limousinhof durch die Krise. „Wir exportieren nicht, und weil die meisten Restaurants Rind aus Argentinien wollen, arbeiten wir auch nicht mit Restaurants zusammen.“ Das sei zwar bedauerlich, aber auch verständlich – und aktuell sogar ein Glück. 2015 hat sein Familienbetrieb einen Hofladen eröffnet, zwei Mal im Monat werden Verkaufstage veranstaltet. Die Kundschaft kommt hauptsächlich aus Waren, Neustrelitz und Neubrandenburg, nimmt aber für das Fleisch der französischen Limousin-Rinder auch weitere Wege auf sich. „Wir haben sogar einen Kunden aus Pasewalk. Er fährt mehr als eine Stunde und kauft immer gleich Fleisch für 500 Euro“, erzählte Wirtz.

So schwierig die Zeiten auch sind, es gibt auch schöne Momente. „Wir fahren mit unseren Verkaufswagen durch die Dörfer und bringen die Ware direkt an die Haustüren“, berichtete Christian Deutscher aus Remplin. „Die alten Leute sind sehr dankbar, dass wir trotz Krise kommen. Manche haben sogar Tränen in den Augen.“ Bernd Wirtz blickt optimistisch in die Zukunft. In ein bis zwei Jahren will er auf seinem Hof ein Schlachthaus bauen. Dann ist sein Unternehmen noch unabhängiger von Krisen und anderen Ausnahmezuständen.

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