BÜRGERINITIATIVE LÄSST NICHT LOCKER

Radio-Rebellen holen sich Bürgermeister ins Boot

Die Bürgerinitiative für mehr deutsche Titel im NDR hat einen Gang höher geschaltet: Das Netzwerk wird auf den ganzen Osten des Landes erweitert. Außerdem gibt es eine Idee, wie sich der Musikbedarf aller Hörer einfach ermitteln lässt.
Helene Fischer steht bei den Radio-Rebellen hoch im Kurs.
Helene Fischer steht bei den Radio-Rebellen hoch im Kurs. Daniel Reinhardt
Neubrandenburg.

Der ehemalige Schuldirektor aus Neukalen hat seine Hausaufgaben gründlich gemacht. Am letzten Sonntag im August ist Peter Rathfisch extra früh aufgestanden, um Radio zu hören. Nicht zum Vergnügen, sondern als Tester. Er wollte wissen, wie es um das Verhältnis von deutschen und englischen Musiktiteln in einer Sendung von NDR 1 Radio MV bestellt ist, die extra für ältere Hörer gedacht ist. „Plattdütsch an‘n Sünndag“ heißt es morgens. Rathfisch hat ab sieben Uhr für zwei Stunden Protokoll geführt. Das Ergebnis: Von 22 gespielten Liedern waren 15 in englischer Sprache.

Die von Rathfisch ermittelte Quote von 68 Prozent zugunsten englischsprachiger Musik spült Wasser auf die Mühlen der „Bürgerinitiative (BI) für ein besseres NDR1 Radio MV“. Seit einem halben Jahr versuchen deren Mitglieder, im Musikangebot des öffentlich-rechtlichen Senders mehr deutsche Titel durchzudrücken. „Es ist doch seltsam: Wir sind fast eine halbe Million über 60-Jährige im Land, zahlen pünktlich unsere Gebühren und dürfen nicht bestimmen, welche Musik gespielt wird“, ärgert sich Günther Plagens aus Neukalen.

Bürgermeister haben sich in ihren Gemeinden umgehört

Seit kurzem ist der langjährige Bürgermeister der Kleinstadt Vize-Sprecher der Bürgerinitiative, die jetzt über die Stadtgrenzen von Neubrandenburg ein Netzwerk im gesamten Landesosten aufbauen will. „Wir müssen einfach mehr Druck erzeugen, um zum Zuge zu kommen“, sagt Plagens. Inzwischen hat sich der ehemalige CDU-Kommunalpolitiker die Rückendeckung der amtierenden Bürgermeister von Demmin, Altentreptow, Malchin, Gnoien, Stavenhagen und Neukalen gesichert. Die Verwaltungschefs haben sich in ihren Gemeinden umgehört und bemängeln in ihren Schreiben, dass gerade die ältere Generation im NDR-Musikprogramm zu wenig Berücksichtigung finde.

„Wir können bei uns doch nur wenige Sender empfangen. Deswegen wünschen wir uns gerade von unserem Heimatsender mehr deutschsprachige Musik“, bringt Thea Wetzel die Forderung der Radio-Rebellen erneut auf den Punkt. Derzeit würden mitunter gleich vier oder fünf englischsprachige Titel hintereinander gesendet. Dabei beherrsche von den älteren Leuten doch kaum jemand diese Fremdsprache. „Das doch wie zu DDR-Zeiten, wenn die da oben nicht auf uns hören wollen“, findet sie.

Alle Forderung liefen bisher ins Leere

Aus den Antworten auf mehrere Schreiben an die NDR-Spitze weiß BI-Sprecher Willi Behnick, dass der Sender sich mit seiner Musikauswahl die Zielgruppe der 40- bis 60-Jährigen anpeilt und sich dabei auf die Ergebnisse von Telefonumfragen stützt.  Behnick schwebt eine öffentliche Abstimmung über die Musikauswahl vor, wie sie im April im Fernsehen des Westdeutschen Rundfunks gelaufen sei. „Dort haben sich fast 87 Prozent der Teilnehmer für mehr deutsche Musik ausgesprochen“, berichtet er über das Ergebnis.

Vergeblich hat die Bürgerinitiative ihre Forderungen bisher per Brief dem Landesrundfunkrat nahe gebracht, der den NDR beaufsichtigt und berät. Rainer Tietböhl, Vizechef des Gremiums und Landesbauernpräsident, hat sich die Forderungen der Schlagerfans persönlich angehört. „Bei der nächsten Sitzung werde ich die Mitglieder informieren. Wir sollten mit der Initiative in Kontakt bleiben“, erklärt er. Tietböhl selbst spricht sich „gute deutsche Musik“ im Radio aus: „Ich kann die Leute verstehen, die nicht den ganzen Tag nur englische Musik hören wollen.“

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Kommentare (1)

Da tut mir der Herr Rathfisch ja leid, dass er sich 2 Stunden lang die missliebige Sendung anhören musste, nur um Protokoll zu führen. Auf der Webseite von NDR 1 Radio MV hätte dieser Akt 5 Minuten gedauert und wäre auch noch Tage später möglich gewesen (solange es noch geht: http://www.ndr.de/radiomv/programm/titelliste1206.html?date=2014-09-07&hour=08&search_submit=Anzeigen). Und es sind wirklich 7 Titel, die in (platt-)deutsch gespielt wurden. Einer hieß übrigens "Platt is cool". Gerade die Plattsnacker sollte sich nicht über die Nähe zur englischen Sprache beschweren. ;-)
Öffentliche Abstimmungen bzgl. der Musikauswahl, solange sie nicht wirklich repräsentativ sind, sind purer Populismus, zumal sie von natur aus ein verzehrtes Bild darstellen. Meist machen an solchen Umfragen nur Leute mit, die sich sowieso für das Thema interessieren. Die "schweigende Mehrheit" tut das, was sie immer tut: schweigen. Und sich darüber aufregen, dass irgendeine Minderheit ihre Interessen durchgesetzt hat. Aber lasst uns doch einen Versuch am lebenden Objekt machen: Zwischen zwei Media-Analysen wird dem Landesprogramm (NDR 1 Radio MV als "Heimatsender" zu bezeichnen finde ich schon irgendwie hanebüchen) ein Schlageranteil von 50% verpasst. So viel "gute deutsche Musik" gibt es zwar nicht, aber egal, die guten Titel kann man ja immer wieder und wieder spielen. Und dann wird nach einem halben oder ganzen Jahr die Mediaanalyse ausgewertet. Dann werden wir es ja sehen.

Außerdem würde ich doch dringend darum bitten, die "ältere Bevölkerung" nicht immer über einen Kamm zu scheren. "Wir sind fast eine halbe Million über 60-Jährige im Land ... und dürfen nicht bestimmen, welche Musik gespielt wird." Mir persönlich sind Mittsiebziger bekannt, denen zum Beispiel der Fischer-/Berg-&-Co.-Hype höllisch auf die Nerven geht und die lieber englischsprachige Musik hören, weil man da den Text nicht versteht und die Musik viel besser genießen kann. Denen gefällt das Programm, wie es jetzt ist.

Einzig wirklicher Nachteil ist, dass gefühlt der Plauderanteil entschieden zu hoch ist. Wenn man sich mal eine Weile aufs Programm einlässt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, in M-V findet eigentlich nur Wetter statt. Zumindest scheint in den Dampfplaudermoderationen nichts anderes vorzukommen (die Nachrichten bringen natürlich auch andere Themen). Dagegen müsste man mal was machen.