KOMMENTAR ZU RADWEGEN

Usedom-Gutachten lenkt nur von Untätigkeit in MV ab

Das Verkehrsministerium hat ein Gutachten zum Zustand der Radwege in Mecklenburg-Vorpommern vorgestellt. Dies ist jedoch völlig nutzlos – findet unser Kommentator Andreas Becker.
Andreas Becker Andreas Becker
dpa
Der Radweg an der Steilküste bei Meschendorf: So wie hier gibt es vielerorts in MV Sanierungsbedarf (Archivbild).
Der Radweg an der Steilküste bei Meschendorf: So wie hier gibt es vielerorts in MV Sanierungsbedarf (Archivbild). Bernd Wüstneck
Schwerin.

Man mag es kaum glauben: Da lässt das Verkehrsministerium in Schwerin ganze drei Prozent der Radwege in Mecklenburg-Vorpommern untersuchen und schließt daraus auf den Zustand des Gesamtnetzes. Und diese drei Prozent der Radwege befinden sich nicht etwa auf dem platten Land, sondern auf der Hochburg des Tourismus in MV, auf der Insel Usedom. Was sollen solche Gutachten? Sie kosten viel Geld und haben die zweifelhafte Aussagekraft eines Kindes, das man fragt, ob es heute schon Süßigkeiten gegessen habe.

Aber vielleicht möchte das Verkehrsministerium einfach sein schlechtes Gewissen beruhigen – ein schlechtes Gewissen, das vom jahrelangen Nichtstun rührt. Über einen langen Zeitraum haben das Land – aber auch Städte und Kommunen – die Radwege in unserem Land aufs Abstellgleis geschoben. Erst jetzt, nachdem Radtouristen dem Urlaubsland MV die rote Karte zeigen und lieber woanders in die Pedalen treten, reagieren die Verantwortlichen. Mit zweifelhaften Gutachten.

Dabei hilft manchmal einfach, selbst aufs Rad zu steigen – und sich realitätsnah in Lebensgefahr zu begeben. Beispielsweise auf der Bundesstraße 192 zwischen Roez und Penkow an der wunderschönen Mecklenburgischen Seenplatte. Dort streiten Land und Bund seit ewigen Jahren über den Bau eines Radweges – während Radfahrer auf der Bundesstraße zwischen überholenden Lkw und Leitplanken täglich fast zu Tode gequetscht werden. Ein ortsansässiger Radfahrer leidet noch heute schwer unter den gesundheitlichen Folgen einer Kollision mit einem Laster. Davon aber steht nichts im Gutachten.

Hintergrund: Gutachten soll hohen Finanzbedarf für Sanierung der Radfernwege belegen

Der Sanierungsbedarf auf den Radfernwegen durch Mecklenburg-Vorpommern ist fast 100 Mal höher als die vom Land für 2020/2021 eingeplanten 4 Millionen Euro. Um das rund 2500 Kilometer umfassende Fernwegenetz im Nordosten auszubessern und zu erneuern, seien etwa 348 Millionen Euro nötig. Das sagte Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD) am Dienstag in Schwerin. Die Hochrechnung basiere jedoch nur auf einer Begutachtung der Radfernwege auf der Insel Usedom.

Topographie und Wegeführung auf der Urlaubsinsel seien exemplarisch für das ganze Land. Deshalb habe sein Ministerium Fachleute aus Erfurt damit beauftragt, die dort von Radfahrern genutzten Wege mit spezieller Messtechnik genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei habe sich herausgestellt, dass die größten Defizite auf den zum Fernwegenetz gehörenden öffentlichen kommunalen Straßen bestehen. „Von den als Finanzbedarf für Usedom ermittelten 10,5 Millionen Euro entfallen 8 Millionen auf Straßen und 2,5 Millionen auf eigentliche Radwege”, resümierte Pegel.

Somit seien die von Autos weniger genutzten kommunalen Straßen im Radfernwegenetz mit einem Sanierungsbedarf von schätzungsweise 300 Millionen Euro auch landesweit der größte Kostenfaktor. Für Pflege, Sanierung und Ausbau der reinen Radwege sei ein Bedarf von 12,5 Millionen Euro ermittelt worden. Für Routen auf Wald- und Feldwegen bestehe ein Finanzbedarf von 32,5 Millionen Euro.

Radtouristen strafen MV ab

Der vielfach mangelhafte Zustand der Radwege hatte Mecklenburg-Vorpommern in der Gunst der Radtouristen zuletzt weit zurückfallen lassen. Die erheblich schlechter gewordenen Umfragewerte alarmierten Tourismuswirtschaft und Landesregierung. Eine gemeinsame Strategie von Land und Kommunen zur Verbesserung des Radwege-Angebots kam bislang aber nicht zustande.

„Den Radtouristen aus Stuttgart interessiert nicht, wer für den Weg zuständig ist, auf dem er gerade durch unser Land rollt. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass er zufrieden ist. Das Land ist bereit zu helfen”, betonte Pegel. Von den im Etat eingeplanten 4 Millionen Euro sollen nach seinen Angaben 3,5 Millionen in die Sanierung des Ostseeküsten-Radweges und des Radfernweges Berlin – Kopenhagen fließen.

Eine halbe Million gebe es für die einheitliche Beschilderung. Die Erneuerung der von Radfahrern genutzten Landstraßen sei allerdings Aufgabe von Kreisen und Kommunen. Diese hätten mit der geplanten Investitionspauschale vom kommenden Jahr aber deutlich mehr Geld für solche Projekte zur Verfügung.

Die AfD-Landtagsfraktion zog den per Hochrechnung ermittelten Finanzbedarf in Zweifel. Radwege im ländlichen Raum seien kaum mit denen der Urlaubsmodellregion Usedom vergleichbar, sagte der Abgeordnete Thomas de Jesus Fernandes. Der Beitrag des Landes zum Erhalt des Wegenetzes sei mit 4 Millionen Euro somit nicht mehr als ein Almosen.

Nach Erhebungen des Landestourismusverbandes ist etwa jeder zweite Urlauber im Nordosten mit dem Fahrrad unterwegs. Vize-Geschäftsführer Tobias Woitendorf hatte deshalb vom Land auch höhere Investitionen in Ausbau und Erhalt der Infrastruktur gefordert. Dem hatte sich der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) angeschlossen. Nach Angaben des ADFC-Landesvorsitzenden Horst Krumpen stieg die Zahl der Beschwerden über schlechte Radwege und Lücken im Netz von 2017 zu 2018 um 40 Prozent an.

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Kommentare (2)

... sind sich einig, dass 3 Prozent von 2500 km = 75 km ausreichen, um als Experten zu gelten.

Ein ausgezeichnet recherchierter und formulierter Artikel, Herr Becker.
Gutachten, die in Auftrag gegeben werden von denjenigen, die damit belegen wollen, das alles doch nicht so schlecht sei, sind das berühmte Feigenblatt zur Bedeckung der Blöße, die sich das Verkehrsministerium damit gibt. Wenn über der Insel Usedom drei Regentropfen niedergehen, kann doch auch nicht behauptet werden, in M-V habe es geregnet. Formal richtig, aber ohne jede Aussagekraft. Das übliche Politiker-Bla-bla eben.