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Räuber kommen mit Maske und silbernem Revolver

Der NSU-Abschlussbericht bündelt Details zu den Taten der Terrorgruppe.
Der NSU-Abschlussbericht bündelt Details zu den Taten der Terrorgruppe.
Rainer Jensen

Im eben vorgelegten Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses werden auch die Überfälle in Vorpommern geschildert. Die Täter erbeuten dabei insgesamt 254 965 Euro.

7. November 2006, 17.38 Uhr: Zwei maskierte Männer betreten die Sparkassenfiliale in der Kleinen Parower Straße 51-53 in Stralsund und bedrohen die sieben Angestellten und Kunden mit Pistolen. Der eine Täter schießt mit einem Schreckschussrevolver Richtung Decke und hält neben den Angestellten auch drei Kunden mit einer weiteren Pistole in Schach. Der andere erzwingt mit einem silberfarbenen Revolver bewaffnet die Öffnung des Tresors. Ihre Beute: 84 995 Euro.

Insgesamt zehn Morde und 15 bewaffnete Raubüberfälle werden der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zur Last gelegt, davon ein Mord in Rostock und allein zwei Banküberfälle in Stralsund. Jetzt beschreibt der Abschlussbericht des NSU-Bundestagsuntersuchungsausschusses erstmals auch, wie die Banküberfälle abgelaufen sind. Nur gut zwei Monate nach dem ersten schlagen die mutmaßlichen Täter, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, an gleicher Stelle und auf gleiche Art und Weise erneut zu.

18. Januar 2007, 17.15 Uhr: Ein Täter feuert mit einem Schreckschussrevolver in die Decke und hält Angestellte und Kunden mit einer weiteren Schusswaffe in Schach. Der andere bedroht eine Angestellte mit einem Revolver und erzwingt so die Öffnung des Tresors. Die Beute beträgt 169 970 Euro. Erst der letzte Raubüberfall, vier Jahre später in Eisenach, führt dazu, dass die Terrorzelle auffliegt – Mundlos und Bönhardt sterben durch die eigenen Kugeln. Ihre mutmaßliche Mittäterin, Beate Zschäpe, steht mittlerweile vor Gericht.

Die Raubüberfälle wurden laut dem Abschlussbericht in drei Bundesländern verübt: Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. „Mit Ausnahme der beiden Überfälle in Stralsund wurden die Überfälle damit in Bundesländern ausgeführt, in denen keine Morde und Sprengstoffattentate begangen wurden“, heißt es im Abschlussbericht. Die Überfälle fanden – ebenfalls mit Ausnahme Stralsunds – in der Nähe des vom Trio gewählten Lebensmittelpunktes statt.

Die bearbeitenden Polizeidienststellen hätten die Überfälle auf Grund übereinstimmender Merkmale als Teil einer Serie erkannt und auch so behandelt, so der Bundestagsuntersuchungsausschuss. Das gelte auch für die Überfälle in Stralsund – obwohl die Täter dort ihre Maskierung änderten. Einen Zusammenhang habe man vor allem aus der Tatsache schließen können, dass der Dialekt der Täter als sächsisch beschrieben worden sei. Ein Fahndungserfolg stellte sich jedoch nicht ein.

Auch nicht, nachdem die Beamten erstmals eine Phantomzeichnung veröffentlichen konnten – und zwar nach dem Januar-Überfall in Stralsund. „Da war es ja das einzige Mal, dass wohl eine Zeugin eine Person gesehen hat, ich glaube, in der Nähe der Sparkasse oder aus der Sparkasse herauskommend, von der man wohl meinte, es wäre der Täter, der wohl gerade die Maske abgenommen hatte. Und aufgrund dieser Wahrnehmung gibt es ein Phantombild“, schilderte ein Polizist dem Ausschuss. Doch die Auswertung per Computer habe nicht funktioniert. Ähnlich erging es den Ermittlern mit einer Funkzellenabfrage. Bis heute will kein Mitarbeiter der Sparkasse öffentlich über die Überfälle reden – der Schreck sitze immer noch zu tief.