Forscher warnen

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Rasante Ghettobildung im Osten

Schwerin belegt unter 76 untersuchten Städten den ersten Platz.
Schwerin belegt unter 76 untersuchten Städten den ersten Platz.
Jens Büttner

Auch 28 Jahre nach der Vereinigung werkeln die „Ost-Beauftragten“ der Bundesregierung mit sehr bescheidenem Erfolg daran, die Ungleichheit im Land zu überwinden. Dabei ist selbst im Osten eine brisante Entwicklung übersehen worden, die noch dramatische Folgen haben kann.

Gefühlt haben es die Menschen schon lange: Wo früher Nachbarn unterschiedlichster Bildungs- und Berufsschichten einträchtig nebeneinander lebten, türmen sich heute die Probleme. Viele Neubauviertel in den ostdeutschen Städten, zu DDR-Zeiten noch begehrte Adressen wegen ihrer modernen Ausstattung, sind zu Brennpunkten geworden. Und das mit einem Tempo und einer Dramatik, die noch für gewaltigen sozialen Zündstoff sorgen kann.

Dass der Osten in vielen unrühmlichen Statistiken vorne liegt, daran musste man sich in den letzten 28 Jahren leider gewöhnen. Hohe Arbeitslosigkeit, Überalterung, niedrige Einkommen – alles leidlich bekannt. Aber dass im Osten selbst die Ungleichheit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen so dramatisch gewachsen ist, erstaunte die Forscher vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung dann doch: Deutlich rasanter als im Westen verzeichnen sie in einer jetzt vorgestellten Studie (hier im Original) in ostdeutschen Städten eine Ghettoisierung.

Wer kann, zieht so schnell wie möglich aus diesen Gegenden weg, zurück bleiben die Armen, die Alten, die Arbeitslosen. Und besonders diejenigen, die früher hoffnungsfroh in ihre neue Platte gezogen waren, müssen im Alter mitansehen, wie ihre Viertel, die sie als Orte eines gleichberechtigten sozialen Nebeneinanders erlebten, zunehmend von Menschen mit guten Jobs gemieden werden.

Gut gemeinte Maßnahmen gegen die um sich greifende Verwahrlosung wie Quartiersmanagement oder Stadtteilbüros, die als Notnagel den sozialen Kitt in den Brennpunkten zusammenhalten sollen, verstärken oftmals nur noch das Gefühl, komplett abgehängt zu sein.

Rostock und Schwerin führen die Liste an

Besonders dramatisch, so stellten die Forscher fest, ist diese Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. Nirgendwo in Deutschland stieg die soziale Ungleichheit in den verschiedenen Quartieren von großen Städten so massiv an. Schwerin belegt unter 76 untersuchten Städten den ersten Platz, Rostock landet auf Platz zwei, Neubrandenburg – mit untersucht, obwohl keine Großstadt – liegt auf Platz 14 von 74 ebenfalls weit vorne.

In Brandenburg belegt Potsdam den sechsten Platz in der Reihenfolge der Städte mit den rasantesten wachsenden Ungleichgewichten zwischen armen und reichen Vierteln.

Vergleichbare Problemgebiete gibt es natürlich auch im Westen. Mit einem bedeutenden Unterschied: Als dort die Großsiedlungen angelegt wurden, waren sie von Anfang an für sozial Schwächere konzipiert. Wer dort hinzog, tat dies im Bewusstsein, dass er im Gegenzug für billige Mieten in industriell gefertigten Wohnquartieren auch ein entsprechendes soziales Umfeld vorfinden würde.

Im Osten dagegen war der Neubau hingegen ein Versprechen auf Gleichheit. Dass dem Zusammenbruch staatlicher Strukturen nach der Wende dann auch eine massive soziale Entwertung dieses Wohnumfeldes folgte, könnte mehr über eine im Osten weiter verbreitete politische Verbitterung erklären als immer neue Untersuchungen über angeblich Spätfolgen eines Lebens in der DDR.