PRIESTER ALS TÄTER

Rostocker Opfer erzählt von Missbrauch in Kirche

Der Rostocker Andreas T. wollte eigentlich Pfarrer im Dienst der katholischen Kirche werden. Doch dann traf er auf einen Priester, der ihn missbrauchte. Nun macht er seine Geschichte öffentlich.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Ein Missbrauchsopfer aus Rostock erzählt.
Ein Missbrauchsopfer aus Rostock erzählt. Friso Gentsch
Neubrandenburg.

Mit fester Stimme liest Andreas T. vom Blatt ab. Aufregung ist ihm kaum anzumerken, so wie der selbstbewusst wirkende 67-Jährige vor den knapp 100 Menschen in der katholischen Gemeinde Neubrandenburg steht. Doch innerlich brodelt es in ihm. Kein Wunder, erzählt er doch seine eigene Geschichte, die sich vor 40 Jahren abgespielt hat. Die Geschichte der Erniedrigung eines Rostocker Jugendlichen, der Priester werden wollte, aber an einen Priester geriet, der seine eigenen homosexuellen Neigungen an dem Minderjährigen ausleben wollte. Die Geschichte von Verschweigen und Vertuschung durch die Kirchenoberen bis hin zum Bischof. Die Geschichte, wie aus einem Opfer ein Täter gemacht werden sollte.

Andreas T. war Ministrant und Lektor in der Christusgemeinde, der größten katholischen Gemeinde in Rostock. „Ich fühlte mich sehr wohl in der Gemeinde. Sie war mein zweites Zuhause.“ Bis 1968 der neue Kaplan K. in die Gemeinde kam. Der junge Geistliche suchte die Nähe zu Andreas, „wie ein großer kluger Freund“. Der erste Annäherungsversuch ließ nicht lange auf sich warten. Nach einem „gemütlichen Gespräch“ habe K. ihn umarmt und ihn sein steifes Glied spüren lassen. „Ich war erschrocken. Das lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.“

Später habe ihn K. in verstörende Gespräche über den Geschlechtsakt verwickelt. Eines Tages habe der Kaplan über Rückenschmerzen geklagt und Andreas gebeten, ihm den Rücken mit einer Salbe einzureiben. „Plötzlich stand er völlig nackt vor mir und packte mich. Ich stieß ihn von mir. Beim Einreiben versuchte er mich immer wieder ins Bett zu ziehen.“ Wie sollte sich der völlig verunsicherte 15-Jährige dem Einfluss des älteren Kaplans entziehen? Er konnte ihm in der Gemeinde nicht aus dem Weg gehen. Mit Blick auf seinen Berufswunsch Priester hatte er „große Angst“. „Wie sollte ich mich K. entziehen, ohne dass er mein Feind wird?“

Den Mut, mit seinen Eltern zu sprechen, brachte Andreas T. nicht auf. Und der Pfarrer als Dienstvorgesetzter des Kaplans? „Ich konnte nicht mit ihm sprechen. Der Kaplan hätte die Schuld auf mich geladen“, ist sich Andreas T. sicher. „Wem würde die Gemeinde mehr glauben, dem älteren Kaplan oder mir als jungem Ministranten?“ Immer wieder habe der Kaplan versucht, den minderjährigen Andreas zu bedrängen.

Parallelen zum Fall des Priesters Timmerbeil aus Neubrandenburg

Der Fall zeige deutlich, dass es bei Missbrauch immer auch um Machtmissbrauch gehe, sagt Anne Drescher, Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und Beiratsmitglied des Bistums zum Thema Missbrauch. Die Macht über junge Menschen, die auch der Neubrandenburger Priester Hermann Josef Timmerbeil immer wieder ausgespielt hat, der wohl schlimmste Fall von Gewalt in der Kirche Mecklenburgs.

Dass junge Menschen solcher Macht ausgeliefert sind, sollte Andreas T. auch in den kommenden Jahren immer wieder leidvoll erfahren. Ein wenig Ruhe vor K. verschaffte ihm nur sein eineinhalbjähriger Dienst als Bausoldat. Die Ersatzvariante des Wehrdienstes bot Pazifisten die Möglichkeit, den Dienst an der Waffe zu umgehen.

Der Kaplan war zwischenzeitlich nach Wismar versetzt worden, wo er ab 1976 als Pfarrer der Gemeinde St. Laurentius agierte. „Die Angst ließ mich den Kontakt nie abbrechen“, schildert Andreas T. seine Nöte. Bei einem Besuch in Wismar sei K. erneut übergriffig geworden und habe versucht, T. im Gästezimmer der Gemeinde anzufassen. Andreas T. studierte inzwischen Theologie am Priesterseminar Erfurt, der einzigen Ausbildungsstätte für katholische Priester in der DDR.

„Mir war bewusst, dass ich Hilfe brauchte. Das Verhalten des Kaplans hat dazu geführt, dass ich in der Gemeinde und in der Kirche weitgehend isoliert war. Wenn ich mich gewehrt hätte, hätte ich K. zum Feind gehabt.“ T. vertraute sich dem Erfurter Regens (Leiter eines bischöflichen Seminars, d. Red.) Karl-Heinz Ducke an, der ihm damals geraten habe, „mit der Sache abzuschließen“. Eine Seelsorgehelferin, der er berichtete, habe ihm beschieden, „Andreas, Du musst Dich irren“. T. wollte „mit dieser Sache“ abschließen, fuhr also noch einmal zu K. nach Wismar und richtete klare Worte an diesen. K. habe ihm mit einer kühlen Entgegnung beschieden: „Auf Wiedersehen!“

Aus der Kirche heraus erhielt das Opfer keine Hilfe

Keiner half Andreas T. in seinen Nöten. Der junge Mann brach das Studium ab, um zwei Jahre später einen Neustart zu wagen. Er sprach beim damaligen Bischof für Mecklenburg, Heinrich Theissing, vor und berichtete ihm von seinen Erfahrungen mit Pfarrer K. Der Bischof stimmte der Wiederaufnahme des Studiums zu. Unter einer Bedingung: Andreas T. müsse vor dem Studienbeginn ein Praktikum absolvieren. Der Einsatzort: Die katholische Gemeinde in Wismar! Andreas T. wollte seinen Ohren nicht trauen. Bei der Begrüßung in St. Laurentius stellte K. klar, dass er Andreas T. nicht mit der Gemeinde arbeiten lassen werde. Das Praktikum sei eine „Bewährung“. „Ich wurde stattdessen zu Reinigungsarbeiten angestellt“, sagt Andreas T.

Er suchte erneut Bischof Theissing auf, um ihn über die Art und Weise des „Praktikums“ zu informieren. „Der Bischof machte erst große Augen und schrie mich dann an: Ich sollte K. nicht schlecht machen! Jetzt hatte ich auch den Bischof gegen mich.“ Als Andreas T. andeutete, dass er sich nicht mehr zurückhalten werde, diesen Sachverhalt anderen Priestern ungeschminkt mitzuteilen, habe Theissing ihm gedroht: „Wenn Sie das tun, werden Sie das vor Gott verantworten müssen!“

Andreas T. verabschiedete sich endgültig von seinem Berufswunsch, was er dem Bischof in einem Brief mitteilte, in dem er auch noch einmal den Grund anführte – die jahrelangen Übergriffe des Pfarrers K. Mehrere Durchschläge schickte er an verschiedene Funktionsträger der katholischen Kirche in Mecklenburg. „Ich habe nie wieder etwas von den Adressaten gehört.“

Nach seinem letzten Wort hätte man im Gemeinderaum in Neubrandenburg eine Stecknadel fallen hören können. Erst solche persönlichen Geschichten verdeutlichen das Leid, das sich hinter den blanken Zahlen verbirgt. Und bis heute hat Andreas T. seelisch mit den Ereignissen von damals nicht abgeschlossen. Bislang sind für Mecklenburg 54 betroffene Jugendliche und17 verdächtige Priester zwischen 1945 und 2015 dokumentiert.

Andreas T. musste sich neu umschauen, um eine Existenz in der DDR aufbauen zu können. Angesichts seines Glaubens, des angefangenen Theologiestudiums und des Dienstes als Bausoldat sei das alles andere als leicht gewesen, blickt er zurück. Andreas T. wurde Informatiker und lebt heute in der Nähe von Hamburg. Er möchte mit seiner Geschichte andere Opfer ermutigen, ihr Schweigen im Sinne der Aufklärung zu brechen.

Die Kirche will aus den Fehlern lernen und bietet Ansprechpartner

Der Erzbischof des Bistums Hamburg, Stefan Heße, hatte sich bei der Auftaktveranstaltung zur Missbrauchsstudie für Mecklenburg in Neubrandenburg ins Publikum gesetzt. Nach dem Vortrag von Andreas T. sprach er lange mit ihm. „Die Studie soll helfen, Licht in dieses dunkle Kapitel zu bringen“, sagte Heße danach: „Die Dinge, die geschehen sind, sollen aufgedeckt werden. Das sind wir den Betroffenen schuldig. Und ich hoffe, dass wir aus dieser Studie auch lernen können, was wir als Kirche besser machen können.“

Betroffene, die Kontakt zur Kirche suchen, können sich an folgende Ansprechpartner wenden:  

Erzbischöfliches Amt Schwerin, Claudia Schophuis hoppe@erzbistum-hamburg.de Lankower Str. 14/16, 19057 Schwerin  

Dipl.-Psychologin Susanne Zemke zemke@erzbistum-hamburg.de Am Mariendom 4,  20099 Hamburg  

Frank Brand (Rechtsanwalt) info@brand-ra.de Breite Straße 60,  23552 Lübeck  

Prof. Dr. med. Manuela Dudeck Ärztliche Direktorin, Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Günzburg, manuela.dudeck@bkh-guenzburg.de Ludwig-Heilmeyer-Str. 2/Haus 58,  89312 Günzburg  

Alternativ können sich Betroffene von Missbrauch an zahlreiche unabhängige Beratungsstellen wenden, weitere Infos dazu gibt es im Internet unter  www.hilfeportal-missbrauch.de  oder telefonisch (kostenfrei und anonym) unter 0800-22 55 530

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