Lorenz Caffier war Deutschlands dienstältester Innenminister. Mancher glaubte schon fast, er sei es von Gottes Gnaden.
Lorenz Caffier war Deutschlands dienstältester Innenminister. Mancher glaubte schon fast, er sei es von Gottes Gnaden. Martin Schutt
Kommentar

Rücktritt von Lorenz Caffier – Ein bitterer Abschied

Lorenz Caffier bleibt im Landtag, aber er ist nicht mehr Innenminister von MV. Schon seltsam, dass nun der Mann geht, der sonst immer einen Weg fand, Konflikte zu überstehen oder gar zu lösen, kommentiert Nordkurier-Chefredakteur Jürgen Mladek.
Neubrandenburg

Mit der Natur kann man nicht verhandeln, das hört man öfter bei den großen Fragen: Klima, Corona, Caffier. Ja, genau, Lorenz Caffier. Es war wie ein Naturgesetz, dass dieser Mann Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern ist, viele dachten mittlerweile sogar, dass er direkt vom lieben Gott eingesetzt wurde.

Caffier trieb Gegner in den Wahnsinn

Und genau mit dieser knorrig-heiteren Selbstverständlichkeit hat er sein Amt auch geführt, der irgendwann dienstälteste Innenminister Deutschlands, 14 lange Jahre am Regieren. Er sei „der Minister schlechthin“ gewesen, sagte sein designierter Nachfolger Torsten Renz gestern.

Es machte seine politischen Gegner wahnsinnig, wie unerschütterlich er da auf seinem Stuhl saß, alle Angriffe einfach abprallen ließ und sich mit dröhnendem Gelächter über die Aussichtslosigkeit solcher Attacken lustig machte. Scheinbar unverwundbar, weil es ja ein Naturgesetz war, dass er, Lorenz Caffier, Innenminister war.

Schon seltsam, dass es die Eiche stört, wenn ein paar Buchstaben an ihr kratzen

Und diese Rossnatur mit Sitzfleisch und Stehvermögen, dieser Mann, der trotz all der Jahre an der Macht eigentlich immer mit beiden Beinen am Boden blieb, tritt dann zurück, weil er von ein paar Buchstaben gepiesackt wird? Da hat der früher aber ganz andere Stürme abgewettert!

Mehr lesen: Lorenz Caffiers Rücktrittserklärung im Wortlaut

Lorenz Caffier war sich früher auch nicht zu schade, selbst mal zum Hörer zu greifen, wenn er sich in einer wichtigen Sache von Journalisten unverstanden fühlte. In MV kann man das noch machen, da fühlt sich die Presse nicht sofort in ihrer Freiheit bedroht, nur weil mal ein unzufriedener Leser anruft, egal ob Klempnerin oder Feuerwehr-Minister. Diese Telefonate waren stets vergnüglich, Caffier konnte genauso gut poltern wie schnell wieder lachen, und er wusste ja auch, wie das Geschäft läuft.

Eigentlich kein großes Ding

Und dann war alles anders. Da gab es ein paar kleine Nachfragen zu dieser blöden Waffengeschichte, eigentlich kein großes Ding, so konnte man es auch beim Nordkurier lesen. Falls, ja falls Lorenz Caffier zum Zeitpunkt des Kaufs tatsächlich nicht wusste und auch nicht wissen konnte, mit wem er es da zu tun hatte. Und dann war da noch diese, zugegeben, lästige Frage, warum Lorenz Caffier die Journalisten, die solche Fragen beharrlich schon seit April gestellt hatten, von der Spur abbringen wollte.

Auch das eigentlich keine große Sache, beim Nordkurier konnte man nachlesen, dass man so zwar viel Vertrauen zerstört und eigentlich zurücktreten müsste, dass das aber bei der Gesamtkonstellation in MV eher nicht eintreten wird.

Ungewohnt verletzt

Und dann gab es noch eine Kleinigkeit, nichts Belastbares, also wirklich nichts, weshalb irgend ein deutscher Maut-Minister oder eine Plagiats-Ministerin zurücktreten würden. Es gab da also noch den Hinweis, dass irgendwo im Apparat des Innenministers vielleicht doch jemand schon vor dem Waffenkauf Informationen darüber hatte, dass der spätere Waffenhändler, dem Caffier vertraute, schon ein wenig seltsam war.

Die Ostsee-Zeitung hatte zu diesem Zeitpunkt die Affäre bereits für beendet erklärt, Caffier allerdings mit Nachfragen zu Unregelmäßigkeiten bei der Abführung der Zweitwohnungssteuer für sein Ferienhaus auf Usedom genervt. Kleinbeträge. Schweriner Volkszeitung und auch der NDR hatten ebenfalls ihren Frieden mit der Geschichte rund um den Waffenkauf gemacht.

Und dann stellte sich Lorenz Caffier mit unerhörter Weinerlichkeit, die gegen alle bis dahin für den Innenminister geltenden Naturgesetze verstieß, vor die Mikrofone und erklärte, dass eine „enthemmte Berichterstattung“ und „Schlagzeilen, die sich einbrennen“, ihn von der Notwendigkeit eines Rücktritts überzeugt hätten.

Kaum zu glauben

Ich persönlich glaube ihm fast jedes Wort aus seiner in Teilen berührenden Rücktrittserklärung. Dass er dieses Land liebt und die Menschen mag, dass es ihm eine Ehre war, für das Land in so exponierter Funktion arbeiten zu dürfen. Und dass ihm die Begegnungen fehlen werden und er den Job verdammt gerne gemacht hat. Warum um alles in der Welt tritt er dann aber zurück?

Die angeführten Gründe kann ich angesichts von all dem, was mein Team und ich in den vergangenen Jahren mit Lorenz Caffier erlebt haben, einfach nicht glauben. Deshalb: Ein paar Fragen hätten wir da schon immer noch...

 

zur Homepage